18.02.13

Gentrifizierung

Als die Bürgersteige in Mitte bürgerlich wurden

Im Bezirk Berlin-Mitte haben sich nicht nur die Mietpreise stark verändert. Philip Cassier ist seinem Kiez dennoch treu geblieben.

Von Philip Casier
Foto: Massimo Rodari

Die Wohnungen in Mitte sind jetzt zwar viel teurer, dafür aber auch deutlich komfortabler, findet Autor Philip Cassier

4 Bilder

An einem grauen Februartag setzten sich Vater und Sohn in der Gartenstraße in einen VW Golf. Der Sohn, noch nicht ganz 40, und der Vater, noch nicht ganz 70, hatten ein Ziel: Die Ikea-Filiale am Sachsendamm in Tempelhof. Der Sohn fuhr kein Auto – es war ihm zu stressig – und der Vater war aus Westdeutschland gekommen, um gemeinsam mit seinem Kind einen neuen Kleiderschrank zu besorgen.

Der Sohn liebte teure Bekleidung, und so war der alte Schrank zu eng geworden. Der Vater hatte seinen Werkzeugkasten mitgebracht. Vielleicht würden sie sich beim Aufbau ein wenig streiten, das war ein eingespieltes Ritual bei ihnen. Der Vater barsch: "Gib mir den Schraubenzieher!"– Der Sohn aggressiv: "Mann, Papa, jetzt kommandier nicht rum."

VW Golf. Westdeutschland. Werkzeugkasten. Ikea. Kleiderschrank. Vater und Sohn. Ein Streitritual, das aus einem Reihenhaus stammt. Muss man noch erzählen, dass die beiden am Abend zuvor im Restaurant des Hotels "Honigmond" essen wollten? Da war es ruhig, man wurde satt und das Preisleistungsverhältnis bei Dingen wie Königsberger Klopsen war sehr anständig. Konnte dieses Spießernest Mitte sein?

Der Berliner verlässt seinen Kiez nur ungern

Es konnte. Inzwischen läuft das hier so. Oder nein – es läuft sogar noch ein bisschen anders: Nämlich so, dass der Innenhof meiner Wohnanlage sehr zur Freude meines Vater den Nachbarskindern gehört. Es dröhnt und kreischt, ab und zu knallt ein Plastikball gegen die Mauer, die Ambitionen der Jungs gehen in Sachen Fußball Richtung Barcelona. 2007 zog ich aus der Rheinsberger Straße hierher, mein fester Arbeitsvertrag war der Schlüssel.

Ab und zu trinke ich nun sommers mit den Nachbarn – Juristen, Ärzte, IT-Spezialisten – einen Kaffee. Neulich war ein Freund aus einem nicht ganz so feinen Viertel von Hannover da, er pries die himmlische Nachtruhe. Mir fiel auf, dass ich bei geschlossenem Fenster (doppelt verglast, schon klar) tatsächlich weniger höre als im heimischen Reihenhaus am Stadtrand. Da führt noch eine Straße vorbei und gegenüber liegt ein griechisches Restaurant.

Selbstverständlich geht es nicht überall so zu. Aber alles strebt in diese Richtung. Berliner, so heißt es, verlassen ihre Gegend nicht – da können sie sogar zugezogen sein. In meinem Fall bedeutet das: Seit ich am 28. August 1995 mit meinem alten Ford auf der Avus in ein Unwetter fuhr, um in Berlin zu studieren, bin ich im Kiez nördlich und südlich der Torstraße unterwegs. Die ersten drei Jahre Wedding als Aufnahmeprüfung zählen nur bedingt: Erstens würde ich mir diese Härte inzwischen ersparen und zweitens verbrachte ich meine Abende von Beginn an hauptsächlich in dem zentralen Kiez.

Ofen als Heizung und kein Telefon

Derzeit steigt das Mietniveau hinter den frisch gestrichenen Fassaden, 14 Euro kalt pro Quadratmeter sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Für mich wäre das zu viel. Spricht man mit Geschäfts- und Restaurantinhabern, hört man häufig Ähnliches. Die vielen neuen Townhouses, eigentlich nichts anderes als unbezahlbare Reihenhäuser auf dem Todesstreifen und anderswo, werden verhindern, dass sich hier wieder etwas breit macht, was man im Entferntesten als kreative Off-Szene bezeichnen könnte.

Da habt ihr euren Aufbau Ost, brüllt das Straßenbild den Alteingesessenen entgegen – wobei die wirklich Alteingesessenen längst im Wedding hausen und die Mittelalteingesessenen wie ich zu ihrem Erschrecken immer häufiger von früher erzählen.

