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01.02.10

Sexueller Missbrauch

Jesuiten suchen in Berlin nach Erklärungen

Der Vorsteher des deutschen Jesuitenordens, Stefan Dartmann, hat die Schüler, die von Jesuiten-Patres missbraucht wurden, um Entschuldigung gebeten. Er bat auch um Verzeihung dafür, dass der Orden jahrelang nicht handelte, obwohl Missbrauchs-Vorwürfe aufkamen. Ein Schüler reagierte schließlich: Er verübte 1986 einen Mordanschlag auf einen Pater, der ihn missbraucht haben soll.

© dpa
Pk Deutscher Jesuiten-Chef in Berliner Kolleg
Der deutsche Jesuiten-Chef, Provinzial Stefan Dartmann, stand im Berliner Canisius-Kolleg Journalisten Rede und Antwort

Auf Pater Peter R., der des systematischen sexuellen Missbrauchs von Schülern des Canisius-Kollegs verdächtigt wird, ist 1986 ein Mordanschlag verübt worden. Diesen bisher nur von ehemaligen Schülern verbreiteten Vorfall hat das Bistum Hildesheim nun bestätigt. Täter war nach Informationen von Morgenpost Online ein ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin. Er soll den ehemaligen Religionslehrer und Leiter der außerschulischen Jugendarbeit „Gemeinschaft christlichen Lebens“ mit einem Messer angegriffen und verletzt haben. Motiv war nach Aussagen damaliger Freunde Rache für die erlittenen Demütigungen. Kurz darauf beging der Angreifer Selbstmord. R. war nach seinem Weggang vom Canisius-Kolleg einige Jahre an der von Jesuiten geführten Göttinger Gemeinde St. Michael in der Jugendarbeit tätig.

Pater Provinzial Stefan Dartmann suchte am Montag im Canisius-Kolleg nach Erklärungen, warum der Orden es zuließ, dass Pater R. und der ebenfalls wegen sexueller Übergriffe aufgefallene Pater Wolfgang S. nicht wenigstens der Kontakt zu Jugendlichen verboten wurde. „Wir lernen jetzt Verantwortung“, sagte er, „im Orden und in der Kirche“. Im Namen des Ordens bat er um Entschuldigung.

Missbrauch in konfessionellen Einrichtungen
Der Verdacht des Missbrauchs am katholischen Privatgymnasium Canisius-Kolleg in Berlin ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Übergriffe an katholischen Einrichtungen bekannt. Fälle aus Deutschland und dem Ausland:
Im Juli 2008 wurde ein ehemaliger Domkapitular der Erzdiözese Bamberg von seinen kirchlichen Ämtern enthoben. Ermittlungen hatten ergeben, dass der damals 64-Jährige zwischen 1978 und 1984 in zehn Fällen in einem Schülerwohnheim sexuelle Handlungen an Kindern unter 14 Jahren vorgenommen hatte. Da die Vorwürfe jedoch verjährt waren, musste sich der Mann nicht vor Gericht verantworten. Eine Anklage war trotz eines hinreichenden Tatverdachts nicht mehr möglich.
Im Oktober 2008 wurde bekannt, dass sich ein Pfarrer eines Internats in Bayern zwischen 1972 und 1976 an mindestens 16 Jungen vergangen hatte. Einige Schüler mussten zusehen, wie sich der Mann im Schlafsaal an ihren Freunden vergriff. Der Mann gestand die Taten, konnte wegen Verjährung aber nicht mehr strafrechtlich belangt werden. 2009 verlor der damals 71-Jährige jedoch sein Priesteramt. Nach einem Bittgesuch an Papst Benedikt XVI. entzog das Oberhaupt der katholischen Kirche dem Mann alle Rechte und Pflichten, die mit dem Klerikerstand verbunden sind. Der Mann sollte aber noch Mitglied des Ordens bleiben.
Auch in Irland wurden in katholischen Einrichtungen unzählige Kinder missbraucht. Wie Ermittlungen einer Sonderkommission im Mai 2009 ergaben, erniedrigten und missbrauchten Priester, Nonnen und Mönche über Jahrzehnte tausendfach Kinder. Die Jungen und Mädchen wurden in Schulen, Heimen oder Erziehungsanstalten zwischen den 30er und 90er Jahren vergewaltigt, geschlagen und gequält. Neue strafrechtliche Ermittlungen ergaben sich durch den Bericht allerdings nicht, weil nach einer früheren Entscheidung die Namen der Peiniger für die Untersuchung anonymisiert werden mussten. Einzelne Täter waren schon früher verurteilt worden. Mehr als 12.000 Opfer wurden mit mehr als einer Milliarde Euro entschädigt. Der Skandal war nach einer TV-Dokumentation Ende der 90er Jahre ans Licht gekommen.
In den USA wurde die katholische Kirche vor einigen Jahren von einer Serie von Pädophilen-Skandalen erschüttert. Bis 2002 waren mehr als 25 Priester nach Vorwürfen sexuellen Missbrauchs zurückgetreten oder des Amtes enthoben worden. Die Kirche zahlte Millionenbeträge an hunderte Opfer, die nach eigenen Angaben jahrelang von Priestern missbraucht worden waren.
Quelle: dpa
Quelle: jof
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