Aktion für Obdachlose
Berliner zeigen überwältigende Hilfsbereitschaft
Freitag, 8. Januar 2010 21:02 - Von Isabell Jürgens, Alexander Krex und Birgit HaasMorgenpost-Leser und 104.6 RTL-Hörer helfen mit einer gemeinsamen Spendenaktion Berliner Obdachlosen - und zwar in überwältigender Zahl. Hunderte Kisten mit Winterkleidung sind bereits zusammengekommen. Umgehend wurden sie an die verteilt, die sie dringend brauchen.

Die Berliner haben ein großes Maß an Mitgefühl bewiesen. In nur zwei Tagen füllten ihre Spenden die Kleiderkammern der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße beim Hauptbahnhof bis unters Dach. „Die Menschen haben eine einmalige Hilfsbereitschaft gezeigt“, sagt Thomas Winistädt, Leiter der Wohnungslosenhilfe Mitte. Der Aktion vorausgegangen war ein Spendenaufruf von Morgenpost Online und des Radiosenders 104.6 RTL. Die prompte Reaktion von Lesern und Hörern war so groß, dass die Stadtmission sich schon jetzt herzlich bei allen Berlinern bedankt. Kleidung werde erst einmal nicht mehr benötigt. Die Sachen würden derzeit sortiert und an die entsprechenden Ausgabestellen verteilt. „Für diesen Winter sind wir definitiv gerüstet“, sagt Winistädt.
Mehrere Hundert Kartons und Säcke mit Winterkleidung und Schlafsäcken sind zusammengekommen. Allein bei 104.6 RTL im Kudamm-Karree sind an einem einzigen Tag so viele Spenden abgegeben worden, dass die Sachen 100 Umzugskartons füllen. Am Freitag hat das RTL-Team die Kartons zur Stadtmission an der Lehrter Straße gefahren – um Platz für weitere Spenden zu schaffen.
Zum Beispiel bei Siggi, der sich mit rund 30 Frauen und Männern in der Jebensstraße am Bahnhof Zoo vor den Räumen der Bahnhofsmission versammelt. Aus allen Richtungen strömen weitere Menschen herbei. Weil es jetzt auch noch anfängt zu schneien, macht Dieter Puhl eine Ausnahme und öffnet schon mal die Tür zum Vorraum: „Kommt rein und wartet im Warmen, gleich geht es los“, ruft der Leiter der Bahnhofsmission den Wartenden zu. Der fröstelnde Trupp setzt sich langsam in Bewegung, strömt in den engen Vorraum. „Eigentlich sind wir für die Betreuung der Reisenden da“, sagt der 52-Jährige. „Aber mittlerweile versorgen wir überwiegend verarmte Berliner, darunter viele Obdachlose, oder eben einfach Menschen, die sich einsam fühlen“, sagt er.
"Superwarme" Handschuhe für Siggi
Hinter der Tür zum Aufenthaltsraum sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter noch dabei, Brote zu schmieren, Obst, Joghurt und Getränke bereitzustellen. Um Punkt 14 Uhr öffnet sich die Tür, die rund 50 Plätze an den elf Tischen sind in Windeseile belegt. „Jeder bekommt hier was zu essen, auch wenn einige nun etwas warten müssen“, sagt Puhl. Von 6 bis 7 Uhr, 14 bis 18 Uhr und 22 bis 24 Uhr sind die regulären Essenszeiten.
Die Wartenden können sich unterdessen ihre oft spärliche Garderobe aus dem reichhaltigen Fundus an Mützen, Schals und Handschuhen, wärmenden Socken, Stiefeln und Wintermänteln ergänzen. „Ich bin restlos begeistert über die schnelle und umfangreiche Hilfe der Berliner“, sagt Puhl.
Auch Siggi nutzt die Chance, und deckt sich mit Handschuhen, Mütze und Schal ein, die der Verein Berliner helfen e.V. wenige Minuten zuvor in großen Mengen abgeliefert hat. „Die sind ja nagelneu und superwarm“, sagt der 33-jährige Wohnungslose, der Stammgast in der Bahnhofsmission am Zoo ist.
