11.02.13

Die Rixdorfer

Die Bürgerschrecks vom Kreuzberger Hinterhof

Vor 50 Jahren mischte die Künstlergruppe "Die Rixdorfer" mit Drucken und Aktionen erst die Berliner, dann die deutsche Kreativszene auf.

Von Karl Günther Barth
Foto: Werkstatt Rixdorfer Brücke (7)

Boygroup der deutschen Kunst: Die Rixdorfer, gewohnt ironisch posierend, in den 60er-Jahren in Kreuzberg
Boygroup der deutschen Kunst: Die Rixdorfer, gewohnt ironisch posierend, in den 60er-Jahren in Kreuzberg

Sie begannen als Lokal-Genies, die sich ihren ersten Ruhm bei Kneipen-Wirten erwarben. Fünf Bohemiens, fünf Maler und Grafiker, die lieber schluckten als druckten. Oder umgekehrt. Damals angeführt von Günter Bruno Fuchs, schreckten Uwe Bremer, Albert Schindehütte, Arno Waldschmidt und Johannes Vennekamp als "Werkstatt Rixdorfer Drucke" erst die Berliner, dann die deutsche Kunstszene auf. Das ist 50 Jahre her – und die "Rixdorfer", wie man sie später der Einfachheit halber nannte, sind heute die älteste und bekannteste Boygroup der deutschen Kunst.

Günter Bruno Fuchs, ein damals schon bekannter Maler, Poet und Teilzeit-Galerist, bei dem schon Günter Grass ausgestellt hatte, war so etwas wie die Vaterfigur. An Fuchs kam man kaum vorbei, wenn man als junger Künstler aus Westdeutschland in die damals geteilte Stadt kam.

Man lernte sich bei Ausstellungen kennen und in langen Nächten in Kreuzberg, wo die meisten wegen der niedrigen Mieten wohnten. Man wollte Kunst machen, Spaß haben – und, wenn es denn geht, auch berühmt werden. Und war, natürlich, auch immer ein wenig links.

Als Letzter war Uwe Bremer zu den Kunst- und Saufkumpanen gestoßen. Er erinnert sich heute an die gänzlich undramatische Geburtsstunde der Gruppe: "Es war im ,Haupteck' an der Potsdamer Straße. Da saßen Arno und Ali und Günter Bruno Fuchs zusammen, und Josi lag schlafend unter dem Tisch."

Warum sie eine Gruppe wurden, darüber wurde nie diskutiert, so Waldschmidt. "Es ergab sich", sagt Schindehütte ironisch. "Es war Liebe auf den ersten Schluck." Und Bremer noch einmal: "Es gab einfach eine Übereinstimmung."

Alles nur Legende? Womöglich. Tatsache ist, dass die Künstler eher zufällig auf den Druck kamen. Buchdruckereien stellten damals auf das Offset-Verfahren um, die alten Maschinen und Setzkästen gab es fast umsonst. Trotzdem dauerte es, bis die erste von den Rixdorfern gedruckte Mappe erscheinen konnte. Die pure Not hatte sie angetrieben. Die Verlagsvorschüsse waren durchgebracht.

Von den 5000 Mark, die der Industrieverband Berlin aufgrund eines Gutachtens Walter Höllerers vom "Literarischen Colloquium" vorgestreckt hatte, war auch nicht mehr viel da. Als Günter Bruno Fuchs eines Tages verkündete, sie sollten sich Arbeit suchen, um die Miete für die Werkstatt bezahlen zu können, machten sie sich ans Werk. Es entstand die "Rixdorfer Bildermappe". Zehn Holzschnitte, die einzige Veröffentlichung ohne Texte – was erst später zu ihrem Markenzeichen werden sollte.

Schrulliges und Obszönes

Das lag zum Teil daran, dass Fuchs, von Haus aus Lyriker, die Rixdorfer in die literarische Szene gebracht hatte. Durch das gerade gegründete "Literarische Colloquium" wurden die Künstler bekannt mit einer Reihe von österreichischen Autoren wie Oswald Wiener, übrigens der Vater der heutigen Fernsehköchin gleichen Namens, Gerhard Rühm oder Ernst Jandl. Später stieß der Dramatiker Wolfgang Bauer dazu, der nach seinem Stück "Magic Afternoon" zur großen Theaterhoffnung wurde, aber leider zu früh starb.

