Gedenkveranstaltung

Deportationen in Berlin - Weiße Rosen gegen das Vergessen

Am 18. Oktober werden Tausende Berliner am Gleis 17 in Grunewald der von den Nazis deportierten Juden gedenken. Schüler wollen zeigen, wie das Wissen um den Holocaust von ihnen weitergetragen wird.

Foto: Krauthöfer

Am 18. Oktober vor 72 Jahren versammelten sich 1098 jüdische Kinder, Frauen und Männer am Gleis 17 am Bahnhof Grunewald. Bald darauf verließ der erste "Osttransport" in Richtung Litzmannstadt (Lodz) den Bahnhof.

Von 1941 bis März 1945 standen Monat für Monat Menschen am Gleis 17. Von hier aus wurden sie in Gettos wie zum Beispiel nach Riga, Lodz, Warschau und später in Konzentrations- und Vernichtungslager wie Theresienstadt und Auschwitz verschleppt. Die Bahn stellte der Jüdischen Gemeinde den Transport in Rechnung, vier Pfennig pro gefahrenen Kilometer für Erwachsene, zwei Pfennig für Kinder ab vier Jahren.

Am 18. Oktober werden sich wieder mehrere Tausend Berliner um 12 Uhr an dem Denkmal "Gleis 17" am Bahnhof Grunewald versammeln, um mit weißen Rosen den mehr als 50.000 Juden aus Berlin zu gedenken, die unter den sechs Millionen Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes waren.

Erstes Gedenken der Berliner Deportierten vor drei Jahren

Das Gedenken an dem Tag, als die Deportationen mit dem ersten Osttransport am Bahnhof Grunewald begannen, hatte die Schriftstellerin und Zeitzeugin Inge Deutschkorn vor drei Jahren angeregt. Der Berliner Senat hat die Idee aufgenommen und organisiert seither die eindrucksvolle Veranstaltung, an der sich schon beim ersten Mal mehr als 2000 Berliner beteiligten.

Dicht gedrängt und still stehen die Menschen am Gleis 17, um den Worten von Zeitzeugen zuzuhören. An diesem Freitag wird Walter Frankenstein von seiner fast unglaublichen Geschichte erzählen, wie er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern versteckt im Untergrund in Berlin den Deportationen entkommen konnte. 1941, als die Deportationen in Berlin begannen, haben sich die damals 20-jährige Leonie Rosner und der 17-jährige Walter Frankenstein in einem jüdischen Waisenhaus an der Schönhauser Allee kennengelernt.

Nach der Geburt ihres ersten Sohnes Peter 1943 droht auch ihnen die Deportation. Ein Jahr später wird ihr zweiter Sohn Michael geboren. Dank vieler Helfer, die die Familie verstecken und mit Nahrung versorgen, gehören die Frankensteins zu den 1700 Juden, die in Berlin überleben konnten. Er selbst sagt, er kenne keine Familie, die vollständig und wohlbehalten die Illegalität überlebt hat.

Projekt Stolpersteine von Schülern des Max-Planck-Gymnasiums

Der Journalist Klaus Hillenbrand hat den Tatsachenbericht unter dem Titel "Nicht mit uns" aufgeschrieben. Walter Frankenstein lebt in Stockholm, kommt aber regelmäßig nach Berlin, um über das Erlebte zu berichten. Am Freitag wird der 1924 Geborene als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen auf der Gedenkveranstaltung sprechen.

Wie das Wissen um die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Berlin von der jungen Generation weitergetragen wird, wollen die Schüler des Max-Planck-Gymnasiums am 18. Oktober zeigen. Im Projekt Stolpersteine haben die Schüler aus Mitte die Biografien von jüdischen Kindern aus ihrer Umgebung erforscht, die zur Zeit der Deportation so alt waren wie die Neuntklässler selbst heute.

Da war beispielsweise Inge Gerson, die damals die Margareten-Schule besuchte. Das Gebäude ist heute noch ein Teil der Max-Planck-Schule. Inge hatte die Deportation im Untergrund überlebt und ihre Erinnerungen später aufgeschrieben. Ihr jüngerer Bruder Herbert wurde mit 16 Jahren deportiert.

Die 15-jährige Ricarda von der Max-Planck-Schule wird Herberts Geschichte am Gleis 17 vortragen. "Ich bin aufgeregt, vor so vielen Menschen zu sprechen", sagt Ricarda. Aber es sei ihr wichtig. Vielleicht gelingt es so sogar, noch mehr über den Jungen zu erfahren. "Wir wissen bisher nicht sehr viel", sagt Ricarda. Auf jeden Fall sei ihr aber durch die Spurensuche klar geworden, was für ein unbeschwertes Leben sie selbst habe. Die Familie Gerson wohnte direkt in der Straße, die zur Schule führte.

Spurensuche soll nach Gedenkveranstaltung weitergehen

"Wir haben heute so viele Möglichkeiten, während Herbert vor 72 Jahren in unserem Alter schon Zwangsarbeit verrichten musste", sagt sie. Aus den Aufzeichnungen der inzwischen verstorbenen Schwester wisse sie auch, dass Herbert bis zur Pogromnacht eine ganz glückliche Kindheit gehabt haben muss. Von einem Tag auf den anderen sei für ihn alles anders geworden. "Plötzlich gehörte er zu den Verfolgten", erzählt Ricarda.

Für das Projekt Stolpersteine meldete sie sich freiwillig. "Es ist viel interessanter, so etwas über die Geschichte zu erfahren als nur über den trockenen Unterrichtsstoff", sagt sie. Und sie glaubt, dass es durch solche Projekte leichter ist, Jugendliche zu gewinnen, sich genauer mit dem Holocaust zu befassen.

Die Schüler wollen auch nach der Gedenkveranstaltung weiter nach Spuren suchen. Sie hoffen noch Zeugen zu finden, die Herbert damals kannten. Vielleicht Mitschüler oder Bewohner des Hauses, in dem Familie Gerson lebte.

Rabbiner Daniel Alter kommt am 18. Oktober zum Gleis 17

So ist es den Schülern auch schon gelungen, mehr über Bronca Mansbach zu erfahren. Mit sieben Jahren wurde das Mädchen 1943 deportiert und dann ermordet. Vor drei Jahren meldete sich bei den Schülern eine Frau Jablonski, die damals mit Bronca im selben Haus wohnte und von dem Mädchen und ihrer Familie erzählen konnte. "Es ist schön zu sehen, wie sehr die Geschichte die Schüler bewegt, sie treffen sich sogar in den Ferien, obwohl die Geschehnisse vor mehr als 70 Jahren für sie sehr weit weg sind", sagt der Lehrer Christoph Hummel, der das Projekt begleitet.

Wie wichtig es ist, das Wissen um die Geschichte wachzuhalten, wird auch Rabbiner Daniel Alter, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus, auf der Veranstaltung am Freitag unterstreichen. Vor einem Jahr war er vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter von Neonazis beschimpft und blutig geschlagen worden. Seine Tochter wurde mit dem Tode bedroht. Die Tat geschah unmittelbar vor seiner Haustür in Friedenau.

"Es gibt in der Bundeshauptstadt No-go-Areas für öffentlich bekennende Juden", warnte der Rabbiner kürzlich. In Stadtteilen von Neukölln oder Wedding sei es Juden nicht zu raten, sich beispielsweise mit einer Kippa offen zu erkennen zu geben, so der Rabbiner. Auch dagegen werden die Berliner am Freitag ein Zeichen setzen, wenn sie am Ende der Gedenkveranstaltung ihre mitgebrachte weiße Rose auf dem Bahnsteig am Gleis 17 ablegen.

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