13.02.13

Leben nach dem Tod

45 Minuten hielt Martin Germer seine tote Frau im Arm

Martin Germers Frau stürzte aus dem Leben in den Tod. Der Pastor der Berliner Gedächtniskirche spricht über eine Liebe, die weiterlebt.

Von Julika Meinert
Foto: Axel Springer Akademie

Martin Germer fährt heute nicht mehr oft zum Grab seiner verstorbenen Frau
Martin Germer fährt heute nicht mehr oft zum Grab seiner verstorbenen Frau

Es ist Ende Mai, ein sonniger Donnerstagmorgen im Kärntener Lesachtal. Martin und Heike Germer, beide geübte Bergwanderer, wollen den Riebenkofel besteigen. Martin Germer geht vor, sucht den alten Wandersteig. Als der Pastor zehn bis fünfzehn Minuten später zum Hauptweg zurückkommt, ist seine Frau nicht mehr da. Zwei Stunden später hat er sie wieder im Arm. "Ihr vom Fallen zerschundener Körper war noch warm von der Sonne, aber da war kein Atem mehr, kein Puls, nichts – es war schon längst kein Leben mehr in ihr", beschreibt er. Eine Dreiviertelstunde hält Martin Germer seine Heike so ein letztes Mal, bevor der Notarzt ankommt. Diagnose: Genickbruch. Sie war sofort tot.

"Wenn wir dann um eine Biegung kamen und die Weite der Bergwelt lag vor uns und das saftige Grün der Wiesen, und die Sonne schien, und ein leiser Wind wehte, und Hummeln summten von Blüte zu Blüte, und Schmetterlinge tanzten – dann stand sie da, mit weit ausgebreiteten Armen, die Finger in leicht tastenden Bewegungen, mit leuchtenden Augen, und atmete dies alles staunend in sich hinein. – Das war Heike, ganz und gar."

So erinnert sich Martin Germer, heute 56, in einem Brief, den er der Traueranzeige beilegt. Zurück in Deutschland erstellt Germer ein Fotoalbum vom Leben seiner Heike, fährt zu ihrer Mutter, besucht Freunde und Verwandte, sucht das Gespräch mit ehemaligen Lebenspartnern seiner zwölf Jahre älteren Frau. "Ich habe das Leben meiner Frau rekonstruiert", sagt Martin Germer. "Alles mit dem Gedanken: Ich möchte sie jetzt noch genauer kennen lernen."

Martin Germer lächelt, wenn er heute über den Tod seiner Frau spricht. Schon am Unglücksort, als er ihren leblosen Körper im Mai 1997 in den Armen hielt, hatte er den tröstenden Gedanken: "Es ist egal, wie lange ein Mensch gelebt hat, entscheidend ist, womit seine Lebenszeit gefüllt war. Wir waren zwölf Jahre zusammen, das war eine schöne Zeit, und meine Frau hat ein vielseitiges, erfülltes Leben gehabt. Da habe ich mir gedacht: Dann will auch das jetzt so angenommen werden." Martin Germer ist Pastor an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dem berühmten Gotteshaus am Berliner Breitscheidplatz, und kennt Trauer als Seelsorger. Sicher haben ihm seine beruflichen Erfahrungen geholfen, meint er. Es falle ihm nicht schwer, darüber zu sprechen. Das Sprechen selbst ist Trauerbewältigung.

Germer zürnt nicht mit seinem Gott

Trotz aller Tragik zürnt Martin Germer nicht mit seinem Gott, er zweifelt nicht, verbittert nicht. "Das ist nicht meine Gottesvorstellung, dass er uns vor allem Schlimmen bewahrt. Das tut er nicht, das wissen wir", sagt der Theologe. An einen Gott, der alles Unglück vermeidet, könne er nicht glauben. Andere Menschen sind da weniger gelassen, sie fragen, wie Gott Unheil zulassen kann. "Dann fange ich immer an, zu stottern. Es gibt keine logische Antwort", sagt Germer. Er trauerte anfangs sehr um seine Heike, weinte oft, auch vor anderen. Gefühle zuzulassen, das bedeute auch, dass man sie wieder gehen lassen könne. Kurz nach dem Unfall hatte er geschrieben:

"Bei all meiner Fassungslosigkeit über Heikes furchtbaren Tod, bei all meiner Trauer (…) empfinde ich für mich persönlich einen ganz eigenartigen, tiefen Frieden. (…) Ich will das Geschehene annehmen, in mich hineinlassen und Schritt für Schritt zu begreifen suchen – mit Trauer, mit Tränen, mit Klagen – aber ohne Zorn und Bitterkeit – sondern in Frieden."