Zugunsten der Hilfsaktion hatten die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz und Karstadt an der Schloßstraße dem Verein Berliner helfen kurzfristig erheblichen Preisnachlass gewährt. Er müsse zwar nicht draußen schlafen, sagt Siggi, „ich kann nachts bei einem Kumpel untergekommen.“ Doch bei der Kälte werde es draußen auch am Tag ganz schön unangenehm. Siggi ist einer von rund 10.000 Obdachlosen in Berlin, die besonders im Winter jede Unterstützung gut gebrauchen können. Und die Berliner helfen.
Freude über jedes Pfund Kaffee
So wie Astrid Steiniger. Sie hat zwei warme Decken, eine Fellweste und selbst gestrickte Wollsocken mitgebracht – und eine Geldspende. „Ich komme regelmäßig hierher“, sagt die Steglitzerin. „Ich habe lange in der Psychiatrie gearbeitet und weiß, wie wichtig die Arbeit der Bahnhofsmission gerade auch für psychisch kranke Menschen ist“, sagt die 59-Jährige.
Neben der täglichen Versorgung der rund 500 Berliner, die hier Beratung, Seelsorge und natürlich etwas zu essen bekommen, ist die Bahnhofsmission an der Jebensstraße auch nach wie vor rund um die Uhr an 365 Tagen für die Betreuung hilfsbedürftiger Reisender zuständig. Übernachten können hier die Obdachlosen jedoch nicht, sie werden zur Stadtmission in die Lehrter Straße geschickt.
Dieter Puhl kann bei seiner Arbeit auf die Unterstützung von 70 ehrenamtlichen Mitarbeitern zählen. „Die jüngste ist 17, die älteste 83 Jahre alt“, berichtet der Sozialarbeiter. Die Nahrungsmittel, die hier täglich verteilt werden, sind Spenden. Der größte Teil stammt von der Berliner Tafel, einer Organisation, die in Restaurants, Hotels und Kantinen die Reste einsammelt, um sie an die Armen der Stadt zu verteilen. „Wir freuen uns aber über jeden, der uns ein Pfund Kaffee vorbeibringt“, sagt Puhl. Denn das sei das begehrteste Getränk. Angesichts der derzeitigen Hilfswelle bittet Puhl auch: „Denken Sie auch an uns, wenn es wieder wärmer wird.“ Jetzt sei die Kleiderkammer zwar gut gefüllt. Aber auch im Sommer würden Kleidung und Schlafsäcke gebraucht.
Renate Niefeldt (61) aus Reinickendorf gibt bei der Notunterkunft der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße ihre Spende ab. „Mein Mann ist vor einem halben Jahr gestorben.“ Acht Paar Schuhe hat sie dabei. Nun freut sie sich, dass die Schuhe ihres Mannes hier dringend von Menschen in Not gebraucht werden.
"Menschen wie du und ich"
Derzeit übernachten in der Lehrter Straße jede Nacht rund 160 Menschen, obwohl die Einrichtung eigentlich nur Platz für 60 Personen bietet. Doch niemand soll draußen bleiben. „Zusätzlich ist noch unser Kältebus im Einsatz. Damit fahren wir Straßen und bekannte Schlafplätze der Wohnungslosen ab und versuchen denen zu helfen, die trotz des Wetters draußen schlafen“, sagt Sprecherin Ortrud Wohlwend. Nicht alle Wohnungslosen wollen in die Notunterkünfte, sie ertragen es zum Beispiel nicht, in geschlossenen Räumen zu sein.
Zwei dieser meist psychisch kranken Menschen werden demnächst froh sein, dass Ina Oehlert der Stadtmission am Freitag zwei dicke, winterfeste Schlafsäcke gespendet hat. Die Mitarbeiterin des Amts für Gesundheit und Soziales war so angetan von der Aktion der Morgenpost und 104.6 RTL, dass sie ihren Kollegen davon berichtete. „Wir wollen nun alle etwas dazu beitragen, dass kein Obdachloser in Berlin mehr frieren oder gar sterben muss“, sagt Oehlert. Für sie ist es schlimm, dass es Menschen gibt, die keinen Ausweg mehr sehen, als auf der Straße zu leben. „Und wir dürfen nie vergessen, dass sind Menschen wie du und ich. Jeden kann das Schicksal so hart treffen.“






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