Urteil

Intensivtäter fährt 19-Jährige tot - und bekommt Bewährung

Beim Einsteigen ins Taxi ist eine 19-Jährige im September 2012 überfahren worden. Der Unfallfahrer war mit überhöhter Geschwindigkeit und ohne Führerschein unterwegs. Die Strafe fällt milde aus.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die 19-jährige Anabell S. wollte in den frühen Morgenstunden des 15. September 2012 nach einer Feier sicher nach Hause kommen. Deswegen beschlossen sie und ihr Begleiter, am Stralauer Platz, unweit des Ostbahnhofs, ein Taxi zu nehmen. Die beiden standen auf einem Fahrradweg zwischen Straße und Gehsteig, wollten gerade einsteigen, als sie von einem Opel-Kleintransporter erfasst wurden. Die Abiturientin wurde gegen einen Mast geschleudert und starb noch am Unfallort. Ihr Begleiter erlitt zahlreiche Prellungen und war mehrere Wochen arbeitsunfähig.

Der Fahrer des Kleintransporters wurde am Mittwoch von einer Moabiter Strafkammer zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Die Strafe bezog sich nicht nur auf fahrlässige Tötung, dem heute 20-jährigen Miriton C. wurden auch noch andere Straftaten vorgeworfen; darunter Raub und gefährliche Körperverletzung. Verurteilt – zu 16 Monaten auf Bewährung – wurde auch der Zwillingsbruder des Hauptangeklagten. Beide müssen zudem jeweils 150 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Sie sind mehrfach vorbestraft und gelten als polizeibekannte Intensivtäter.

Egzon C. saß bei der Fahrt am 15. September auf dem Beifahrersitz des Kleintransporters und hatte sich nach dem Unfall bei der Polizei als Unfallfahrer ausgegeben, weil sein Bruder Miriton C. keine Fahrerlaubnis besaß. Sie hätten sich nach dem schweren Unfall nur um sich selbst und nicht um die Geschädigten gekümmert, kritisierte der Vorsitzende Richter Carsten Wolke. So habe der im Polizeiabschnitt äußerst aggressiv auftretende Egzon C. zu einem Beamten, der ihm die schlimmen Folgen des Unfalls vorhielt, gesagt: "Ist mir doch egal, wenn sie auf der Straße laufen." Wenig später hatte Egzon C. einen Feuerlöscher von der Wand gerissen und versucht, auf die Polizisten einzuschlagen.

Plötzlich ein lauter Schlag

Vor Gericht hatte Miriton C. klargestellt, dass er zur Tatzeit hinter dem Lenkrad saß. Angeblich sei er "normal gefahren, nicht gerast", hieß es in der Erklärung, die sein Verteidiger verlas. Vor einer Ampel habe er anhalten müssen. Ganz links habe ein Mercedes gestanden, auf der mittleren Spur ein Taxi. Beide Fahrzeuge seien bei Grün weitaus schneller losgefahren als er. Und dann sei das Taxi plötzlich nach rechts gezogen, direkt in seine Spur. Er habe nur noch die Möglichkeit gesehen, das Taxi rechts zu überholen. Personen habe er nicht gesehen. Kurz darauf habe er einen lauten Schlag gehört, und irgendwas sei nach rechts weggeflogen.

Schon zu Prozessbeginn wurden für die Zwillingsbrüder vom Gericht und der Staatsanwaltschaft Bewährungsstrafen in Aussicht gestellt. Voraussetzung für diesen sogenannten Deal seien jedoch "von Reue getragene Geständnisse". Genau das sah die Kammer nach der ersten Erklärung des Angeklagten Miriton C. als nicht erfüllt. Nach kurzer Beratung zwischen dem Angeklagten und seinem Verteidiger wurde die Erklärung modifiziert: Miriton C. ließ seinen Anwalt erklären, dass er vielleicht doch etwas zu schnell gefahren sei und stärker hätte bremsen oder nach links ausweichen können. Dem Gericht reichte das. Der Vorsitzende Richter Wolke hob bei der Urteilsbegründung lobend hervor, die Angeklagten hätten "zu einem relativ frühen Zeitpunkt Geständnisse abgelegt", die von der Kammer auch "als glaubhaft befunden worden" seien.

Der Fahrer war zu schnell unterwegs

Letztlich hatte sich auch durch Miriton C.s nachgebessertes Geständnis nur bestätigt, was ohnehin bewiesen schien: Es war unstrittig, dass die Opfer zum Zeitpunkt des Unfalls auf dem vermeintlich sicheren Fahrradstreifen standen. Mehrere Zeugen sagten aus, der Kleintransporter sei mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren. Nach den Berechnungen eines Sachverständigen war Miriton C. mit einer Geschwindigkeit von mindestens 62 Stundenkilometern unterwegs. Hätte er die zugelassene Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern eingehalten, so der Gutachter, wäre der Unfall durch rechtzeitiges Bremsen zu verhindern gewesen.

Die Angehörigen der bei dem Unfall getöteten Anabell S. waren von dem Prozess enttäuscht. Es sei ihnen nicht um Rache oder höhere Strafen gegangen, erklärte Anwältin Katja Mueller, die vor Gericht die Nebenkläger vertrat. Ein von Reue getragenes Geständnis sei für ihre Mandanten jedoch nicht zu erkennen gewesen. Die beiden Angeklagten hätten sich in diesem Prozess nicht ein einziges Mal geäußert, es gebe "keine persönliche Stellungsnahme". Grund dafür, so die Anwältin, sei auch der schon zu Prozessbeginn geschlossene Deal. Auch sonst zeige das Verhalten der Angeklagten "keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Tat", sondern lasse "eher auf Prozesstaktik schließen".

Zur Startseite