07.06.10

Sparprogramm

Bundesregierung legt das Stadtschloss auf Eis

Mindestens drei Jahre länger als ursprünglich geplant müssen die Berliner auf den Wiederaufbau des Stadtschlosses warten. Der Bund muss sparen und verschiebt den Schlossbau auf 2014.

Quelle: tvb
07.06.10 3:16 min.
Mindestens drei Jahre länger als ursprünglich geplant müssen die Berliner auf den Wiederaufbau des Stadtschlosses warten. Der Bund muss sparen und verschiebt den Schlossbau daher.

Der Bau des Berliner Stadtschlosses wird auf 2014 verschoben. Für den Bau seien für die Jahre 2011 bis 2013 keine Mittel eingestellt worden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag in Berlin. Ursprünglich sollten die Bauarbeiten im Herbst 2011 beginnen. Im Jahr 2002 hatte sich der Bundestag mit überwältigender Mehrheit für den Neubau des sogenannten Humboldtforums ausgesprochen. 552 Millionen Euro sollte der Neubau insgesamt kosten. Betroffen ist der Haushalt von Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), der für den architektonischen Teil des Projekts zuständig ist. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach von einem "Armutszeugnis für Schwarz-Gelb".

Schloss-Architekt Franco Stella reagierte am Montag entsetzt auf die Entscheidung. "Soll Ulbricht nun das letzte Wort in Berlins Mitte haben?", sagte der mit dem Wiederaufbau des Schlosses beauftragte italienische Architekt. 1950 hatte der Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, beschlossen, das Schloss als ein Symbol des preußischen Absolutismus sprengen zu lassen.

Die einstige Preußen-Residenz durch den Palast der Republik ersetzt worden. Nach dem Abriss des asbestverseuchten Gebäudes entschied der Bundestag 2002, auf dem Gelände ein Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum ("Humboldtforum") zu errichten, das die Form und Fassaden des einstigen Schlosses erhält.

In dem Beschluss wird die "historische Bedeutung und kulturpolitisches Chance" des Wiederaufbaus ausdrücklich gewürdigt. Angesichts der "dramatischen Finanzsituation" hätten sich die Teilnehmer jedoch einmütig für die Verschiebung ausgesprochen, heißt es in dem Beschluss. Die Bauarbeiten für das sogenannte Humboldt-Forum im Stadtschloss sollten ursprünglich 2011 beginnen und bis Jahr 2017 dauern. Von den Baukosten entfallen 440 Millionen auf den Bund, die auf die kommenden Jahre verteilt ausgezahlt werden sollten. Weitere 80 Millionen will der Förderverein Berliner Schloss sammeln.

Um den Wiederaufbau des Schlosses wurde seit den 90er-Jahren erbittert gerungen. Die Gegner hielten es für rückwärtsgewandt, den ebenfalls historisch bedeutenden Palast der Republik einzureißen und die Barockfassaden neu zu errichten. Die Befürworten sahen im Humboldtforum die einmalige Chance, zusammen mit der in unmittelbarer Nähe gelegenen Museumsinsel einen "Ort der Weltkulturen" entstehen zu lassen. Im Schloss sollten vor allem die außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen untergebracht werden.

Nach Ansicht Wowereits ist mit der Verschiebung die Zukunft des Gesamtprojekts völlig ungewiss. "Die großartige Idee, auf dem wichtigsten Platz der Hauptstadt die außereuropäischen Kulturen zu präsentieren, wird jetzt kurzsichtiger Sparsymbolik geopfert." Wowereit hatte am Wochenende noch gesagt, der Schlossbau dürfe nicht "im schwarz-gelben Spargeschacher untergehen". Wowereit sagt weiter: "Ich kann vor einem solchen Beschluss nur dringend warnen. Es wäre ein kulturpolitischer Offenbarungseid des Bundes." Berlin erwarte vom Bund Verlässlichkeit statt einer "kurzsichtigen Kürzungspolitik, die sich noch nicht mal finanziell auszahlen wird". Berlins Kultursstaatssekretär André Schmitz reagierte enttäuscht auf die Entscheidung. "Das ist reine Symbolpolitik", sagte er. Der Bund könne mit der Verschiebung nichts sparen, sondern müsse im Gegenteil nun das "völlig marode Museum" im Stadtteil Dahlem sanieren. Die Sanierungskosten für den Dahlemer Museumskomplex wären nach Schätzung von Schmitz fast so hoch wie die Summe für das Humboldt-Forum.

