20.09.13

Fußgänger

Berlin testet missverständliche Countdown-Ampel

Berlin will den Fußverkehr sicherer machen und startete dafür mit einer neuen Ampel ein Modellprojekt. Doch das Signal sorgt erst einmal für Unsicherheit.

Von Markus Falkner
Foto: dpa
So funktioniert die neue Fußgänger-Ampel: Nach dem Ende der Grünphase zeigt eine grafische Animation den Fußgängern die verbleibende Zeit an, bis wartende Autos Grün bekommen
So funktioniert die neue Fußgänger-Ampel: Nach dem Ende der Grünphase zeigt eine grafische Animation den Fußgängern die verbleibende Zeit an, bis wartende Autos Grün bekommen

Berlin soll attraktiver und sicherer für Fußgänger werden. So lautet das erklärte Ziel der Fußverkehrsstrategie, die der Berliner Senat vor mehr als zwei Jahren beschlossen hat. Eine Million Euro steht dafür in diesem Jahr bereit, in den kommenden zwei Jahren sollen es jeweils 1,3 Millionen Euro sein.

Zehn Modellprojekte sind vorgesehen, darunter sogenannte Begegnungszonen und "fußgängerfreundliche Ampeln". Erfahrungen gibt es dazu bereits, aus anderen Städten im In- und Ausland. Doch Berlin sucht in vielen Details seinen eigenen Weg. Über Sinn und Unsinn lässt sich streiten.

Am Freitag steht Verkehrssenator Michael Müller (SPD) am Fehrbelliner Platz im Regen. Und drückt auf den Knopf. An der Kreuzung von Hohenzollerndamm und Brandenburgischer Straße geht die erste "Countdown-Ampel" der Stadt in Betrieb. Noch am selben Tag folgen Lichtsignalanlagen am Olivaer Platz und an der Kreuzung Brunnenstraße/Anklamer Straße. 40.000 Euro kostet der Umbau der drei Kreuzungen insgesamt. Zunächst ein Jahr soll der Probebetrieb laufen.

Viele denken an New York, wo die Ampeln seit langem die Sekunden bis zur nächsten Grünphase für Fußgänger herunterzählen. Nicht so in Berlin. Im Auftrag von Müllers Verwaltung wurde für 50.000 Euro ein Prototyp entwickelt, der völlig anders funktioniert. Nach einer normalen Grünphase springt die Fußgängerampel auf Rot. Zeitgleich leuchtet in der Mitte ein Balkendiagramm in Form einer Zebrastreifens auf. Streifen für Streifen nimmt er ab, und zeigt damit an, wie viel Zeit bleibt, um die Straße sicher zu überqueren.

"Wir versprechen uns sehr viel von diesem Modell", sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Verkehrsplaner in der Senatsverwaltung. Die Berliner "Countdown-Ampel" sei weltweit bisher einmalig, Wien habe schon Interesse bekundet.

Am Freitag sorgt das Zebrastreifen-Signal aber erst einmal für Unsicherheit. Kaum ein Fußgänger beachtet die am Ampelmast aufgeklebte Erklärung. Wer sich für flink genug hält, missversteht das Signal als Zeichen, trotz Rotlicht noch schnell über die Straße zu flitzen. Schlimmstenfalls, so befürchten Skeptiker, könnte die Kreuzung damit sogar gefährlicher werden.

Martin Schlegel, Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) will so weit nicht gehen, doch er bezweifelt positive Effekte. "Wir sind uns mit der Senatsverwaltung einig, das etwas getan werden muss, um die Konflikte zwischen Fußgängern und abbiegenden Autofahrern zu entschärfen", sagt er. Doch können die neuen Ampeln und zwei andere Modelle, die bereits im Test sind, wirklich dazu beitragen? "Da sind wir weiter skeptisch."

