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Das sind Berlins "Angstkreuzungen" für Fahrradfahrer

Das Internetportal des Senats zur Radfahrersicherheit in Berlin war ein voller Erfolg. 5000 Hinweise sind eingegangen, 35.000 Nutzer haben die Site besucht. Jetzt wollen die Behörden handeln.

Foto: Steffen Pletl

Das Interesse der Berliner war überraschend groß: Mehr als 35.000 Nutzer haben in den vergangenen vier Wochen das Internetportal der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Radfahrersicherheit besucht, gut 340.000 Seitenaufrufe wurden dort registriert und rund 5000 konkrete Hinweise und Verbesserungsvorschläge sind insgesamt eingegangen.

"Wir sind begeistert von dem großen Zuspruch, den unsere Internetplattform gefunden hat", kommentierte Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler die Resonanz auf die am Dienstag beendete Online-Debatte. Schon im Januar 2014 will Gaebler eine erste inhaltliche Auswertung vorlegen. Zunächst bezogen auf die eigentliche Fragestellung.

Gesucht hat die Senatsverwaltung auf der Seite www.radsicherheit.berlin.de vor allem nach Hinweise auf "gefühlt gefährliche Kreuzungen", also Straßenbereiche, auf denen Radfahrer wiederholt gefährliche Begegnungen etwa mit abbiegenden Autos erlebt haben. Gilt doch gerade die Unachtsamkeit von Autofahrern beim Rechtsabbiegen als eine der häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen von Radfahrern.

Viele "Angstkreuzungen" in Berlin

Erst in der vergangenen Woche wurde eine 44 Jahre alte Radfahrerin auf der Torstraße in Mitte schwer am Kopf verletzt, als sie von einem Kleintransporter umgefahren wurde, der in die Gartenstraße abbiegen wollte. Allein im Vorjahr sind fünf der insgesamt 15 getöteten Radfahrer bei Unfällen mit Rechtsabbiegern ums Leben gekommen.

Schon jetzt wird deutlich: Es gibt eine Vielzahl solcher "Angstkreuzungen" in der Stadt, an denen Radfahrer um ihr Leben fürchten. Entsprechend der Zahl der Bewertungen haben die Betreuer der Internetseite eine Top 20 der Konfliktpunkte in der Stadt auf der Internetseite zusammengestellt. Der Hermannplatz in Neukölln gehört ebenso dazu wie der Kreisverkehr am Kottbusser Tor oder die Kreuzung Wilhelmstraße und Unter den Linden in Mitte.

Geldstrafen für Falschparker

Doch die fast 4000 Wortmeldungen im Internetforum gehen weit über das bloße Benennen von tatsächlich und vermeintlich gefährlichen Straßenkreuzungen hinaus. Vor allem die häufig von Autos zugeparkten Radstreifen auf Straßen, aber auch der schlechte bauliche Zustand vieler Radwege neben den Bürgersteigen werden beklagt. Besonders unsicher fühlen sich Radfahrer etwa bei Fahrten auf der Oranienstraße in Kreuzberg oder der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Gefordert werden für rücksichtlose Autofahrer hohe Geldbußen und Strafpunkte in Flensburg. Die von Fußgängern und Autofahrern häufig beklagten Verstöße von Radfahrern gegen die Straßenverkehrsordnung wurden in der Internetdebatte hingegen nur selten thematisiert.

Doch es gibt auch eine Vielzahl von konstruktiven Vorschlägen. So wird die Forderung nach der Ausrüstung von Lastkraftwagen mit sogenannten Trixi-Spiegeln erhoben, der es Lkw-Fahrern ermöglicht, beim Rechtsabbiegen den gefürchteten "toten Winkel" einzusehen. Ein Verlangen jedoch, das sich in erster Linie an den Gesetzgeber auf Bundesebene richtet.

Weil es eine Vielzahl derartiger Ideen gab, hat die Senatsverwaltung die Vorschläge und Kritiken in zwei Kategorien sortiert: Die eine Top-20-Liste umfasst konkrete Hinweise auf kritische Straßenkreuzungen, die zweite umfasst allgemeinere Anmerkungen. Während die erste Kategorie noch im Januar 2014 ausgewertet wird, soll die zweite bis Ende März analysiert werden. "Viele Anmerkungen etwa zu fehlenden Markierungen von Fahrradspuren sind nicht überraschend – wichtig für uns ist, dass sie jetzt mit konkreten Ortsangaben verbunden sind", sagte Augenstein.

Bezirke und Polizei haben Interesse an den Ergebnissen

Doch was wird aus den vielen Hinweisen und Vorschlägen? "Schon jetzt haben die Bezirke und auch die Polizei Interesse an den Ergebnissen unseres Online-Bedarfs signalisiert", sagte Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung. Ziel sei es, dass gute Vorschläge mit in die konkrete Planung bei der Erneuerung von Straßen und Kreuzung mit einfließen. "Dafür ist in der Regel nicht unbedingt mehr Geld nötig", sagte Daniela Augenstein.

Die Senatsverwaltung selbst will sich einige besonders häufig genannte "Angstkreuzungen" genauer ansehen und dann umgestalten. "An zwei bis drei Kreuzungen wollen wir exemplarisch Modellprojekte starten", so Augenstein. Zusätzliches Geld gibt es dafür allerdings nicht. Finanziert werden sollen mögliche Umbauten aus den Finanzmitteln für den Radwegebau, die die Senatsverwaltung ohnehin zur Verfügung hat. Finanzsenator Ulrich Nußbaum hatte den Etatansatz im Doppeletat für 2014/15 zunächst auf 2,5 Millionen Euro pro Jahr gekürzt, die Abgeordneten haben dies aber wieder rückgängig gemacht und die Mittel sogar auf vier Millionen Euro pro Jahr aufgestockt.

Für die Berliner Grünen aber auch den Allgemeinen Deutschen Fahrradklub ADFC ist das noch längst nicht ausreichend. Sie fordern eine deutliche Aufstockung der Mittel zugunsten des umweltfreundlichen Radverkehrs.

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