Theater Oranienplatz-Flüchtlinge stehen jetzt auch auf der Bühne

Foto: Reto Klar

Die Flüchtlinge vom Oranienplatz proben ein Theaterstück. Für viele ist es eine Auszeit vom Alltag - obwohl es um Flüchtlingspolitik geht. Und auch im Theater gibt es am Ende keine wirkliche Lösung.

Jack ist sauer, denn der Abend droht zur Farce zu werden. Gewichtige Gäste sind zum Geschäftsessen geladen, und ausgerechnet jetzt schleppt seine Frau diese Flüchtlinge in der Wohnung an. Die machen Lärm, vergreifen sich an seiner Garderobe und sind überhaupt ziemlich unmöglich. Jack will mit denen nichts mehr zu tun haben. Die Szene endet mit Streit.

"Das war schon sehr gut, bis zum nächsten Mal lernt ihr bitte eure Texte noch mal", ruft Anna-Katharina Schröder. Im fünften Stock eines Kreuzberger Kulturzentrums versammelt die Regisseurin ihre Schauspieler um den Tisch. "Das Tee ist alle, nicht wunderbar", sagt einer und sorgt für Gelächter. Für heute ist Schluss, morgen wird wieder geprobt. Wie fast jeden Tag. Jack, der auch abseits der Bühne so genannt werden will, ist zufrieden: "Das macht so viel Spaß hier. Eine Auszeit vom täglichen Leben."

Der reale Jack, der fiktive Jack

Jack ist aus Afrika geflohen, vor vielen Jahren. Inzwischen lebt er in Berlin, sein Aufenthaltsstatus ist nicht geklärt. Der 42-Jährige wohnt mal hier, mal dort, auch im Camp auf dem Oranienplatz ist er oft. Er will weiter kämpfen. Auch deshalb ist er dabei.

Der Jack im Theaterstück ist ebenfalls geflohen, aber er hat den Durchbruch geschafft: Hochzeit mit einer Deutschen und die Staatsbürgerschaft, eine erfolgreiche Karriere als Immobilienunternehmer, Ansehen, Geld. Er hat sich in Deutschland angepasst, mit seiner Vergangenheit will er nichts mehr zu tun haben. Doch seine Frau Marie, eine politische Aktivistin, setzt sich für die Rechte von Flüchtlingen ein. Sie bringt sie zum Geschäftsessen in die Wohnung, weil dort ein wichtiger Politiker sein wird. Währenddessen laufen im Radio aktuelle Nachrichten zur Flüchtlingsproblematik, auch über die Situation auf dem Oranienplatz. Der Konflikt im Wohnzimmer von Jack und Marie scheint programmiert.

"Grenzfälle", das am 23. April im Heimathafen Neukölln uraufgeführt wird, ist ein fiktionales Stück; Entstehung und Hintergrund könnten nicht realer sein. Im Dezember war Regisseurin Schröder, 25, auf einer Demonstration in Kreuzberg. Ihr Interesse an den Menschen, die dort singend zum Roten Rathaus marschierten, wuchs. Sie ging auf die Geflüchteten zu und erzählte von ihrer Idee.

Flüchtlinge spielen sich quasi selbst

Die Resonanz war groß, aus vielen Treffen entwickelte Schröder die Handlung und stellte ihre Besetzung zusammen. "Ich kann ja kein Stück über Leute machen, von denen ich nichts weiß", sagt sie. Außer Jack sind fünf weitere Flüchtlinge dabei, die meisten Bewohner vom Oranienplatz. Sie spielen sich quasi selbst.

Das gibt dem Stück eine besondere Note, auch wenn Schröder sich ziemlich viel vorgenommen hat. Denn statt die Geschichte der Berliner Flüchtlinge zu erzählen, geht sie einen Schritt weiter: "Grenzfälle" will sich, ausgehend von Berlin, der gesamteuropäische Flüchtlingsproblematik annehmen. So soll Jack den "übertriebenen Anpassungszwang" und andererseits die Gesellschaft darstellen, die sich mit dem Thema Flüchtlinge nicht auseinandersetzt. Der Politiker, mit dessen Hilfe er ein Bauvorhaben durchsetzen will, verliert sich derweil in Floskeln, für ihn sind die Flüchtlinge nur Zahlen und Fakten auf einem Blatt Papier.

Auf beide Rollen projiziert Schröder ihren Vorwurf. "Nicht alle, aber viele Politiker halten sich aus dem Thema raus", sagt sie und spricht jetzt sehr schnell: von Silvio Berlusconi und seinem "menschlichen Tsunami", den er beschworen hat, von der Agentur "Frontex", die im Namen Europas die Grenzen vor Einwanderern schützt, irgendwann sogar von der Krim. "Warum sind wir Menschen so auf Kampf gepolt?", will Schröder wissen.

Probleme lassen sich auch im Theater nicht lösen

Es ist viel, ein bisschen zu viel Idealismus dabei, das gibt Schröder auch zu. Das europäische Flüchtlingsproblem lässt sich nicht am Oranienplatz lösen und schon gar nicht im Theater. Vielmehr könnte "Grenzfälle" die Selbsterfahrung seiner Macher auf das Publikum übertragen. "Ein weißer Fleck auf der Karte in Kreuzberg, wo ich lebe, ist nun mit Menschen und Geschichten gefüllt", sagt Jan Möller, 28, der die Musik komponiert. Aus Bekanntschaften sind Freundschaften geworden, die tägliche Arbeit schweißt zusammen. "Das Stück soll die Leute aufmuntern, die Geflüchteten in ihr Leben mit einzubeziehen", sagt Möller.

Und es ist eine Fördermaßnahme. Keine vom Senat, sondern eine, die zum Teil durch Crowdfunding, bei dem Geld für ein Projekt über eine Internetplattform gesammelt wird, finanziert werden muss. "Die Proben sind gut für mein Deutsch", sagt Kokou, 32, der den Momo spielt. Kokou lebt auf dem Oranienplatz, wer ihn dort trifft, erlebt einen nachdenklichen, besorgten Mann. Auf der Bühne lächelt er. Mindestens zweimal.

Kokou gehört zu den Flüchtlingen, die mit dem von Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Mittwoch unterbreiteten Angebot nicht einverstanden sind. Eine Szene des Stücks spielt im Gericht, es geht um Aufenthaltserlaubnisse, Arbeitsrecht, Deutschkurse. Eine Lösung gibt es am Ende nicht. Wahrscheinlich ist "Grenzfälle" in keinem Moment näher an der Realität.

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