Mit dem großartigen Wortkünstler H. C. Artmann trafen die Rixdorfer einen Freund und Seelenverwandten, mit dem sie bis zu seinem Tod im Jahr 2000 oft zusammenarbeiteten. Die Österreicher hatten damals, wie die Rixdorfer, Berlin für sich entdeckt, weil sich dort eine lebendige Kulturszene entwickelte – und zwar zu angenehmen Konditionen.

Die Mieten waren billig, weil viele Menschen nach dem Mauerbau die Stadt verlassen hatten und es weder Polizeistunde noch Getränkesteuer gab. Uwe Bremer lacht heute noch: "Der einfache Aquavit kostete 15 Pfennig, das große Bier 50. Wenn du drei Mark in die Kneipe getragen hast, gingst du nicht ganz gerade wieder heraus."

Der ganz eigene Stil der Rixdorfer entwickelte sich nach und nach. Weil sie zuerst im Holzdruck arbeiteten, entstanden großflächige, schwarze Figuren. Weil ihnen manchmal die richtige Buchstabengröße fehlte, es war schließlich alles aus Restbeständen zusammengekauft, wählten sie einfach die nächstkleinere. Daraus entwickelten sie dann ganz bewusst eine collagenähnliche Technik, die zu ihrer eigenen Bildsprache werden sollte.

Und die machte echt Furore – auch außerhalb von Berlin. Als 1966, drei Jahre nach ihrem ersten Auftreten als Rixdorfer Gruppe der "Spiegel" über sie berichtete, waren sie kein Berliner Geheimtipp mehr. Anlass der Geschichte war die erste "westdeutsche Tournee" der Gruppe unter anderem mit einer Ausstellung in Lübeck.

Das Blatt attestierte, ihre "Erzeugnisse aus einer alten Schnellpresse" seien bei Sammlern hoch geschätzt. Es handele sich um "bibliophile Seltsamkeiten von Seltenheitswert". Aber nicht nur das. Jeder für sich stellte auch seine eigenen Arbeiten aus: Schrulliges und Obszönes, Fabeltiere und Gruselgestalten. Traumhafte Großstadtszenen – mal flächig popartig, mal raffinierte Radierung, immer wieder Holzschnitte.

Otto Paulick wurde zur Legende

Die Arbeiten der Rixdorfer sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Sie haben aber einen hohen Suchtfaktor. Bestes Beispiel ist ein gewisser Otto Paulick. Der studierte in Berlin Jura und wollte 1965 zur Feier seines bestandenen Referendar-Examens seine Freundin zum Essen eingeladen, als er auf dem Weg zum Lokal in der Nähe des Kurfürstendamms in der Auslage eines Buchladens das "Poesiealbum" der Rixdorfer entdeckte.

Er hatte nur 40 Mark dabei, das Album sollte 60 Mark kosten. Der Inhaber sah die Nöte des jungen Paares und machte ein Angebot, das es nicht ablehnen konnte. "Geben Sie mir 35 Mark, gegenüber ist die beste Pommesbude von Berlin. Da kriegen Sie für fünf Mark zwei Currywürste und können jeder noch ein kleines Bier trinken."

Jurist Paulick nahm und wurde der Mann mit der umfassendsten Rixdorfer-Sammlung in Deutschland. Otto Paulick wurde später selbst Legende, als langjähriger Präsident des FC St. Pauli. In der Geschäftsstelle des Vereins hängen noch heute mannshohe Bilder aus der Reihe "Ballspieler" der Rixdorfer.

Doch erst mal ließen es die Rixdorfer so richtig krachen. War es genialischer Irrsinn oder der gezielte kleine Skandal als Marketing-Instrument in eigener Sache? Vielleicht kannten sie ja die kleine Anekdote um die beiden genialischen russischen Dichter Sergei Jessenin und Wladimir Majakowski. Als die beiden sich im nachrevolutionären Moskau auf einer Ausstellung trafen, trug Majakowski ein extrem auffälliges, kariertes Sakko.

Auf Jessenins fragenden Blick antwortete Majakowski knapp: "Nur aus Reklame." Happening hieß das in jenen Tagen, diese Art der oft sinnfreien Kunstform, lange bevor sie die Studentenbewegung als Aktionsform für den Protest entdeckte. Auf einer eleganten Vernissage in Berlin stießen die Rixdorfer in einem Nebenraum auf einen Stapel Briketts. Sie bildeten eine Kette und erklärten das Weiterreichen zur Kunstaktion. Die feinen Herrschaften in ihren Anzügen und Cocktailkleidchen folgten bereitwillig – bis Hemden und Hände pechschwarz waren und der erboste Galerist das lustige Treiben abrupt abbrach.