Wenn der Ampelmann blinkt

2012 startete Senator Müller den Test zweier weiterer Ampel-Modelle mit dem Prädikat "fußgängerfreundlich". Bei einem Modell zeigt ein blinkender roter Ampelmann die Räumzeit an, bevor permanentes Rotlicht erscheint. Variante zwei setzt auf einen grünen Blinkmann als Warnung, bevor Rot erscheint. Seitdem hat die Senatsverwaltung an den Testkreuzungen Fußgänger befragt, mit Videokameras gefilmt, die Unfallstatistik ausgewertet.

Die Zwischenbilanz: Die Blinkampeln würden grundsätzlich positiv bewertet und als sicherer empfunden, sagt Wohlfahrt von Alm. Auch die Konflikte mit abbiegenden Autos würden "seltener wahrgenommen". Eine "signifikante Veränderung des Unfallgeschehens" sei aber nicht festzustellen. Und: Noch immer werde die Signalisierung "gelegentlich missverstanden", was auch daran liegt, dass die Erklärungsaufkleber längst verschwunden sind.

Rundum Verwirrung

Das Phänomen könnte die Senatsverwaltung kennen. Vor 13 Jahren startete sie einen Modellversuch am Checkpoint Charlie. An der Kreuzung Kochstraße/Friedrichstraße bekommen alle Überwege für Fußgänger gleichzeitig grünes Licht. Die Kreuzung lässt sich auch diagonal überqueren.

Der Nachteil: Die Rotphasen für Fußgänger sind umso länger, täglich ignorieren deshalb Hunderte Fußgänger bewusst das Rotlicht. Oder, weil sie das Rund-Um-Grün-Prinzip nicht durchschauen.

Nach den Erfahrungen verzichtete die Verwaltung darauf, das Projekt auszuweiten. Zumindest inoffiziell gilt die Rundum-Grün-Ampel in Berlin als gescheitert. Am Checkpoint Charlie ist sie weiter in Betrieb. Das könnte sich ändern, wenn – voraussichtlich 2016 – an dem ehemaligen Grenzübergang zwischen Mitte und Kreuzberg ein weiteres Modellprojekt aus der Fußverkehrsstrategie umgesetzt wird. Die Grundidee stammt aus den Niederlanden und nennt sich "Shared Space" (geteilter Raum).

Gleiches Recht für alle

Das Prinzip: Die Trennung der Verkehrsflächen für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger wird weitgehend aufgehoben, Verkehrsschilder und Ampeln abmontiert. Jeder hat die gleichen Rechte. Jeder muss auf jeden achten. Das funktioniert in mehreren Städten und Gemeinden seit Jahren – auch in Deutschland. Drei sogenannte Begegnungszonen sollen in der Stadt getestet werden, den Start macht die Schöneberger Maaßenstraße zwischen Nollendorf- und Winterfeldplatz. Baubeginn soll 2014 sein. Es folgen die Kreuzberger Bergmannstraße (2015) und eben der Checkpoint Charlie. Allerdings wählt Berlin auch beim geteilten Straßenraum einen Sonderweg – genauer gesagt eine Light-Variante. Oder "eine behutsame Umgestaltung", wie es Senator Müller formuliert.

Der Grund: Ein Komplettumbau der geplanten Zonen ist schlicht zu teuer. Die Bordsteine sollen deshalb bleiben und damit auch die optische Trennung von Fußgängern und Autofahrern. Für letztere wird die Maaßenstraße als "verkehrsberuhigter Geschäftsbereich" ausgeschildert – erlaubt ist höchstens Tempo 20. Halteverbotsbereiche sind geplant. Vorstellen kann sich die Verwaltung auch eine farbliche Markierung der Zone. Grüner oder andersfarbiger Asphalt könnte zum Wiedererkennungsmerkmal für weitere Begegnungszonen der Stadt werden, heißt es. Details der Planung sollen in diesem Herbst mit den Anliegern erörtert werden. Ob sie über mehr als die Farbe ihrer Straße mitentscheiden dürfen? "Wir gehen nicht mit einer fertigen Lösung in das Verfahren", verspricht Wohlfahrt von Alm.

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