Comic

Berliner Mawil legt mit "Kinderland" siebtes Buch vor

Siebtklässler Mirco Watzke ist der Held im Comic „Kinderland“. Erzählt werden seine letzten Tage vor dem Mauerfall 1989. Als Schüler und Messdiener, im Ferienlager und beim Tischtennis.

Foto: Mawil/ Reprodukt Verlag / Mawi/Repro Verlag

Er ist schüchtern. Er stottert. Er nennt sich einen "Spätzünder". Untypischer kann ein Berliner kaum sein. Und anders als mancher Angeber ist Mawil – geboren 1976 in Mitte als Markus Witzel – auch noch erfolgreich. Mawil ist – in der noch überschaubaren Szene deutscher Comic-Künstler – ein Star. Journalisten haben ihn schon vor zehn Jahren mit Woody Allen verglichen, weil der seine Schwächen auch so gekonnt komisch herauskehrt.

Was Allen im Film ist Mawil im Comic. Das Genre hat in Deutschland mehr und mehr an Reputation und Lesern gewonnen. Mawil gehört – neben Ulli Lust und Fil, Reinhard Kleist sowie dem Duo Thomas Henseler und Susanne Buddenberg – zu den Berliner Zeichnern, die sich gut verkaufen.

Jetzt erscheint Mawils siebtes Buch. Der Reprodukt-Verlag hat die Auflage auf 6000 Exemplare angesetzt. Es heißt "Kinderland" und behandelt das Leben in der DDR. Hauptfigur ist der Siebtklässler Mirco Watzke. Mawil erzählt dessen letzte Tage vor dem Mauerfall 1989. Als Schüler und Messdiener, im Ferienlager und beim Tischtennis.

Die Wahrheit in der Erfindung

Mirco hat blonde Haare, Mawil dunkle. Das Buch sei, so Mawil, nicht autobiografisch. Nicht ganz. Mirco und Mawil teilen die Leidenschaft fürs Tischtennisspiel. "Jungen ohne Brille haben Fußball gespielt. Die mit Brille eben Tischtennis", erinnert er sich. Mawil trägt Hornbrille, eine Gemeinsamkeit, die er zwischen sich und Woody Allen sieht. "Ich bin da kein Fachmann." Er begreift sich nicht als Intellektueller oder Comic-Künstler, eher als Handwerker. Mawil zeichnet von Hand, mit Bleistift auf billigem Papier, scannt die Bilder im Rechner ein und malt dort aus. Farben haben Platz, der Strich ist locker. Mawil hat sich als Kind, die Comic-Zeitschrift "Mosaik" vor Augen, das Zeichnen beigebracht. Er baut Möbel, dreht Musikclips, hat Kuscheltiere genäht und Hörspiele aufgenommen. Sein Selbstwertgefühl ist gut.

Mawil ist nur schüchtern. Als echter "Schisser" habe er nichts Aufregendes aus seiner Kindheit zu berichten und sich Mircos Abenteuer ausgedacht. "Aber so wie Mirco reagiert und handelt, hätte ich es auch getan."

Mirco und Mawil sind in religiöser Minderheit aufgewachsen: als Katholiken in Ost-Berlin. Man sei "alternativ" im Vergleich zu den anderen gewesen, er habe "die Leute" als angenehm empfunden, auch weil "es dort Vertrauen gab. Man musste nicht vorsichtig herausfinden, wo der andere steht." In der Schule habe er keine Nachteile gehabt. "Da gab es nur eine wichtige Frage: Wer ist rot und wer nicht?" Mawil war offiziell rot – wie Mirco war er Mitglied bei den Jungen Pionieren, der politischen Massenorganisation für Kinder. "Meine Eltern wollten das, damit ich keinen Ärger bekomme." Er habe wie alle schnell gelernt, dass es zwei Wahrheiten gibt: "So musste man in der Schule reden – privat ging es anders." Es war nicht christlich, aber gelitten hat Mawil darunter nicht. "Mir ging es gut als Kind, ich spüre Nostalgie, keine Ostalgie. Ich bin behütet aufgewachsen, in einem kleinen, altmodischen Land." In dem es übrigens Bananen gab und man zu Depeche Mode tanzte.