Mitte ist nicht mehr hip? Was ich davon mitbekommen habe, lebte stark vom Zusammenbruch. Was sonst soll die Wende von 1989 in diesem Stadtteil gewesen sein? Aufgeräumt war Mitte der 90er-Jahre gar nichts und zum Bohemien wurde man von ganz allein; Ofen als Heizung, oft kein Telefon, Fenster, durch die der Wind pfiff und dazu jede Menge fertige Fassaden von einem unvergleichlichen Grauschwarz – die Kohle, die ganze Kohle! Wir saßen im Kreis in einer Wohnung in der Ackerstraße mit DDR-Schrankwand, draußen bröckelte die Gründerzeit-Fassade, drinnen staubte der der Ofen, Mittelpunkt war die große Wasserpfeife: Mein Kumpel Carl hatte seinen kleinen Bruder zu Besuch, er hatte gerade in Hannover Abitur gemacht.

Einige aus unserem Kreis zogen erst einmal pures Gras, und das kräftig, dann machten wir uns auf den Weg. Unter dem "Zosch" in der Tucholskystraße – gibt es noch, trotzt wacker dem Zeitgeist, wie auch die "Z-Bar" in der Bergstraße und nach hartem Kampf der "Schokoladen" in der Ackerstraße, – war ein Club nur durch einen Gully zu erreichen. Wir zwängten uns durch.

Überall Schimmel, sechs Typen saßen in einer Runde, tranken Bier, die Rauchschwaden erschwerten den Blick; die Musikrichtung hieß Death-Metal, ein unsägliches Gebratze und Geschreie, durchsetzt von englischen Vokabeln, die einzig deutlich hörbare war regelmäßig "Satan". Zwischendrin wurde geschwäbelt. "Was soll das hier?", fragte der Abiturient. "Keine Ahnung, ist mehr so deren Projekt", gab ich zurück. Was hätte ich antworten sollen? Wir hatten ja selbst überhaupt keine Message.

Keine Gangster und fast kein Heroin

Der Junge wollte nun raus, wir taten ihm den Gefallen. Wir standen auf der dunkelgrauen Straße, das war selbst nachts erkennbar, und rauchten, wir kicherten, wir zogen weiter und landeten in der Rosenthaler Straße, "Eimer" hieß der Club. Wieder ein Keller, diesmal in einem komplett verfallenen Haus, die Drinks sauhart, eine Band spielte irgendein Elektrozeug, Frauen in Lederjacken oder wallenden indische Gewändern. Wir redeten über Carl Schmitt und Foucault, über das Empire, Trance und P-Funk, wir versuchten bei all dem gleichmütig zu wirken, mal gelang es uns und mal nicht. Die Welt verwackelte vor unseren Augen; wir glaubten, das sei hier wirklich urban, das Manhattan der Siebziger und Achtziger, aber wir hatten völlig übersehen , dass es hier keine Gangster gab, fast kein Heroin, so gut wie keine Korruption, keine Nachtseite des Geldes und damit nichts wirklich Böses.

Nur noch einen Laden weiter, ins "Boudoir" am Rosenthaler Platz, da hingen Fotos von Hardcore-Pornos an den Wänden, alles andere war improvisiert (orangefarbene Möbel habe ich auch noch in Erinnerung, aber ich kann mich täuschen). Als dieser Laden um die Jahrtausendwende schloss, spielten wir bis morgens gegen zehn Country-Ping-Pong. Aus den Boxen sang ein tieftrauriger Hank Williams: "I'm so lonesome I could cry", und wir bewegten uns stundenlang im Kreis um eine Tischtennisplatte.

Am Ende der Nacht, die in der "Speicheldrüse" begonnen hatte, sagte der Abiturient in den hellen nächsten Tag hinein, das sei jetzt alles zu viel gewesen. Fand ich auch, wieder mal. Ein Vernichtungs-Feldzug gegen alle ideellen Einzelheime des Planeten Erde hatte seine Kollateralschäden. Doch obwohl wir wussten, dass wir nichts beitrugen, und die persönliche Katastrophe über jedem einzelnen Tag schwebte, hielten wir uns für die letzten klar denkenden Exemplare der Spezies Mensch; was war an einer solchen Nacht absurder als, sagen wir mal, ein Auto auf Raten zu kaufen? Mitte, dieser Kiez, er würde uns davor schützen, entlarvt zu werden, aufzufliegen als Bande verzweifelter Kleinstadthirne, die hier ihre Version der großen Freiheit inszenierten: Hier würden sich unsere Feinde nie hertrauen.

