27.02.13

Morgenpost vor Ort

Wem Prenzlauer Berg wirklich gehört

Gehört der Stadtteil dem Ordnungsamt? Den Immobilienhaien? Oder doch den Schwaben? Die Morgenpost-Runde fand überraschende Antworten.

Von Isabell Jürgens und Sabine Flatau
Foto: Reto Klar / Jörg Krauthöfer
Diskutierten über den Wandel im Kiez: Moderator Hajo Schumacher, Tanja Dückers, Markus Gruhn, Christine Richter, Jens-Holger Kirchner, und Doris Burneleit (v.l.)
Diskutierten über den Wandel im Kiez: Moderator Hajo Schumacher, Tanja Dückers, Markus Gruhn, Christine Richter, Jens-Holger Kirchner, und Doris Burneleit (v.l.)

Der Ort der Diskussion hätte nicht besser gewählt sein können. Die Berliner Morgenpost hatte rund 70 Leser in den "Blue Room" im "Pfefferwerk" an der Schönhauser Allee eingeladen, um gemeinsam Antworten zu finden. Denn Prenzlauer Berg, das Dorado der Freiheitssucher und Kunstschaffenden, kämpft um sein Kreativ-Image. Viele Klubs mussten schließen, weil es den neuen Nachbarn zu laut ist, viele Mieter mussten wegziehen, weil die schick sanierten Wohnungen zu teuer wurden. Und mittendrin das "Pfefferwerk".

1999 aus einer Kiez-Initiative heraus gegründet, war der Standort dem BMW-Guggenheim Lab im vergangenen Jahr plötzlich nicht mehr hip genug. Das Kunstprojekt sollte nach Kreuzberg verlegt werden, bevor es nach Protesten dann doch reumütig auf das alte Brauereigelände an der Schönhauser Allee zurückkehrte. "Wem gehört der Kiez – Wohin treibt Prenzlauer Berg?" war deshalb die Frage, die Moderator Hajo Schumacher am Dienstagabend seinen Gästen stellte. Die Antworten sind so vielschichtig und bunt, wie der Kiez – trotz aller Verrisse – immer noch ist.

"Ungerechter Schwabenhass"

Die Suche nach den Schuldigen für diese Entwicklungen sei in vollem Gange. Und nehme manchmal bereits inquisitorische Züge an, berichtete die Schriftstellerin Tanja Dückers. Die Frage, wer schon wie lange im Kiez wohne, werde in Prenzlauer Berg nahezu permanent gestellt. Darin manifestiere sich schon ein Stück "mangelnde Weltläufigkeit", kritisierte die gebürtige West-Berlinerin, die vor knapp 20 Jahren in den Gleimkiez zog. "Hier ist es ja schon ein Wahnsinnsproblem, wenn jemand aus einem anderen Stadtteil einzieht", ergänzte sie.

"Ungerechten Schwabenhass" gebe es im Kiez. "Ich bin mit einem Schwaben verheiratet und kann sagen, sie sind wirklich nicht an allem schuld." Eher schon kriminelle Vermieter. "In unserer Straße gibt es schlimme Beispiele dafür, wie Mieter aus ihren Häusern geekelt werden", so die Schriftstellerin. Eine tote Ratte vor der Wohnungstür sei noch die harmloseste Schikane. Dennoch dürfe die Forderung nun nicht lauten, "Prenzlauer Berg darf sich nicht verändern", meinte sie. "Ich wünsche mir da mehr Offenheit." Aber auch ihre Miete sei inzwischen sechsmal so hoch wie bei ihrem Einzug. "Natürlich ist es ein Problem für ganz viele Menschen, wenn die Mieten dauernd steigen."

"Übereifriges Ordnungsamt und Dauerbaulärm"

Die Gastronomin Doris Burneleit, die mit ihrer "Trattoria Paparazzi" , dem ersten italienischen Restaurant in Ost-Berlin, kulinarische Geschichte schrieb, hat zumindest dieses Problem nicht. "Das Haus an der Husemannstraße wurde nach der Wende an eine Familie aus Cuxhaven rückübertragen", berichtete sie. Sie zahle immer noch die gleiche Miete wie bei ihrem Einzug.

"Die Vermieter mögen mich und haben mir versprochen, dass die Miethöhe so bleibt, wie sie ist", so die Restaurantbesitzerin. Trotzdem überlege sie, ob sie ihrem Kiez noch länger die Treue halten soll. "Vor unserer Tür wird ständig die Straße aufgerissen. Wir haben Dauerbaulärm und dann noch das übereifrige Ordnungsamt, das unseren Gästen Knöllchen gibt, selbst wenn diese nur mit einem Reifen auf dem Bordstein stehen – das sind meine Probleme als Gewerbetreibende", sagte sie.

