TV-Kritik

Der "Tatort" aus Luzern zeigt finstere Abgründe im Schweizer Idyll

Eine Frau wird tot an einem Bahngleis gefunden. Sie hat drei Kinder von drei Männern. Sind die Väter in die Tat verstrickt? Reto Flückiger und Liz Ritschard ermitteln in einer Patchwork-Familie.

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gab es irgendwann in den Neunzigern mal einen Abend mit Christoph Schlingensief, auf dem einige Videos gezeigt wurden. Für eines davon hatte sich jemand die Mühe gemacht, aus sehr vielen "Derrick"-Folgen den Moment herauszusuchen, in dem Stephan Derrick und Harry Klein eine Todesnachricht überbringen. Das Ergebnis war eindrucksvoll: Man hörte dutzend- und aberdutzendfach den Satz "Ihr Mann ist tot", und dann sah man ebenso oft die immer gleiche Reaktion in immer anderen Gesichtern: "Tot?! Was sagen Sie? Wie meinen Sie 'tot"?" Das ging minutenlang so. Es wurde klar: Es gibt in Kriminalfilmen oft nichts derart Stereotypes wie das, was ja eigentlich eine Ausnahmesituation ist: vom Tod eines geliebten Menschen zu erfahren.

Ein schrecklicher Moment

Im "Tatort" aus der Schweiz mit dem Titel "Zwischen den Welten" muss Regisseur Michael Schaerer diesen Moment in seiner denkbar brutalsten Spielart inszenieren. Hier sind es drei Kinder, minderjährig allesamt, die vom Tod ihrer Mutter erfahren. Die ist gerade tot an den Gleisen der Luzerner Bahn aufgefunden worden, jemand hat sie von einer Brücke gestoßen. Die Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) sehen in ihre Gesichter und gehen wieder, dann rufen Sie draußen eine Psychologin an. Deren Stimme hört man dann nur in Satzbrocken, sie klingt besänftigend durch eine Tür, hinter der sie mit den Kindern sitzt. Es ist ein ganz schrecklicher Moment und doch einer der stärksten, die diese "Tatort"-Folge zu bieten hat. Danach kommt nicht mehr viel.

Etwas übereifrig und verkrampft setzen sich die Drehbuch-Autoren Eveline Stähelin und Josy Meier mit ihrer Geschichte gegen die Klischees zur Wehr, die hierzulande über die Schweiz kursieren mögen. Nein, wir haben es hier nicht mit behäbigen Bergbewohnern zu tun, die mit ihrer superintakten Familie im Chalet sitzen und grillierte Poulets degustieren. Nein, so ist die Schweiz nicht, sie ist hart, prekär, und sie voller Patchwork-Familien. Denn die Kinder der Toten, so erfahren wir, stammen von drei verschiedenen Vätern: Einer ist nach Indien ausgewandert und lebt in einem Ashram, ein weiterer ist längst mit einer anderen zusammen, zahlt Alimente und will es damit gut sein lassen, während ein Dritter sich um seine Sorgerechte betrogen sieht und nach der Trennung einen wüsten Hass auf alle Frauen entwickelt hat.

Wütende Väter, esoterische Heiler

Ist ja klar, dass dieser Dritte, Daniele Rossi (Hans Caspar Gattiker), gleich ins Zentrum der Verdächtigungen gerät. Er hat ein Alibi, ein Champions League-Spiel hat er sich zur Tatzeit angesehen – aber seine Bürgen sind frustrierte Väter wie er, die sich mit ihren Ex-Frauen um die Kinder streiten. So unglaubwürdig wie diese Truppe ressentimentgeladener Herren daher kommt, so vorhersehbar ist auch der Zorn der Ermittlerin Liz Ritschard auf die frauenfeindlichen Phrasen, die dort gedroschen werden. Dass der Geschichte dann auch noch ein esoterischer Strang eingeflochten wird, in der ein spiritueller Heiler (Grégoire Gros) eine wichtige Rolle spielt, lässt sie auch nicht besser werden, bis sie endlich in ein ziemlich hanebüchenes Finale läuft.

Tatort: Zwischen zwei Welten, ARD, Ostermontag, 20.15 Uhr

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