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30.01.10

Canisius-Kolleg

Täglich neue Missbrauchsopfer - und Täter

Pater Klaus Mertes ist bewusst, dass er mit seinem Schreiben an die ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs in Tiergarten eine Welle losgetreten hat. Sie baut sich jetzt gewaltig auf: Mindestens 22 Fälle wurdenbereits bekannt – zudem sollen gegen weitere Lehrer Missbrauchsverdacht bestehen.

© ddp/DDP
Pressekonferenz zu Missbrauchsfaellen an Jesuiten-Gymnasium
Pater Klaus Mertes hat die Ermittlungen mit seinem Schreiben an ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs ausgelöst. 2004 erfuhr er erstmalig von einzelnen Fällen - war von den Opfern jedoch zum Schweigen verpflichtet worden

Am Berliner Canisius-Kolleg hat es deutlich mehr Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben als bisher bekannt. Außerdem sollen sich mehr Lehrer als die zwei bisher bekannten an Schülern vergangen haben.

Mindestens 15 weitere Schüler sollen in den 70er- und frühen 80er-Jahren am Canisius-Kolleg von zwei Jesuitenpatern sexuell missbraucht worden sein. Rektor Pater Klaus Mertes und die vom Orden zur Aufklärung von Missbrauchsfällen eingesetzte Mediatorin Ursula Raue berichteten nach Bekanntwerden der ersten Fälle durch die Veröffentlichung der Morgenpost, dass sich weitere Betroffene an sie gewandt hätten. Unter den Opfern von damals sind auch solche, die heute als Eltern ihre eigenen Kinder auf das Canisius-Kolleg schicken.

„Täglich bekomme ich Anrufe und Mails von Menschen, die ebenfalls Missbrauch am Canisius-Kolleg erfahren haben“, sagte Raue. Auch eine Frau sei darunter. Aus den Erzählungen gehe hervor, dass Fälle von sexuellem Missbrauch schon in den 60er-Jahren und damit deutlich vor dem bisher betrachteten Zeitraum stattgefunden hätten.

Zwei Namen von Tätern seien häufiger genannt worden. Es seien aber auch andere Namen gefallen. Sie sei mit beiden Haupttätern im Gespräch, sagte Raue. Einer der beiden früheren Patres habe die Taten eingeräumt. Täter und Opfer hätten die Übergriffe sehr ähnlich geschildert.

Missbrauch in konfessionellen Einrichtungen
Der Verdacht des Missbrauchs am katholischen Privatgymnasium Canisius-Kolleg in Berlin ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Übergriffe an katholischen Einrichtungen bekannt. Fälle aus Deutschland und dem Ausland:
Im Juli 2008 wurde ein ehemaliger Domkapitular der Erzdiözese Bamberg von seinen kirchlichen Ämtern enthoben. Ermittlungen hatten ergeben, dass der damals 64-Jährige zwischen 1978 und 1984 in zehn Fällen in einem Schülerwohnheim sexuelle Handlungen an Kindern unter 14 Jahren vorgenommen hatte. Da die Vorwürfe jedoch verjährt waren, musste sich der Mann nicht vor Gericht verantworten. Eine Anklage war trotz eines hinreichenden Tatverdachts nicht mehr möglich.
Im Oktober 2008 wurde bekannt, dass sich ein Pfarrer eines Internats in Bayern zwischen 1972 und 1976 an mindestens 16 Jungen vergangen hatte. Einige Schüler mussten zusehen, wie sich der Mann im Schlafsaal an ihren Freunden vergriff. Der Mann gestand die Taten, konnte wegen Verjährung aber nicht mehr strafrechtlich belangt werden. 2009 verlor der damals 71-Jährige jedoch sein Priesteramt. Nach einem Bittgesuch an Papst Benedikt XVI. entzog das Oberhaupt der katholischen Kirche dem Mann alle Rechte und Pflichten, die mit dem Klerikerstand verbunden sind. Der Mann sollte aber noch Mitglied des Ordens bleiben.
Auch in Irland wurden in katholischen Einrichtungen unzählige Kinder missbraucht. Wie Ermittlungen einer Sonderkommission im Mai 2009 ergaben, erniedrigten und missbrauchten Priester, Nonnen und Mönche über Jahrzehnte tausendfach Kinder. Die Jungen und Mädchen wurden in Schulen, Heimen oder Erziehungsanstalten zwischen den 30er und 90er Jahren vergewaltigt, geschlagen und gequält. Neue strafrechtliche Ermittlungen ergaben sich durch den Bericht allerdings nicht, weil nach einer früheren Entscheidung die Namen der Peiniger für die Untersuchung anonymisiert werden mussten. Einzelne Täter waren schon früher verurteilt worden. Mehr als 12.000 Opfer wurden mit mehr als einer Milliarde Euro entschädigt. Der Skandal war nach einer TV-Dokumentation Ende der 90er Jahre ans Licht gekommen.
In den USA wurde die katholische Kirche vor einigen Jahren von einer Serie von Pädophilen-Skandalen erschüttert. Bis 2002 waren mehr als 25 Priester nach Vorwürfen sexuellen Missbrauchs zurückgetreten oder des Amtes enthoben worden. Die Kirche zahlte Millionenbeträge an hunderte Opfer, die nach eigenen Angaben jahrelang von Priestern missbraucht worden waren.
Quelle: dpa
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