"Müssen wir das eigentlich hinnehmen?", fragte auch Morgenpost-Leserin Claudia Schmidt, Inhaberin einer Fachbuchhandlung in der gleichen Straße. Ihr Geschäft habe den ganzen Tag geöffnet. "In dieser Zeit müssen wir ununterbrochen den Baulärm aushalten. Haben Sie mal daran gedacht, dass das gesundheitsschädigend ist und die Nerven kaputt macht?" Die Straßen seien wegen der Bauarbeiten gesperrt. "Kunden rufen aus dem Auto an und sagen, wir kommen da nicht durch und können nicht parken." Es gehe nicht um monatelange Arbeiten, sondern um Jahre. Existenzen würden dadurch gefährdet. "Ich verstehe nicht, warum das so lapidar übergangen wird."

Steigende Mieten

Ein Vorwurf, den Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) sofort konterte. "Das gesamte unterirdische Leitungsnetz im Bezirk ist marode, da muss einfach etwas geschehen", sagte er. Dabei habe er aber wenig Eingriffsmöglichkeiten, um diese Maßnahmen zu koordinieren. "Wenn Vattenfall oder die Wasserbetriebe sagen, sie müssen ihre Leitungen aufbuddeln, dann machen die das." Nicht nur die Anwohner würden von solchen Aktionen kurzfristig überrascht. "Wir auch", so der Baustadtrat weiter. Dann wandte sich Kirchner dem Problem der ständig steigenden Mieten zu.

"Wir haben seit Januar in einigen Wohngebieten Luxussanierungen und die Zusammenlegung kleiner Wohnungen verboten", sagte Kirchner. Allein am Teutoburger Platz seien in den vergangenen Jahren durch die Zusammenlegung rund 1000 preiswerte Wohnungen vom Markt verschwunden. Allerdings sei die Tatsache, dass 80 Prozent der Kiezbewohner nach der Wende den Kiez verlassen hätten, durchaus nicht nur auf steigende Mieten zurückzuführen. "Ich erinnere nur an den erbärmlichen Zustand der Häuser nach der Wende, an die feuchten Wände, die Kohleöfen und die Etagenklos", so Kirchner. Diesem "Substandard", der vielen heute unvorstellbar sei, hätten viele Anwohner gern den Rücken gekehrt.

Nicht geldgierige Immobilienbesitzer, sondern das Land Berlin sei verantwortlich für die Entwicklungen am Mietenmarkt, meinte dagegen Markus Gruhn. "Der Verkauf von kommunalen Wohnungsbeständen und eine falsche Liegenschaftspolitik", hätten dazu geführt, dass viele nun Probleme hätten, sich mit Wohnraum zu versorgen. Denn die privaten Vermieter "nehmen im Zweifelsfall immer den Mieter mit der höchsten Bonität", so der Makler. Und das sei im Zweifelsfall der Zuzügler aus Stuttgart, dessen Gehalt eben meist höher sei als das vieler Berliner.

Zunehmende Lautstärke

Morgenpost-Leser Stefan Martin stammt aus Baden-Württemberg. Er sei vor drei Jahren nach Prenzlauer Berg gezogen, in die Kopenhagener Straße, und habe eine Familie gegründet, sagte der Beamte. Er möchte mit seiner Frau und zwei Kindern in eine Vierzimmerwohnung ziehen und kritisierte die Entscheidung des Bezirksamts, dass kleine Wohnungen nicht mehr zusammengelegt werden dürfen.

"Wir würden gern kaufen und sind seit zwei Jahren auf der Suche, aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit." Eine Vierzimmerwohnung sei wie Goldstaub. "Ich will nicht in einer Reihenhaussiedlung in Kleinmachnow wohnen", sagte der 42-Jährige. Doch es gibt eine andere Lösung. "Für Sie wäre ein Baugruppen-Modell genau das Richtige", empfahl Stadtrat Kirchner. "Da können Sie investieren und auch noch die Wohnungsquerschnitte der Nachbarn mitbestimmen." In Prenzlauer Berg gebe es eine Vielzahl von Baugruppen.

Das Thema Mieten, Neubau und Verdrängung in Prenzlauer Berg beschäftige die Berliner Morgenpost schon seit Langem, sagte Christine Richter. Sie ist Mitglied der Chefredaktion, zugleich auch Leiterin des Berlin-Ressorts und lebt seit 1993 am Helmholtzplatz. "Ich hatte überlegt wegzuziehen, weil es im Sommer sehr laut geworden ist", sagte sie. "Reisebusse kommen, viele Touristen sind unterwegs." Vor jedem Restaurant stünden Stühle, um 22 Uhr werde noch nicht aufgehört, zu feiern und zu trinken. "Die Veränderungen sind manchmal anstrengend. Aber ich habe mich dafür entschieden zu bleiben. Mitten in der Stadt."

Wem gehört der Kiez? Diese Frage beantwortete Morgenpost-Leser Albert Hüchtker so: "Der Kiez gehört keinem", sagte der 77-Jährige aus Schöneiche. "Wir leben in einem freien Europa." Jeder könne sich überall niederlassen und überall hinreisen. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir mit dieser Freiheit gut umgehen", forderte Albert Hüchtker. "Das kann nur geschehen, indem wir gegenüber allem, was sich hier ändert, und was neu dazukommt, die entsprechende Toleranz ausüben." In Weltstädten wie Paris oder London würde niemand fragen, wem gehört dieses Quartier. "Sie sind viel weiter und offener als wir in Berlin."

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