Seine Frau wurde auf dem Friedhof in Stahnsdorf beigesetzt. Den Grabstein hatte Germer in den Alpen am Urlaubsort gefunden, die Aufschrift, ein Vers aus dem Matthäus-Evangelium (16,26): "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele." Den Vers und den Friedhof hatte sich Martin Germers Frau gewünscht. Zufällig, denn explizit hatten sie nie über das Sterben gesprochen: Bei einer Fahrradtour waren sie an dem Friedhof südlich von Berlin vorbeigekommen. Der verwunschen wirkende Ort gefiel Heike, spontan sagte sie "Hier möchte ich mal begraben werden!". Die Erinnerung daran spielte dann für Martin Germer eine große Rolle, als seine Frau tot in den österreichischen Bergen lag. "Die Vorstellung, zu wissen, wo sie begraben sein möchte, hatte etwas Beruhigendes", sagt er. Wenige Tage nach der Beisetzung arbeitete Germer wieder. Sein erster Einsatz: ein Gottesdienst zum Thema 'Segen für die Ferien'.

"So ist Heike für mich das Geschenk meines Lebens gewesen, der Mensch, mit dem ich am tiefsten verbunden gewesen bin in Zärtlichkeit und Verstehen, mit zunehmender Bewusstheit auch die Frau, mit der zusammen ich alt werden wollte."

Mindestens einmal in der Woche fuhr Martin Germer damals zum Friedhof 25 Kilometer außerhalb von Berlin. "Manchmal dachte ich: Hättest du dir mal vorher diese Zeit für deine Frau genommen." Martin Germer hat Tränen in den Augen, wenn er heute darüber spricht. Und trotzdem lächelt er. "Ich habe sehr getrauert. Trauer heißt, ein Gefühl der Leere empfinden. Ganz deutlich die Stelle spüren, wo der geliebte Mensch nun nicht mehr ist." Die spürt Martin Germer noch immer: Wenn er die Arpeggione-Sonate von Schubert hört zum Beispiel, die sein Onkel als Cellist seiner Heike bei einem Konzert kurz nach ihrem Tod gewidmet hat. Germer hört die Musik wieder und wieder. "Ich habe selten in meinem Leben so intensiv Musik gehört. Das ist auch eine Erfahrung: Dass die Trauer mich für ganz viel empfänglich gemacht hat."

Jahrelang hat er die Fotos nicht angesehen

Seit Monaten war er nicht mehr auf dem Friedhof. "Das hat für mich irgendwann an Bedeutung verloren." Vier Jahre nach dem Tod seiner Frau hat Martin Germer eine neue Beziehung begonnen. Seit acht Jahren ist er wieder verheiratet. Aus Fotos von Heike hatte er eine Collage zusammengestellt, die noch jahrelang im großen Rahmen in seinem Arbeitszimmer hing, als er schon mit seiner neuen Partnerin zusammen war. "Das war bestimmt auch nicht richtig nett." Germers neue Partnerin war mit Heike befreundet. "Sie hat mitgetrauert."

"Seit ich in einer neuen Beziehung lebe, habe ich das Gefühl, dass ich meiner jetzigen Frau ungeteilte Liebe schuldig bin", sagt Germer. Für seine neue Frau war es "eine sehr bedrängende Vorstellung, dass sie jetzt mit mir zusammen sein kann, weil Heike gestorben ist." Doch Germer meint: "Es gibt ja bei der Trauung diese Formulierung 'bis der Tod euch scheidet'. Und das heißt ja: Wenn der Tod euch geschieden hat, dann ist der, der weiterlebt, frei. Frei, selbst weiter zu leben, auch frei für neue Beziehungen."

Das Fotoalbum über Heikes Leben liegt oben auf dem Regal, seit Jahren hat Martin Germer es sich nicht mehr angesehen. Heute verbringe er lieber zwei Stunden mit seiner Frau, als zum Grab seiner Heike zu fahren. "Die Erinnerung an meine erste Frau ist ja nicht weg." Wenn er heute an Heike denkt, empfindet er "Liebe, Dankbarkeit und mindestens ein inneres Lächeln."

"Wir beide haben uns jeweils durch den anderen in vielfältiger Weise erkannt gefunden – manchmal kritisch, und das war gut so, viel öfter aber bestärkend und ermutigend. So haben wir zwölf schöne, intensive Jahre miteinander erleben können, immer im Wissen, dass vieles auch noch vor uns liegen würde. Und auch wenn dieses Wissen jetzt so eine traurige Bedeutung bekommen hat, so will ich doch daran festhalten: Das große, das ganze Erkennen kommt erst noch."

Für den Christen Martin Germer ist das Leben mit dem Tod nicht zu Ende: "Ich glaube, dass wir in irgendeiner Weise bei Gott sein werden – und dass es dann gut ist." Er lacht. "Aber ich habe nicht an die Vorstellung, dass wir uns wiedersehen werden." Dennoch höre die Liebe nicht auf. Bis hin zu Gedanken wie "Wer weiß, was Heike dazu jetzt wohl gesagt hätte?"

Die Liebe in all ihren Ausprägungen – das ist Thema eines Digitalprojekts der Axel Springer Akademie. Die Journalistenschüler haben für ihre Webseite "LiebensWerte", die zum Valentinstag erschienen ist, Texte, Bilder, Videos, Audioslideshows und interaktive Grafiken rund um die Liebe erstellt.

Copyright: LiebensWerte/Axel Springer Akademie

Startvideo von LiebensWerte.de from Axel Springer Akademie on Vimeo.

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