01.02.13

Tragödien

Ein Haus, neun Opfer - der Todesfluch von Gatow

Binnen weniger Jahre sind neun Bewohner eines Mehrfamilienhauses auf tragische Weise ums Leben gekommen. Eine Spurensuche.

Von Uta Keseling
Foto: dpa

Unfall: Anwohner Lorin W. starb am 13. Januar auf der Autobahn.

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Manchmal, sagt Alexander Strehlow, sieht er die Kinder im Garten noch herumlaufen. Seine sechsjährige Tochter und ihren gleichaltrigen Freund Julian – in seiner Erinnerung toben sie noch über den Hügel vor seinem Wohnzimmerfenster. So wie im vergangenen Sommer. Seine Tochter und Julian waren gerade eingeschult worden, gemeinsam, denn die Familien lebten Tür an Tür.

Zwei stolze Erstklässler, die Nachbarn hatten das Ereignis zusammen in dem großen Gemeinschaftsgarten hinterm Haus gefeiert. Am Grill der Hausgemeinschaft, zwischen dem großen Trampolin, das Julians Vater Kristian B. für die Nachbarskinder aufgestellt hatte. