10.07.13

Pro & Contra

Ganz weg oder immer da – wie erreichbar müssen wir sein?

Judith Luig rät zum smarten Einsatz von Smartphones und gar Verzicht auf Abwesenheitsnotizen. Philip Cassier hält Dauererreichbarkeit für eine nervenzehrende Angelegenheit. Ein Pro und Contra.

Foto: picture alliance / dpa

Müssen wir E-Mails auch im Urlaub lesen – müssen wir sie danach lesen?
Müssen wir E-Mails auch im Urlaub lesen – müssen wir sie danach lesen?

Ich bin da – aber ich sag nicht wo von Judith Luig

Erinnern Sie sich noch an die individuellen Ansagen zur Pionierzeit des Anrufbeantworters? "Hallo, hier ist die Biene … ach, ne, nur ihre Quatschmaschine." Viele dieser minutenlangen Ansagen waren beim ersten Mal noch lustig. Aber dann? Spätestens beim zehnten Mal hasste man den Angerufenen. Als diese Zeit endlich vorbei war, kamen die Handyklingeltöne. Grillenzirpen, digitaler Beethoven, die Stimme des Liebsten, die sagte: "Schatzi, Telefon!" Dass wir auch das überstanden haben, gibt Hoffnung, dass wir auch die nächste Mode hinter uns bringen. Die aktuelle Welle nämlich ist die Abwesenheitsnotiz. "Danke für Ihre Mail, ich werde sie nicht lesen. Ich liege bis zum 14. August am Strand." Danke gleichfalls.

Wenn ich jemanden wegen eines Anliegens anschreibe, dann interessiert mich nicht, was derjenige macht, während er nicht das macht, worum ich ihn bitte. Was nutzt mir dieses Wissen? Man wird ohnehin von allen Seiten mit Informationen zugeschüttet, die man nicht braucht. Sparen Sie sich das unnötige Gequatsche darüber, wo Sie sich aufhalten, was Sie da machen, und wann Sie wiederkommen. Posten Sie es meinetwegen auf Facebook, wenn es gar nicht anders geht. Aber lassen Sie die Finger von der automatischen Antwort.

Wozu haben denn Steve Jobs und all die anderen Tüftler sich all diese Mühe gemacht und Ihnen diese wunderbaren Smartphones erfunden? Diese herrlich leichten Tablets und Notebooks und Kindle Fires wurden dazu erdacht, dass Sie ohne viel Aufwand – vielleicht höchstens mit ein bisschen Roaming-Gebühren – ab und zu mal in Ihren E-Mail-Verkehr einchecken können. Die Füße im Pool, in der einen Hand einen Hugo, neben Ihnen Martin – und trotzdem erwecken Sie für Auftraggeber oder Kollegen, und wer auch immer da so schreiben mag, mit einem minimalen Aufwand den Eindruck, Sie seien mitten im Bürogeschehen. Die Sonne scheint, machen Sie früher Feierabend. Wenn was ist, kann man Sie doch erreichen.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten werden gerne als elektronische Fesseln dargestellt, aber ob das Ding auf Empfang steht oder nicht, entscheiden Sie doch an jedem Tag selbst. Was viel wichtiger ist: Sie können senden, wann immer es Ihnen passt. Die Smartphones beenden endlich die dusselige deutsche Präsenskultur.

Ich bin dann mal ganz weg von Philip Cassier

Wenig ist unergiebiger, als vergangenen Zeiten nachzutrauern. Und bei mir, Jahrgang 1973, käme jede Art von Nostalgie ohnehin viel zu früh. Trotzdem merke ich immer deutlicher, wie sehr ich ein Kind des 20. Jahrhunderts bin: Eine Ideologie wie der Kommunismus verursacht bei mir beispielsweise ganz unwillkürlich Unbehagen. Ich fasse auch gern Dinge wie Zeitungen, Bücher und Schallplatten an. Und vor allem bin ich mit der Gewissheit groß geworden, dass es einen privaten Bereich gibt. Einen Bereich, der einem selbst und seinen Lieben allein gehört, und der eben nicht durch Kollegen, PR-Menschen, Staatsvertreter und sonstige Zeitgenossen gestört wird, die noch schnell was loswerden wollen.

Wohin die Dauererreichbarkeit führen kann, wurde mir zum ersten Mal in vollem Umfang bewusst, als ich mir ein Handy kaufte. Nicht nur das Gefühl, jetzt wirklich ständig mit allen verbunden zu sein, die man so kennt, war mir unangenehm. Mir fiel außerdem auf, dass Menschen, die früher kurz nachgedacht hatten, bevor sie mich auf dem Festnetz kontaktierten, sich nun von dieser Mühe entledigt fühlten. Wer stets zu sprechen ist, den kann man ja auch einfach so mal anrufen. Was man nun wollte, das kann man im Verlauf des Gesprächs immer noch klären (oder eben nicht, es gab ja keinen Grund für das Telefonat). Mit anderen Worten: Je größer die Kommunikationsmöglichkeiten sind, desto mehr leidet die Kommunikationsdisziplin.

Was nun den E-Mail-Verkehr betrifft, so weiß jeder, der schon einmal aus dem Urlaub zurückgekommen ist, dass von den Tausenden Mails, die auf ihn warten, die allermeisten irgendetwas zwischen Spam und Routine sind. Es nervt, die ganze Flut löschen zu müssen. Reifen tut dabei nur die Erkenntnis, dass sich die Arbeitswelt auch ohne eigenes Zutun einfach so weitergedreht hat. Sich mit diesem Zeug auch noch das Hirn zu verstopfen, wenn man frei von ihm hat, das darf man wohl getrost als absurd bezeichnen. Deswegen: "Von dann bis dann bin ich nicht da. Fragen Sie bitte in dringenden Fällen das Sekretariat. Beste Grüße!"

Verstehen Sie mich richtig: Erreichbarkeit ist in den allermeisten Berufen unerlässlich. Aber ganz ehrlich: So wichtig wird's dann auch wieder nicht gewesen sein, oder?

Dauererreichbarkeit oder auch mal ein Klares: "Ich bin nicht da"? Abwesenheitsnotiz oder keine Rückmeldung? Was halten Sie für den richtigen Weg? Nutzen Sie die Kommentarfunktion unter dem Artikel, um Ihre Meinung zu sagen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Mexiko Ist diese Frau der älteste Mensch der Geschichte?
Mexiko Hunderttausende tote Fische machen Fischern Sorgen
Kampf gegen IS USA fliegen tonnenweise Hilfsgüter in den Nordirak
Erdrutsche Hochwasser in China führt zu acht Toten
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Nina Hagens Tochter

Schauspielerin Cosma Shiva Hagen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote