08.10.13

Bildungsstudie

In Berlin wächst die Nachfrage nach Bildung für Erwachsene

Laut einer neuen Studie liest jeder sechste Erwachsene in Deutschland wie ein Grundschüler. Für Michael Weiß, Leiter der Volkshochschule Mitte, sind rasant wachsende Anforderungen dafür verantwortlich.

Von Philip Volkmann-Schluck


Vom Schulabschluss bis Seidenmalerei: In jedem der zwölf Berliner Bezirke gibt es eine Volkshochschule. 200.000 Erwachsene haben sich dort im vergangenen Jahr fortgebildet. 15 Millionen Euro pro Jahr stellt Berlin dafür bereit, weitere 18 Millionen stammen aus Gebühren und Drittmitteln.

Berliner Morgenpost: Herr Weiß, nun haben wir auch einen Pisa-Schock für Erwachsene. Überraschen Sie die Ergebnisse der jüngsten OECD-Studie?

Michael Weiß: Natürlich nicht. Wenn ich überlege, was ich damals in der Schule gelernt habe und auf diesem Stand geblieben wäre, dann würde mir heute vieles schwerfallen. Die Anforderungen wachsen rasant.

Zu Ihnen kommen Menschen, die lernen wollen, etwa um den mittleren Schulabschluss nachzuholen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Wer seinen Abschluss nachholen will, der schafft das auch. Die meisten unserer Teilnehmer legen ihre Prüfungen im ersten Anlauf erfolgreich ab.

Man könnte vorschnell urteilen: Gesunde Muttersprachler, die als Erwachsene kaum lesen können, sind weniger intelligent.

Das ist völliger Unsinn. Die Gründe sind ungerade Bildungsverläufe oder negative Schulerlebnisse. Das hat viele Ursachen, gesellschaftliche und persönliche. Außerdem: Kompetenzen verkümmern, wenn man sie nicht regelmäßig anwendet. Wer etwa in seinem Beruf so gut wie nie einen größeren Texte lesen oder schreiben muss, dem fällt das zunehmend schwer. Im Umgang mit Computern und elektronischen Medien wird das noch deutlicher. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass man kaum Schritt halten kann, wenn man sie nicht regelmäßig nutzt. Andererseits: Wer sich informiert, wer einen positiven Zugang zu Bildung hat, bleibt eben auch fit.

Hat das Schulsystem versagt bei Menschen, die heute kaum lesen können oder keinen Computer bedienen können?

Aus Sicht der Erwachsenenbildung beobachten wir ein gewisses Versagen in der Schulbildung. Lesekultur muss auch anerzogen werden, aber eine Erziehung lädt man sich eben nicht aus dem Internet herunter. Wir stellen in Deutschland einen auffälligen Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und dem der Kinder fest. Das Schulsystem ist selektiv, es funktioniert für die Spitze. Das ist auch wichtig, aber es müssen alle Schüler mitgenommen werden. Auch jene, bei denen zu Hause kaum gelesen wird oder wo die Kinder andere Probleme haben.

Zahlreiche Reformen am Schulsystem sollten und sollen mehr Chancengleichheit erreichen, auch für Migranten. Macht sich das bemerkbar?

Aus unserer Sicht macht sich das positiv bemerkbar. Dass beispielsweise jemand zu uns kommt, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, aber noch nie ein Wort Deutsch gesprochen hat, so etwas gibt es kaum noch. Deutschland hat sich als Einwanderungsland spät auf den Weg gemacht, aber es gibt große Fortschritte. So haben im Jahr 2005 deutschlandweit nur 7000 Teilnehmer an der Volkshochschule eine Deutschprüfung abgelegt. Inzwischen sind es 80.000 pro Jahr. Aber natürlich profitiert auch die jüngere Generation der Muttersprachler davon. Die Ganztagsschule mit ihren vielseitigen Zugängen zeigt eine positive Wirkung.

Wächst also die Nachfrage von Erwachsenen nach Bildung?

Eindeutig, jedes Jahr ein bisschen. Im vergangenen Jahr haben sich 200.000 Menschen bei uns fortgebildet. Vor zehn Jahren waren es noch viel weniger.

Was sind die beliebtesten Kurse?

Deutsch und Fremdsprachen. 46 Prozent der Teilnehmer nutzen diese Angebote. Wir bieten 40 Sprachen an. Dahinter kommt Gesundheit und Bewegung. Dabei geht es, anders als in Sportvereinen, um Gesundheitsprävention und um Stressabbau. Jeder sechste Teilnehmer belegt Kurse im Kulturbereich.

Warum sind Sprachen so begehrt?

Wachsende Anforderungen. Ohne Englisch verstehen Sie heute kaum noch eine Werbung. Europa wächst zusammen, viele unserer Teilnehmer lernen gemeinsam mit Sparringspartnern. Und wir bieten berufliche Fortbildungen: Business-Englisch beispielsweise.

Wie erreichen Sie Menschen, die nicht freiwillig zu Ihnen kommen?

Wir bieten für junge Mütter Sprach- und Erziehungskurse an. Während die Kinder in den Schulunterricht gehen, unterrichten wir deren Eltern im selben Gebäude. Das fördert den Bildungserfolg für die Kinder und stärkt das Elternhaus.

Wie finanziert man sich einen Schulabschluss an der Volkshochschule?

Die Vorbereitung auf einen Schulabschluss bei uns kostet fast nichts. In der Weiterbildung gibt es eine Art Robin-Hood-Prinzip: Alphabetisierungskurse und Grundbildung sind entgeltfrei, die Einnahmen machen wir dann mit anderen Kursen. Wir glauben, dass sonst Menschen fernbleiben würden, die einen besonderen Bedarf haben. Ein Literaturkurs kostet etwas mehr, das verteilen wir dann intern um.

Die Volkshochschulen können nicht alles leisten. Sind Angebote für Erwachsenenbildung unterentwickelt in Deutschland?

Wir werden die Erwachsenenbildung nicht alleine stemmen. Die Vielfalt unseres Angebotes ist allerdings unser Alleinstellungsmerkmal. Aber wir brauchen eine starke Verbindung mit den Unternehmen der Wirtschaft. Wir sollen bis zum Alter von 67 arbeiten. Wer länger arbeitet, braucht aber mehr Fortbildungen.

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