Häppchen für alle

Auf der Buchmesse trugen sie im "Frankfurter Hof" auf einem Empfang des Luchterhand-Verlages für Günter Grass kurzerhand den Büffet-Tisch nach draußen – angeblich, um die feinen Häppchen zu vergesellschaften. Motto: "Wir prassen hier, und draußen müssen die Armen hungern." Ein Koch lief mit dem Messer hinter Uwe Bremer her, Ali Schindehütte hatte sich einen Schweinskopf aus der Dekoration aufgesetzt und hängte mit einem Roastbeef die Linse einer Fernsehkamera zu. Es sollte eine Persiflage auf die 1968er-Jahre sein, der Veranstalter nahm das übel, der Skandal war perfekt.

Fußball spielten die Rixdorfer auch gern und traten mit einer eigenen Mannschaft gegen Prominenten-Teams an. In ihrer Elf spielten auch Studentenführer Rudi Dutschke und der Kabarettist Wolfgang Neuss. Nach einer angeblichen Fehlentscheidung des Schiedsrichters rannte er dem Pfeifenmann übers halbe Spielfeld nach, um ihm in den Hintern zu treten. Rudi Dutschke konnte nur schlecht verlieren und forderte noch eine Minute vor Schluss beim Stand von 1:7 den Ball – so vehement, als ob der Erfolg der Revolution davon abhinge.

Günter Bruno Fuchs wurden die Happenings zu viel, er stieg 1970 aus der Gruppe aus – aber auch, weil die anderen vier sich von ihrem Übervater abzunabeln begannen. Ihnen selbst wurde das Leben als Popstars der Kunst auch zu viel. "Zum Schluss hielten schon Touristenbusse vor der Werkstatt", Vennekamp und Schindehütte schüttelt das noch heute.

Alles, was Rang und Namen hatte

Berlin war ausgereizt, die Künstler brauchten Ruhe. Bremer zog als Erster ins Wendland, wo er 1974 in Gümse bei Dannenberg ein Anwesen bezog, das vor Jahrhunderten mal das Schloss eines Raubritters gewesen war. Vennekamp zog ins Nachbardorf, Waldschmidt wohnte auch nicht weit weg, und Schindehütte kam längere Zeit bei Bremer unter.

Die Schriftsteller Nicolas Born und Hans-Christoph Buch waren schon da. Und viele andere kamen zu Besuch. Peter Handke schaute vorbei, Rühmkorf war bald Dauergast, so auch Otto Jägersberg. Die Österreicher kamen wieder, Hans Peter Piwitt natürlich auch. Reinhard Lettau, Sarah Kirsch, Michael Krüger. Was Rang und Namen hatte, schaute vorbei, machte mit beim simultanen Erstellen von Kunstwerken.

Politisch engagierten sich die Rixdorfer bei den Gorleben-Protesten. 1985, vor einer Niedersachsenwahl, luden Bremer und Günter Grass zum 1. Gümser Gipfel für den Jungpolitiker Gerhard Schröder, der etliche Jahre als Untermieter bei Bremer seine freien Wochenenden verbracht hatte.

1200 Gäste kamen zum Fest auf Bremers Schlosswiese: Intellektuelle, Politiker, Medienvertreter. Als der russische Schriftsteller und Dissident Lew Kopelew auftauchte, reiste der russische Generalkonsul empört ab. Der berühmte Zeichner Horst Janssen trank sich unter den Tisch und zeichnete dort weiter.

Rudolf Augstein kam im Winter zum Schlittschuhlaufen. Daraus wurde zwar nichts, aber "gegen Abend sangen wir Hans-Albers-Lieder am zugefrorenen Steg", erinnern sich Bremer und Waldschmidt.

Unzählige Editionen und Ausstellungen später ist es um die Rixdorfer kaum ruhiger geworden. Vom Malen und Dichten, wie für ihr Jubiläumsbuch (siehe Kasten), können sie nicht lassen. Nur Fußball spielen sie nicht mehr – seit "Stern"-Autor Kai Herrmann ("Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo"), Freund und Nachbar von Bremer, sich beim gemeinsamen Volleyball einen Bänderriss zuzog, ist damit Schluss.

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