19.08.13

Neue Studie

Krankenkassen verweigern Berlinern tausendfach Leistungen

Die Krankenkassen lehnen jährlich hunderttausendfach Zahlungen an Versicherte ab. In Berlin wurden 2012 17.585 Anträge auf Arbeitsunfähigkeit und fast jede zweite beantragte Reha-Maßnahme abgewiesen.

Von Tobias Kaiser und Jan Schapira
Foto: picture alliance / dpa

Neue Daten: Krankenkassen lehnten 2012 in Berlin Tausende Anträge auf medizinische Hilfsmittel wie Hörgeräte, Reha-Maßnahmen und Arbeitsunfähigkeit ab
Neue Daten: Krankenkassen lehnten 2012 in Berlin Tausende Anträge auf medizinische Hilfsmittel wie Hörgeräte, Reha-Maßnahmen und Arbeitsunfähigkeit ab

Krankenkassen lehnen jährlich in Hunderttausenden Fällen Zahlungen an ihre Versicherten ab. Das geht aus Daten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hervor. Auch in Berlin wurden 2012 Tausende Anträge auf medizinische Hilfsmittel wie Hörgeräte, Reha-Maßnahmen und Arbeitsunfähigkeit von den Krankenkassen abgelehnt – häufig nach einer gutachterlichen Prüfung.

Während Patientenberater von einer wachsenden Zahl Hilfe suchender Versicherter ausgehen, wies der MDK auf rückläufige Zahlen bei den Negativbescheiden über die vergangenen Jahre hin. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte: "Es darf nicht zu einer massenweisen Ablehnung kommen. Das ist nicht in Ordnung."

37 Prozent der Hörgerät-Anträge von Kassen abgelehnt

Im vergangenen Jahr gab es in knapp 1,5 Millionen Fällen von den einzelnen Kassen initiierte MDK-Gutachten zu ärztlich festgestellter Arbeitsunfähigkeit, wie der Medizinische Dienst des Kassenspitzenverbands mitteilte. In gut 16 Prozent der Fälle urteilte der MDK, dass die Arbeitnehmer innerhalb der nächsten zwei Wochen wieder arbeiten könnten. In den beiden Vorjahren waren es noch rund 1,6 Millionen Gutachten – mit negativen Ergebnissen bei 16,9 Prozent.

Bei fast 700.000 Prüfungen zu Reha-Leistungen kamen die MDK-Ärzte 2012 in 39 Prozent der Fälle zu dem Ergebnis: medizinische Voraussetzungen nicht erfüllt. Für Hilfsmittel wie zum Beispiel Hörgeräte wurden fast 500.000 Gutachten geschrieben – negative Urteile gab es bei 37 Prozent.

17.585 Anträge auf Arbeitsunfähigkeit in Berlin nicht genehmigt

In Berlin wurden im vergangenen Jahr 17.585 Anträge auf Arbeitsunfähigkeit nicht genehmigt (18 Prozent der Fälle). Bei den medizinischen Hilfsmitteln wurden 12.320 Anträge abgelehnt (52 Prozent). Im Falle der Reha-Maßnahmen gab es in diesem Bereich 57.186 Gutachten, in 44 Prozent wurde die Leistung zunächst nicht bewilligt.

Karin Stötzner, die Patientenbeauftragte des Berliner Senats, zeigte sich überrascht, dass erstmals Zahlen des MDK vorliegen. Sie sagte, dass die Nichtbewilligung von Leistungen der Krankenkassen in ihrer Beratung ein "Dauerthema" sei. Pro Monat bekäme die Patientenberatung 150 Anfragen, in etwa zehn Prozent gehe es um Entscheidungen der Krankenkassen. Viele Betroffene würden sich aber nicht an die Patientenbeauftragte wenden, sondern die Auseinandersetzung mit der Krankenkasse direkt suchen.

Sozialverband VdK rät Patienten Widerspruch einzulegen

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher, sagte, Patienten sollten sich auf keinen Fall damit zufriedengeben, wenn der MDK ein Hörgerät über den Festbetrag ablehnt oder eine Reha-Leistung. Entscheidungen zur Arbeitsunfähigkeit würden oft nach Aktenlage getroffen. "Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das fatal." Man könne Widerspruch einlegen.

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hatte bereits mit ihrem Jahresbericht im Sommer auf die Vielzahl solcher Fälle hingewiesen. Laut UPD, Verbraucherzentrale und VdK haben viele Berater den Eindruck, dass es im Gegensatz zu früheren Jahren vermehrt Patientenbeschwerden aus diesen Gründen gibt.

Die Kassen können den MDK mit Gutachten beauftragen. Zahlen darüber, bei wie vielen Menschen die Versicherung dann etwa eine Krankschreibung aufhebt, gibt es laut GKV-Spitzenverband nicht. Der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes, Peter Pick, wies darauf hin, dass die begutachteten Fälle seit 2010 bei Arbeitsunfähigkeit, Reha und Hilfsmitteln leicht gesunken seien. Die Gutachten würden sorgfältig erstellt, sagte er.

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