Dann kamen die "Plastikmenschen"

Konnte es so weitergehen? Selbstverständlich nicht. Erst kamen die Bauarbeiter, dann die Bonner, dann die Schnitzel, Maultaschen und Steaks, das Sterneessen, der wiedererstrahlte Stuck, schleichend ging das voran, hier ein bisschen, da ein bisschen, aber weiter, immer weiter. Carl erfand um die Jahrtausendwende den Begriff der "Plastikmenschen" für das neue Publikum, es sprach die nackte Angst. Plötzlich waren da zahlungskräftige Leute, vermutlich waren sie, wenn wir winters nach einem Zug auf unsere Matratzen gingen, gerade im Skiurlaub aufgestanden und frühstückten vom Büffet. Mitte jedenfalls brach sein Versprechen mehr und mehr, das Versprechen, uns in Ruhe zu lassen, weil es ja anderswo doch nur als lauter, grauer Moloch galt.

Gleichzeitig jedoch fiel uns auf, dass eine Badewanne eine wunderbare Sache ist. Oder eine Zentralheizung. Oder Dielen. Den Auszug aus der kaputten Hütte konnte man sich noch dazu bezahlen lassen. Man musste dem Makler, der einem das alte Stück Mitte wegnehmen wollte, nur glaubhaft genug versichern, dass man bleiben wolle. Wir nahmen das Geld und hielten es mit Marcel Reich-Ranicki: Der hatte gesagt, Geld allein mache nicht glücklich, aber er weine lieber in einem Taxi als in einer Straßenbahn. Denn auch wir wollten unsere Gegend nicht verlassen, was sollten wir in Charlottenburg oder Friedrichshain, da hätten wir total von vorne anfangen müssen.

Heute ist die Ackerstraße durchsaniert, die italienische Familie Pane, Vater, Mutter, drei Söhne und ihre Frauen, betreibt dort ein Feinkostgeschäft, eröffnet 1999, ein Restaurant, eröffnet 2001, und einen ständig ausgebuchten Pizzaladen, eröffnet 2005. Es sind da Stars zu Gast, echte Stars, aber das Restaurant "Locanda Pane", das hatte eine Weile geschlossen, es war zu nobel geworden, zu sehr haute cuisine, man besinnt sich jetzt auf Bodenständiges. Im "Eimer", saniert auch dieses Gebäude, ist das "Transit"; ein asiatisches Restaurant – Hühnchen in Kokosnusssauce für 3 Euro – viele Menschen mit schwarzen Brillengestellen, daneben ein "Easy"-Hotel, es fragt sich, wie lange der Easyjet way of life hier noch durchhält.

Nostalgie zieht immer noch

Den Durchgang zum "Boudoir" finde ich nicht mehr – ging es hinter dem Schuhgeschäft rein? Die Plattenbauten der Torstraße geben eine herrliche Kulisse für Brad Pitt ab. Vor der "Kingsize"-Bar am Oranienburger Tor steht das Publikum Schlange, innen drin sieht es ein bisschen aus wie früher: ein wenig Dreck hinter einer fertigen Fassade, diese Nostalgie zieht so sehr, dass sie Fantasiepreise fürs Bier ermöglicht. Genau weiß ich das nicht, ich war noch nie da, ich stelle mich doch nicht an, ich bin versucht zu sagen: Das muss ich nicht, ich hatte das Original – und das kam ohne teures Bier aus.

Wir wollen nicht vergessen, dass die, die einst zur "Speicheldrüse" aufbrachen, heute eine eigenständige Existenz führen: Als Musiker, als Germanist, als Journalist, als Physiker. Zwischen all dem Zusammenbruch konnte man sich die Dinge sehr gut beibringen – wer über Carl Schmitt und P-Funk redet, der muss ja erst einmal was davon verstehen. Die Neugier, der Wille, die undichten Fenster und die Öfen hinzunehmen, trug uns durch. Das sollen die neuen Reihenhausbesitzer auf dem Todesstreifen erst Mal von sich sagen können.

Ich stritt mich übrigens beim Schrankaufbauen nicht mit meinem Vater. Wahrscheinlich ist Mitte einfach erwachsen geworden. So gut es eben geht. Und ich mit.

>>> Lesen Sie auch: Für Autorin Uta Keseling hat sich auch in Kreuzberg viel verändert

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