Den Mauerfall bezeichnet Mawil als "good timing". "Ich stand kurz vor der Pubertät, da fangen die Probleme an. Ich hätte keinen Wehrdienst leisten wollen, der war in der DDR Pflicht. Die Auseinandersetzung blieb mir erspart." Auch die mit den Eltern. "Sie hatten wegen der Wende große Sorgen. Keiner wusste, wie es beruflich weitergeht. Da konnte ich nicht rebellieren." Als er schließlich der Anziehungskraft des Verbotenen erlag und Graffiti sprühte, wurde er sofort erwischt. Vielleicht ist Gott bei Katholiken strenger? "Keine Ahnung – jedenfalls war es das dann für mich."

Mawil nennt sich Looser. Die Angst vor einem Missgeschick beschreibt er ganz selbstverständlich: Jungs, denen Angstperlen auf der Stirn stehen, wenn sie von Mädchen angesprochen werden, wenn sie im Gitarrenladen vor Altmusikern eine erste Gitarre ausprobieren, wenn sie vor Publikum den Tischtennisball ins Aus hauen. Mawil hat keine Botschaft. "Ich zeichne Funnies. Die Leute sollen sich freuen, wenn sie etwas wiedererkennen." Und man entdeckt in jedem seiner Bücher das eigene Scheitern. In dieser Peinlichkeit steckt verdammt viel Stolz. Mawil schildert das Versagen mit solcher Leichtigkeit, dass die Lust am Lachen jedes Leiden lindert. In Mawils Figuren steckt die Beharrlichkeit eines Stehaufmännchens. Das steht auf, nachdem es hingefallen ist. Und zwar immer wieder.

Nominiert für den Max und Moritz

Wer nun glaubt, Mawils Figuren seien brav, irrt. Sie lügen. Sie saufen. Sie sind scharf auf Frauen. Mawil hat also doch eine dunkle Seite. Eine ökologische Ader hat er auf jeden Fall: Er fährt inzwischen Fahrrad statt Auto. Außerdem ist er sparsam. "Ich habe zum Glück eine günstige Wohnung mit Ofenheizung. Aber das Schleppen und der Staub sind Scheiße." Comiczeichner werden in ihren Kreisen berühmt und verehrt. Reich werden sie nicht. Mawil lehnt trotzdem manchen Auftrag ab. "Ich will mir die Freude am Zeichnen erhalten." Er unterrichtet als Dozent an der BTK-Hochschule für Gestaltung und gibt Workshops. Diese Woche war er in Erlangen, wo im Juni Deutschlands wichtigster Comic-Salon stattfindet. Mawil ist dort bereits zum zweiten Mal für den "Max und Moritz" nominiert, die bedeutendste deutsche Auszeichnung für Comiczeichner.

Die erste Nominierung bekam Mawil für seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Berlin in Weißensee, die sich in der vierten Auflage bis nach Brasilien und Russland verkauft, auch in Frankreich, Spanien, Großbritannien und Polen. Sie heißt: "Wir können ja Freunde bleiben". Noch so ein Spruch, den keiner hören will. Daher auch der Spätzünder. "Damals war ich echt noch zu jung", sagt Mawil. Er meint die Nominierung vor zehn Jahren. Er meint die Frauen. Mawil ist jetzt 38 Jahre alt, hat eine Freundin. Die Jugendthemen hat er mit den Büchern über Frauen, seine Band, Kindheit und Tischtennis abgearbeitet. Sieben Jahre hat er an "Kinderland" gearbeitet. Das nächste Buch soll schneller kommen. Vielleicht handelt es von Erwachsenen. Die sind komisch genug.

An diesem Sonnabend (10. Mai 2014) ist Gratis-Comic-Tag. Besucher von Comicläden können kostenlos eigens produzierte Hefte mitnehmen. In Berlin sind der Reprodukt Verlag (mit "Kinderland") und 18 Händler beteiligt, u.a. Comics & Graphics, Dussmann das Kulturhaushaus, Grober Unfug, Lehmanns. Infos: gratiscomictag.de

Foto: Massimo Rodari

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