08.02.13

Wiederaufbau-Debatte

Das Berliner Stadtschloss als Visitenkarte für Europa

Politik und Kulturmacher verteidigen den Aufbau des Schlosses gegen Helmut Schmidts Kritik. Bei den Berlinern ist das Projekt umstritten.

Von Carline Mohr, Gabriela Walde und Stefan Kirschner
Foto: Marion Hunger

Die Grundsteinlegung des Berliner Stadtschlosses ist für Mai geplant – bisher gibt es nur ein Modell. 2019 soll es als Humboldt-Forum eröffnen
Die Grundsteinlegung des Berliner Stadtschlosses ist für Mai geplant – bisher gibt es nur ein Modell. 2019 soll es als Humboldt-Forum eröffnen

Es soll eine kulturelle Visitenkarte für ganz Europa sein. Die Vollendung der humboldtschen Idee, ein museales Jahrhundertprojekt: Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses auf dem Platz der Republik. Rund eine halbe Milliarde Euro wird das Vorhaben kosten, das der Bund, die Stadt Berlin und ein privater Förderverein finanziert. Es wird auch nicht gespart, wenn es darum geht, das Bauprojekt in wohltönende Visionen zu beschreiben.

Umso härter wirkt die Kritik, die Altkanzler Helmut Schmidt in einem Doppelinterview mit der Berliner Architektin Louisa Hutton in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" verlauten lässt. "Die Großartigkeit, mit der in Berlin das Geld anderer ausgegeben wird, ist phänomenal. Ich prophezeie, dass das nicht mehr lange so weitergehen wird", so der 94-Jährige. Er sehe außerdem keinen Grund, Preußen wieder auferstehen zu lassen und bezweifle grundsätzlich, ob es im allgemeinen Interesse des Landes läge, die Residenz der der Preußenkönige wieder aufzubauen. In Gelsenkirchen oder Magdeburg läge den Menschen sicher nichts daran.

"Museum hätte gereicht"

Tatsächlich sinkt sogar der Zuspruch der Berliner Bevölkerung. Bei einer Forsa-Umfrage im Jahr 2010 sprachen sich 80 Prozent der befragten Berliner gegen den Wiederaufbau aus. Doch viele namenhafte Vertreter aus Kultur und Politik befürworten weiterhin den Aufbau des Schlosses. Wolfgang Thierse, Vizepräsident des deutschen Bundestages sagte gegenüber der Berliner Morgenpost: "Frau Hutton und Helmut Schmidt haben offensichtlich keinerlei Kenntnis von dem großartigen Kulturprojekt 'Humboldt-Forum', sonst würden sie nicht über die Wiederauferstehung Preußens sprechen."

Das Humboldt-Forum werde eine Plattform für außereuropäische Kulturen. Neben einer Bibliotheksnutzung für die Humboldt-Universität soll es auch als Ausstellungsort für die Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Museen in Berlin dienen. Walter Momper, von 1989 bis 1991 Berlins regierender Bürgermeister, sagte gegenüber der Berliner Morgenpost, genau dass sei ja auch die Idee von Humboldt gewesen: "In der Mitte des Reiches einen Ort für außereuropäische Kunst, Kultur und Wissenschaft zu etablieren." Ob es dazu nun ein ganzes Schloss bräuchte oder ob nicht ein Museum auch gereicht hätte, sei mal dahin gestellt.

Noch viele Fragen offen

Der Wiederaufbau des Schlosses ist eines der umstrittensten Bauprojekte Europas. Nach jahrelanger Diskussion hatte der Bundestag im Jahr 2002 entschieden, das Schloss zu rekonstruieren. Fünf Jahre später war klar, dass die historischen Fassaden in der Kubatur des 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses entstehen soll. Der Architekt Franco Stella setzte sich in einem internationalen Wettbewerb durch.

Im Sommer 2010 beschloss der Bund, das Projekt aufgrund der aktuellen Sparpläne auf Eis zu legen. Im Juli 2011 gab der Bundestag die Investitionsmittel in Höhe von 478 Millionen Euro frei. 32 Millionen der benötigten 590 Millionen Euro übernimmt das Land. Der Rest soll durch Spenden finanziert werden. Die Grundsteinlegung ist für Mai geplant, 2019 soll das Schloss als Humboldt-Forum eröffnen.

