Berliner Kliniken

Rettungsstellen sind Patienten-Ansturm nicht gewachsen

Krankenhaus statt Hausarzt: Viele Patienten gehen in Berlin lieber in die Notaufnahme – und müssen dann oft stundenlang auf eine Behandlung warten.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Dem großen Ansturm von Patienten sind die Rettungsstellen in Berliner Kliniken nicht mehr gewachsen, stundenlange Wartezeiten für Patienten sind die Folge. 1,2 Millionen Menschen wurden im vergangenen Jahr in einer der Rettungsstellen behandelt. Das zeigt eine Erhebung der Senatsverwaltung für Gesundheit. Aber nur 30 Prozent von ihnen wurden anschließend im Krankenhaus stationär aufgenommen. "Bei einem Teil wäre also auch eine ambulante Erstversorgung ausreichend gewesen, natürlich nicht bei allen", sagt Franciska Obermeyer, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung. Die Zahl der Patienten in den Rettungsstellen nehme stetig zu und stelle "unter Kosten und Qualitätsaspekten durchaus eine Herausforderung" für die Kliniken dar.

Beispielsweise für das Vivantes-Klinikum Neukölln. Gebaut wurde die Rettungsstelle vor mehr als 20 Jahren für 25.000 Patienten jährlich. Inzwischen sind es nach Klinikangaben mehr als doppelt so viele. Wer mit einer Prellung oder Bauchschmerzen kommt, muss oft warten. Durchschnittlich drei Stunden dauert es im Neuköllner Klinikum, bis Patienten die Rettungsstelle wieder verlassen. Das bedeutet auch: In Einzelfällen sind sie deutlich länger dort. Im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) berichtete ein Pfleger, es gebe Wartezeiten von "zehn, zwölf Stunden".

Auch in anderen Berliner Krankenhäusern müssen Patienten oft lange warten, bevor sie in der Rettungsstelle behandelt werden können. "Natürlich sind Wartezeiten ein Thema", sagt der stellvertretende Leiter der Rettungsstelle der Charité, Campus Virchow, Tobias Lindner. Er betonte, wer als Notfall komme, müsse keine Angst haben, nicht rechtzeitig behandelt zu werden. Wer allerdings nicht so schwer erkrankt ist, muss in Stoßzeiten oft warten. "Es gibt die typische Tageskurve, die zum Mittag hin steigt", sagt Lindner. Am größten ist der Andrang an den Wochenenden und Feiertagen, aber auch bei Glatteis oder einer Grippewelle.

Rot - Grün - Gelb

Die Rettungsstellen arbeiten mit einem Einstufungssystem, das beispielsweise im St.-Joseph-Krankenhaus drei Stufen umfasst, wie Sprecherin Corinna Riemer erklärt. "Rot sind Fälle, die sofort behandelt werden, zum Beispiel ein Herzinfarkt. Schlaganfall oder eine schwere Fraktur nach einem Verkehrsunfall. Gelb sind Fälle, die innerhalb von einer halben bis einer Stunde behandelt werden müssen, etwa ein Harnwegsinfekt oder schwerer Durchfall. Grün sind alle anderen, beispielsweise Zerrungen, Prellungen, die zwar schmerzhaft sind, aber nicht lebensbedrohlich." Letztere müssen am längsten warten, denn: "In der Notaufnahme gilt eben nicht die Regel: Wer zuerst kommt, ist zuerst dran", sagt Corinna Riemer.

Dennoch will keiner der Klinik-Sprecher empfehlen, bei Beschwerden abzuwarten, bis der Hausarzt wieder geöffnet hat. "Auch wer nicht lebensbedrohlich erkrankt ist, hat ja oft heftige Schmerzen und braucht Hilfe", sagt Riemer. Dann gibt es nur wenige Alternativen zur Rettungsstelle. Zwar können sich Patienten abends und am Wochenende an den notärztlichen Dienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) wenden. Viele Berliner gehen aber direkt in die Rettungsstelle, weil sie den KV-Notdienst (Telefon: 310031) gar nicht kennen.

"Auch in der Woche kommen viele Patienten direkt zu uns", berichtet Charité-Arzt Lindner, wenn der Haus- oder Facharzt keinen Termin freihabe. Hinzu komme, dass es in anderen Ländern oft üblich sei, bei einer Erkrankung ins Krankenhaus zu gehen statt zum niedergelassenen Arzt. "Das machen viele unserer Patienten in Berlin dann auch so." Das Thema wird in der Gesundheitsverwaltung diskutiert. "Es gibt Überlegungen, wie man die Kliniken entlasten kann", sagt Franciska Obermeyer von der Gesundheitsverwaltung. Diskutiert wird über Notfallpraxen an den Kliniken oder längeren Öffnungszeiten der ambulanten Praxen. Wir sind im Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung."

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