Vorerst ist völlig unklar, wie die Zwangspause in der Praxis umgesetzt werden soll. Die Vorarbeiten sind bereits so weit gediehen, dass mancher Experte eine Vollbremsung für unmöglich hält. So arbeitet der beauftragte italienische Architekt Franco Stella seit langem mit einem Team von 60 Zeichnern und Planern mit Hochdruck an der Feinplanung des Entwurfs - bis Ende des Jahres ist sie fertig. Nach Angaben des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, haben die bisherigen Vorarbeiten bereits erhebliche Summen gefordert. "Die Verschiebung verschlingt nun weitere Mittel. Ob man bei alldem von Sparen sprechen kann, weiß ich nicht."

Betroffen reagierte der Vorsitzende der Fördervereins, Wilhelm von Boddien, der seit Jahren Spenden für das Projekt sammelt. "Die Frage des Spendervertrauens und der Zuverlässigkeit steht jetzt im Raum", sagte er. Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt, ein langjähriger Kritiker des Projekts, reagierte erfreut auf die Entscheidung. "Das ist ein spätes Eingeständnis, dass ein politisch gewolltes Projekt bei der Bevölkerung keine Rückendeckung bekommen hat", sagte er auf Anfrage. In einer Forsa-Umfrage hatten sich kürzlich 80 Prozent der Berliner dafür ausgesprochen, auf den Bau ganz zu verzichten.

Das Berliner Stadtschloss - eine Chronologie
1443
Grundsteinlegung für ein Schloss an der Spree.
1698
Beginn des Schlossbaus von Andreas Schlüter.
1845
Mit der Fertigstellung des Portals Eosander von Göthes bekommt das Schloss seine endgültige Form.
Februar 1945
Brand des Schlosses kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs.
22. Juli 1950
SED-Chef Walter Ulbricht verkündet den Abriss. Zwei Monate später wird die Schlossruine gesprengt.
1973-1976
Der Palast der Republik wird gebaut.
19. September 1990
Wegen Asbestverseuchung wird der Palast der Republik von der ersten frei gewählten Volkskammer geschlossen. Der Streit um die künftige Nutzung beginnt.
23. März 1993
Der Bund und das Land Berlin beschließen die Auslobung eines Internationalen Städtebaulichen Ideenwettbewerbes.
1993
Der Förderverein Berliner Stadtschloss setzt mit der Nachbildung der Schlossfassade an einem Gerüst die Debatte um einen Wiederaufbau der Preußen-Residenz in Gang.
Mai 1996
Der Gemeinsame Ausschuss von Bund und Land beschließt ein Konzept, das ein Konferenzzentrum mit Hotel, Bibliothek und eine Ausstellungsfläche sowie Läden und Geschäfte vorsieht.
Oktober 1997
Die Asbestbeseitigung am Palast der Republik beginnt.
20. Dezember 2001
Eine Expertenkommission mit 17 Fachleuten und 6 Politikern schlägt einen Nachbau des Stadtschlosses mit barocken Fassaden vor. Der Palast der Republik soll abgerissen werden. Im Schlossbau soll das "Humboldt-Forum" mit Museum, Bibliothek und Veranstaltungsbereich entstehen.
4. Juli 2002
Der Bundestag entscheidet mit überraschend klarer Mehrheit die Wiedererrichtung der historischen Schlossfassaden.
13. November 2003
Der Bundestag bestätigt mit den Stimmen aller Fraktionen – nur gegen die PDS-Abgeordneten – seinen Willen zum Wiederaufbau und fordert die Bundesregierung auf, mit den Planungsarbeiten zu beginnen.
8. November 2007
Das Stadtschloss darf nicht mehr als 552 Millionen Euro kosten. Mit dieser Auflage gibt der Haushaltsausschuss des Bundestages Grünes Licht für den Bau. Er ist zunächst von 2010 bis 2013 geplant.
14. Dezember 2007: Der Bauwettbewerb zum Humboldt-Forum beginnt.
28. November 2008: Den Zuschlag einer Jury aus Architekten und Politikern erhält der italienische Architekt Francesco Stella (Vicenza). Die Ruine des früheren Palastes der Republik, die anstelle des Stadtschlosses in der DDR gebaut worden war, ist weitgehend abgerissen.
November 2009
Die von der Bundesregierung gegründete Stiftung Berliner Schloss – Humboldt-Forum nimmt ihre Arbeit auf. Sie ist Bauherrin des Projekts. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler übernimmt die Schirmherrschaft.
2. Dezember 2009
Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigt die Rechtmäßigkeit des Auftrags an Architekt Stella, nachdem es Streit um die Auftragsvergabe gegeben hatte.
30. Dezember 2009
Stella erhält einen neuen, nun unumstrittenen Architektenvertrag. Bis Herbst 2010 soll die Entwurfsplanung überarbeitet und fertiggestellt sein.
Januar 2010
Der Bau des Informationszentrums zum Schlossprojekt ("Humboldt-Box") beginnt, Ende des Jahres soll sie eröffnet werden.
7. Juni 2010
Das Bundeskabinett beschließt unter Leitung von Kanzlerin Angela Merkel, den Baubeginn für das Schloss von 2011 auf 2014 zu verschieben.
November 2010
Das Bundesbauministerium nennt als Termin für die Fertigstellung das Jahr 2019.
Quelle: dpa/BMO
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Am Sonntag zieht der Karneval der Kulturen durch Kreuzberg
13:50Stadtfest
Karneval der Kulturen – Kreuzberg feiert, tanzt und lacht

