28.06.13

Berlin

Neptunbrunnen - Video im Internet löst heftige Kritik aus

Im Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus in Berlin ist ein nackter Mann von einer Polizeikugel getroffen worden - tödlich. Ein im Internet aufgetauchtes Amateurvideo sorgt für Debatten über den Einsatz.

Von Steffen Pletl, Christina Brüning und Lenita Behncke
Foto: Privat/Youtube

Vor dem Schuss: In dem Amateurvideo ist zu sehen, wie der Mann mit einem Messer in der Hand auf den Polizisten zugeht
Vor dem Schuss: In dem Amateurvideo ist zu sehen, wie der Mann mit einem Messer in der Hand auf den Polizisten zugeht

Ein nackter Mann mit einem Messer in der Hand stirbt durch eine Polizeikugel inmitten der Innenstadt, im Neptunbrunnen gegenüber dem Roten Rathaus. Der tragische Tod des vermutlich 31 Jahre alten Mannes aus Weißensee beschäftigt jetzt die Spezialisten der 1. Mordkommission des Landeskriminalamtes. Ein Polizist hatte offenbar in Abwehr einer drohenden Messerattacke seine Dienstwaffe gezogen und auf den völlig unbekleideten Mann geschossen.

Augenzeugen berichten, was zuvor geschehen ist. "Der Mann hat auf einer Bank in der Grünanlage am Neptunbrunnen gesessen", erzählt der 38 Jahre alte Michele R. aus Prenzlauer Berg. "Ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, hat der Mann mit einem etwa 20 Zentimeter langen Messer herumhantiert und sich mehrere Verletzungen am Arm zugefügt. Anschließend ist er von der Bank aufgestanden und in Richtung Neptunbrunnen gegangen. Dort hat er sich ausgezogen. Seine Jeans, Turnschuhe und ein kariertes Hemd hat er am Beckenrand abgelegt und ist anschließend mit dem Messer in der Hand in das Wasserbecken gestiegen", so der Augenzeuge.

Dann habe sich der Mann mehrfach mit dem Messer in den Hals gestochen. "Zu diesem Zeitpunkt sind die Polizisten eingetroffen und haben versucht, ihn zu besänftigen." Ohne Erfolg. Mit dem Messer in der Hand sei der Nackte direkt auf einen Beamten zugegangen und ihm bedrohlich nahe gekommen. "In diesem Augenblick ist ein Schuss gefallen", so der Zeuge. "Wenig später ist der Mann blutüberströmt zusammengebrochen."

Amateurvideo zeigt Einsatz

Im Internet ist ein Amateurvideo zu sehen. Unscharf ist darauf zu sehen, wie der unbekleidete Mann im Brunnen direkt auf einen Polizisten zugeht, die gezogene Schusswaffe scheint er zu ignorieren. Einige Beamte stehen um den Brunnen herum. Die Rufe "Messer weg, Messer weg", sind zu hören, dann ein Schuss. Der Polizist im Brunnen stolpert über den Beckenrand. Der Angeschossene verharrt einen Moment, dann fällt er. Doch auch trotz des Schusses, der sich als tödlich erweist, hat der Mann offenbar noch Kraft, sich strampelnd gegen die anderen Beamten zu wehren, die nun in den Brunnen gestiegen sind. Noch einmal ertönt der Ruf "Messer weg". Dann ist es plötzlich ruhig. Auf Facebook löste der gut eine Minute lange Film heftige Debatten über die Verhältnismäßigkeit der Polizeiaktion aus.

>> Eine Sequenz aus dem Video ist in einem Beitrag der rbb-Abendschau zu sehen

Nach den ersten Vernehmungen der Beteiligten am Nachmittag teilte die Polizei mit, dass der Polizist im Becken selbst geschossen habe, nicht etwa ein Kollege vom Brunnenrand. Der Mann sei an einem Lungendurchschuss gestorben, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Das habe die Obduktion ergeben. Nach deren vorläufigem Ergebnis gebe es keine Erkenntnisse darüber, dass der Mann unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol gestanden habe.

Mannschaftswagen, Funkstreifen und Rettungswagen waren vor Ort, nachdem eine Passantin am Morgen wegen des offenkundig verwirrten Mannes im Brunnen Alarm geschlagen hatten. Die Polizei sperrte den Brunnen mit rot-weißem Flatterband ab, an dem sich schnell Touristen versammelten. Manche wurden eher unfreiwillig Zeugen. So etwa eine Gruppe von Teenagern aus den USA. Sie waren mit ihren Betreuern auf dem Fernsehturm. Zwei Mädchen machten Fotos – auch vom Neptunbrunnen. Ein Mann saß dort auf einer Bank. Einige Minuten später machten die Mädchen noch ein Bild. "Doch auf einmal war alles voller Blut", erzählt eine Schülerin später sichtlich mitgenommen.

Messerangriffe sind heikles Thema

Wie Polizisten ihre Dienstwaffe einsetzen dürfen, ist gesetzlich geregelt. Die Paragrafen 8 bis 16 im "Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwangs bei der Ausübung öffentlicher Gewalt durch Vollzugsbeamte des Landes Berlin" beschäftigen sich damit. "Ein Polizist darf in Ausübung seiner hoheitlichen Aufgabe auf einen Menschen schießen, um ein Verbrechen zu verhindern oder um den Einsatz von Schusswaffen oder Explosivmitteln durch die Person zu verhindern", erklärt Oesten Baller, Professor für Polizeirecht an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR).

Wie die Situation bei Angriffen mit Messern oder Beilen bewertet werden muss, sei umstritten, so der Jurist. Allgemein gelte natürlich auch für Polizeibeamte das Notwehrrecht, das für jedermann gültig ist. "Um zu sagen, welcher Fall gilt, muss die Situation im Nachhinein genau analysiert werden", sagt Baller. In manchen Situationen müsse aus Gründen der Verhältnismäßigkeit auch mit Pfefferspray oder Schlagstock eingegriffen werden, statt die Schusswaffe zu benutzen. Wie der aktuelle Fall gelagert ist, kann der Jurist von außen natürlich nicht beurteilen.

Ballers HWR-Kollege Christian Matzdorf gibt zu bedenken, dass ein Messer auch aus der Distanz eine tödliche Bedrohung sei. "Wenn ein Angreifer wenige Meter vor dem Beamten ein Messer zückt und auf ihn los stürmt, hat der nur Bruchteile von Sekunden um zu reagieren", sagt der Kriminalist. "Angesichts der Gefährdungssituation muss das angemessene Mittel eingesetzt werden, und das kann in so einem Fall die Schusswaffe sein." Messerangriffe seien ein heikles Thema und würden in der Außenbetrachtung häufig unterschätzt, so Matzdorf. Im konkreten Fall wird die Mordkommission die offenen Fragen klären müssen. Die involvierten Polizisten wurden nach dem Vorfall betreut, hieß es.

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