14.01.10

Nahverkehr

Flugschnee legt 100 S-Bahn-Züge lahm

Die Berliner S-Bahn muss ihren Notfahrplan erneut reduzieren. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn ist nicht in der Lage, die notwendigen 310 Zwei-Wagen-Züge auf die Schiene zu schicken. Der Grund ist das Wetter: Flugschnee dringt in die Motoren, schmilzt und legt dort die Elektrik lahm. Kein neues Problem. Doch die S-Bahn kann solche Ausfälle nicht mehr ausgleichen.

Foto: picture alliance / ZB/dpa
Berliner S-Bahn im Schnee
Schnee und Eis machen der Berliner S-Bahn zusätzlich zu schaffen

Schnee und Eis spitzen die Lage bei der Berliner S-Bahn weiter zu. Der Bahn-Tochter stehen aktuell nur noch 275 ihrer insgesamt 632 Zwei-Wagen-Einheiten für den Einsatz zur Verfügung. Für den seit 4. Januar gültigen Notfahrplan werden aber mindestens 310 Zwei-Wagen-Einheiten benötigt.

Nach Bahn-Angaben stehen allein 100 Viertelzüge aufgrund von Motorschäden still. Ursache dafür ist der Flugschnee, der wie feiner Staub tief in die Motoren eindringt und dort schmilzt. Die Nässe legt die Elektrik lahm, die Züge können nicht mehr fahren. Betroffen ist wiederum die modernste S-Bahn-Baureihe 481/482. Laut S-Bahn ist die Defekt-Anfälligkeit der Fahrmotoren "konstruktionsbedingt". Schäden durch Flugschnee konnte die S-Bahn in früheren Wintern durch eine ausreichende Fahrzeugreserve ausgleichen. Das geht nun nicht mehr.

Das Zug-Angebot wird daher nochmals reduziert. So werden auf den wichtigen Nord-Süd-Linien S 1 (Oranienburg–Wannsee) und S 2 (Bernau–Blankenfelde) weniger Verstärkerzüge eingesetzt. Auf der Linie S 47 fahren die Züge von Spindlersfeld nur bis Schöneweide. Auf der S?5 fährt nur noch jeder zweiter Verstärker zwischen Warschauer Straße und Mahlsdorf. Auf der S 7 (Potsdam–Ahrensfelde) kann durchgehend nur ein 20-Minuten-Takt angeboten werden.

Chronologie der S-Bahn-Krise in Berlin
Seit Mitte 2009 kann die Berliner S-Bahn wegen Technikpannen und gravierender Wartungsmängel keinen normalen Betrieb anbieten. Stationen einer Krise, die Anfang des Jahres begann:
1.1.2009 – Eisige Kälte setzt der S-Bahn heftig zu. Binnen einer Woche gibt es 3000 Zugausfälle und 5000 Verspätungen.
1.5.2009 – In Berlin-Kaulsdorf entgleist ein Zug nach einem Radscheibenbruch. Die S-Bahn verpflichtet sich zu regelmäßigen Kontrollen in kürzeren Abständen.
30.6.2009 – Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) lässt einen großen Teil der Flotte aus dem Verkehr nehmen, weil Kontrollen an Rädern und Achsen nicht ordnungsgemäß erledigt und Radsätze zu spät ausgetauscht wurden. Der Verkehr bricht weitgehend zusammen.
2.7.2009 – Alle vier S-Bahn-Geschäftsführer müssen ihren Stuhl räumen. Berliner Politiker machen Gewinnerwartungen der Deutschen Bahn an ihre Tochter S-Bahn für das Desaster verantwortlich.
16.7.2009 – Auf der zentralen Stadtbahntrasse fahren wochenlang keine S-Bahnen. Neue Auflagen des EBA legen drei Viertel des Wagenparks lahm.
31.8.2009 – Zwei Monate nach Beginn der Notfahrpläne fahren Züge wieder häufiger. Viele Wagen sind nach Ende der Ferienzeit überfüllt.
7.9.2009 – Das EBA zieht erneut den größten Teil der Züge aus dem Verkehr. Bremsanlagen wurden jahrelang nicht gewartet, Dokumente waren falsch. Der Austausch von Bremszylindern muss nachgeholt werden.
1.10.2009 – Die S-Bahn kündigt Entschädigungen für ihre Fahrgäste an. Der Vorstand Personenverkehr bei der Deutschen Bahn, Ulrich Homburg, sichert für den 13. Dezember die Rückkehr zum normalen Betrieb zu.
23.11.2009 – Ein leerer S-Bahn-Zug entgleist vor dem Betriebshof Grünau. Möglicherweise haben sich Getriebeteile gelöst und an einer Weiche verhakt.
13.12.2009 – Die S-Bahn kann ihr Versprechen, zum Fahrplanwechsel wieder zu einem normalen Betrieb zurückzukehren, nicht einhalten. Die Linien S45 und S85 fahren weiterhin nicht, auf allen anderen Strecken sind die Züge kürzer als vor der Krise.
20.12.2009 – Eis und Schnee machen der S-Bahn wieder zu schaffen. Wegen diverser Defekte müssen Wagen in die Werkstatt, mehrere Linien können nicht mehr alle Abschnitte bedienen. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) bringt Überlegungen wieder ins Gespräch, wonach das Land die S-Bahn kaufen und mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zusammenlegen könne.
22.12.2009 – Das EBA verlängert die nach 15 Jahren auslaufende Betriebsgenehmigung für die S-Bahn nur um ein Jahr.
29.12.2009 – Laut Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kann die S-Bahn erst in drei oder vier Jahren wieder normal fahren. Die Bahn verspricht aber für 2010 die Rückkehr zum normalen Fahrplan.
31.12.2009 – In der Silversternacht führt ein Stromausfall auf der Ringbahn und anderen wichtigen Linien zu einem totalen Verkehrsausfall. Laut S-Bahn ist die wahrscheinliche Ursache für die Panne ein Böller, der auf einen Verteilerkasten geworfen wurde.
04.01.2010 – Trotz des Endes der Weihnachtsferien schränkt die S-Bahn ihr Angebot weiter ein – wegen der winterlichen Kälte. Der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, kritisiert die Zustände als "unerträglich".
07.01.2010 – Das Land Berlin will der Bahn teilweise das Monopol für den S-Bahn-Schienenverkehr entziehen. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kündigt eine Ausschreibung für einen Teil des Netzes nach dem Auslaufen des S-Bahn-Vertrages 2017 an.
08.01.2010 – Die S-Bahn setzt ein Notfallprogramm in Kraft, das einen akzeptablen Betrieb ermöglich soll. Außerdem entschuldigt sich die Bahn-Tochter bei den Fahrgästen und kündigt an, den Fuhrpark zukünftig besser instandzuhalten.
12.01.2010 – Vor dem Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses sagt Bahn-Vorstand Ulrich Homburg, dass das S-Bahn-Chaos die Bahn täglich 250.000 Euro kostet. Er bezeichnet die Situation als "nicht akzeptabel". Laut dem Verkehrsbund Berlin-Brandenburg sind keine wesentlichen Verbesserungen im Februar und März absehbar.
13.01.2010 – Eine S-Bahn muss wegen eines Rettungseinsatzes am Alexanderplatz mitten auf der Strecke halten. Mehrere Fahrgäste steigen daraufhin aus und laufen über die Strom führenden Gleise. Der Fahrstrom muss für 20 Minuten abgestellt werden, was den Verkehr teilweise lahmlegt.
14.01.2010 – Wegen starken Schneefalls fallen 100 S-Bahnen aus. Der S-Bahn stehen nur noch 275 von 632 Zwei-Wagen-Einheiten zur Verfügung – 35 weniger als im Notfahrplan vorgesehen. Außerdem müssen 50 Passagiere auf der Linie 8 wegen Rauchbildung in einem Zug evakuiert werden.
19.01.2010 – Bahn-Chef Rüdiger Grube gibt den Herstellern der Radsätze die Schuld dafür, dass die Reparaturen an den S-Bahnen noch bis 2012 dauern werden. Die Bahn selbst sei nicht schuld an dem S-Bahn-Chaos.
21.01.2010 – Die Berliner S-Bahn muss vom Eisenbahnbundesamt (EBA) angeordnete Testfahrten wiederholen. Das Unternehmen hatte zwar schon die Räder ihrer Baureihe 481 Belastungstests unterzogen. Diese reichten aber nicht aus, sagte ein EBA-Sprecher.
23.01.2010 – Die Berliner SPD-Fraktion beschließt auf ihrer Klausur in Eisenach, dass die S-Bahn verstaatlicht werden soll, sollte sie ihre Probleme nicht "nachhaltig" lösen.
25.01.2010 – Die Deutsche Bahn lehnt einen Verkauf der S-Bahn kategorisch ab. Mit acht Maßnahmen, darunter die kurz zuvor erfolgte Wiedereröffnung der Werkstatt Friedrichsfelde, wolle man die Krise in den Griff bekommen.
28.01.2010 – Bahn-Vorstandchef Rüdiger Grube und Nahverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg treffen sich zu einem Krisengipfel mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Grube und Homburg versprechen, dass alle Berliner S-Bahn-Linien bis Ende 2010 normal fahren sollen.
02.02.2010 – Die Berliner Grünen kündigen an, eine Sammelklage für eine angemessene Entschädigung der S-Bahnkunden zu prüfen.
04.02.2010 – Der Berliner Senat kündigt die Ausschreibung eines Teilnetzes der Berliner S-Bahn nach 2017 im Amtsblatt der Europäischen Union an.
15.02.2010 – Die S-Bahn erhöht die Anzahl der S-Bahnzüge auf 340. Für mehrere Strecken wird die Rückkehr zum Zehn-Minuten-Takt angekündigt.
18.02.2010 – Ein Schwelbrand an einer S-Bahn legt den Gleisverkehr zwischen Blankenburg und Pankow lahm.
21.02.2010 – S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner sagt, dass auch 2011 noch kein Vollbetrieb möglich sein wird. Der Aufsichtsrat der S-Bahn gibt dem Senat eine Teilschuld an der Misere – wegen gesunkener Zahlungen des Landes an die Bahn-Tochter seit 2004. Dadurch habe Berlin 23,36 Millionen Euro eingespart.
Quelle: fü
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no title Was soll aus der Berliner S-Bahn werden?

  • 4%
    Der Vertrag mit der Deutschen Bahn soll weiterlaufen
  • 20%
    Es soll ein strengerer Vertrag mit der Deutschen Bahn geschlossen werden
  • 14%
    Ein anderer privater Betreiber soll übernehmen
  • 42%
    Die BVG soll übernehmen
  • 20%
    Das Land soll die S-Bahn kaufen
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