Über die Ausrichtung dieses Forums sind noch viele Fragen offen. Monika Grütters (CDU), die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien, findet deshalb man sollte viel weniger über das Schloss und viel mehr über das Forum sprechen. "Ich finde es mutig von der BRD, dass sie den Platz der Republik für außereuropäische Kulturen zur Verfügung stellt. Es geht nämlich gar nicht nur um uns oder um Preußen. Es geht um ein Miteinander Europas mit der Welt."

Mitnichten ein reines Berliner Projekt

Den internationalen Aspekt des Großprojektes betont auch Hermann Parzinger, Präsident der Berliner Stiftung Kulturbesitz: "Wer meint, dass man kein Preußenschloss braucht, weil es kein Preußen mehr gibt, übersieht, dass im Gewand der Barockfassaden ja etwas ganz Anderes entstehen wird, nämlich ein neuartiger Ort der Weltkulturen. Diese zukunftsweisende Weiterentwicklung der Welterbestätte Museumsinsel besinnt sich auf die humboldtsche Tradition unseres Landes als Kultur- und Wissenschaftsnation. Insofern ist das Humboldt-Forum im Schloss mitnichten ein reines Berliner Projekt. Das Humboldt-Forum wird internationale Strahlkraft besitzen."

Beim Wiederaufbau des Stadtschlosses soll moderne Architektur auf historische Rekonstruktion treffen. Die im Jahr 2000 eingesetzte Internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin war sich überwiegend einig, dass sich die Neubebauung des Platzes an seinem historischen Vorbild orientieren solle. Das Votum für die Rekonstruktion der barocken Fassade hingegen war weniger eindeutig, setzte sich aber durch.

Die Fassade wird an drei Außen- und drei Innenhofseiten nachgebaut. Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagt dazu: "Die Fassadengestaltung kann man den Berlinern nicht vorwerfen, das war schließlich ein Beschluss des Bundestages. In der Experten-Kommission gab es nur eine Stimme Mehrheit für die Rekonstruktion." Und streiten will Wowereit sich eh nicht: "Von mir werden sie nichts Negatives über Helmut Schmidt hören."

Helmut Schmidt in Rage

Deutlich gegen die Aussagen Helmut Schmidts stellt sich hingegen Jan Stöß, Landesvorsitzender der Berliner SPD. Er sagt: "Ich bin hier ausnahmsweise einmal anderer Meinung als Helmut Schmidt. Die Idee des Humboldt-Forums wird weit über Berlin hinaus strahlen, hier entsteht ein Ort der Weltkulturen. Das ist weltweit einzigartig und dafür lohnt es sich auch, zu investieren."

Der ehemalige Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, gab sich ironisch: "Die Kritik an Berlin, dass es das Geld anderer Bundesländer ausgibt, ist ja nun nichts Neues. Und gerade Helmut Schmidt, der ja ein großer Fan der preußischen Tugenden ist, sollte Verständnis dafür haben, dass man das Schloss auch als preußisches Symbol wieder aufbaut. Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss hofft, den Altkanzler noch überzeugen zu können: "Helmut Schmidt sollte mal nach Potsdam fahren und sich anschauen, wie das rekonstruierte Stadtschloss die Stadtmitte heilt, vielleicht überzeugt ihn das." Zudem sei es ja die Bundestagsmehrheit gewesen, die beschlossen hatte, das Schloss zu bauen – inklusive der SPD.

Der Altkanzler übrigens hatte sich, einmal in Rage, auch seine Heimatstadt Hamburg vorgeknöpft, genauer die Elbphilharmonie. Den Problem-Bau, der nach derzeitigem Planungsstand 575 Millionen Euro kosten soll, bezeichnete Schmidt als "ziemlich neureich". Das Konzerthaus zerstöre die gewohnte Erscheinung Hamburgs, er sehe darin "bis heute nur Negatives". Im Gegensatz zur Elbphilharmonie – und das tröstet doch – gibt es beim Stadtschloss noch keine Anzeichen für Planungsfehler und extreme Verzögerungen.

In Hamburg kam heraus, dass allein die Architekten 93,9 Millionen Euro Honorar erhalten. Also rund 20 Prozent der Bausumme, wie "Spiegel Online" berichtet, obwohl üblicherweise rund zehn Prozent üblich seien. Bleibt zu hoffen, dass Hochtief in Berlin keinen weiteren Anlass zum Lästern schafft – schließlich soll das Unternehmen auch den Rohbau des Humboldt-Forums errichten.

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Schmidt-Schelte für Berlin Hat Helmut Schmidt recht? Ist das Stadtschloss unnötig?

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