In Berlin-Kreuzberg ist es heute wieder bunt und voll: 4400 Tänzer, Musiker und andere Akteure inszenieren den Karneval der Kulturen. 75 Gruppen sind laut Veranstalter bei dem Multikulti-Umzug dabei. mehr...

Die dänische Sängerin Emmelie de Forest hat den ESC gewonnen
08:29Malmö 2013
Eurovision Song Contest - Dänin vorn, Deutschland enttäuscht

Emmelie de Forest war die Favoritin der Buchmacher, und gewann mit ihrem Hippie-Chic tatsächlich den Eurovision Song Contest. Deutschland stürzt mit Euro-Trash-Klängen von Cascada auf Platz 21 von 26. mehr...


Flughafenchef Hartmut Mehdorn will den Airport Tegel bis 2018 offen halten und den BER etappenweise ans Netz gehen lassen. Mit seinen Plänen sind nicht alle Gesellschaftler zufrieden
07:22Hauptstadtflughafen
Was die Aufsichtsratsmitglieder von Hartmut Mehdorn halten

BER-Chef Mehdorn hat sich mit seinen neuen Hauptstadtflughafen-Plänen wenig Freunde gemacht. Besonders die Tatsache, dass er Tegel bis 2018 offen halten will, stößt vielen Politikern sauer auf. mehr...


In der U2 haben am Sonnabend mehrere Männer auf einen schlafenden Jugendlichen eingeschlagen
09:39Kriminalität
Schlägertruppe prügelt in U2 auf schlafenden 17-Jährigen ein

In einer Berliner U-Bahn kam es wieder zu roher Gewalt: Eine Gruppe von mehreren Männern wählte sich willkürlich einen schlafenden Jugendlichen als Opfer, und prügelte wild auf ihn ein. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Multimedia
Stadtplanung

Das Stadtschloss – Alt und Neu

no title Die Bundesregierung spart - der Bau des Berliner Stadtschlosses wird verschoben. Wie finden Sie das?

  • 63%
    Ich finde das richtig.
  • 35%
    Ich finde das falsch.
  • 2%
    Ich weiß nicht.
Abgegebene Stimmen: 5.613
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote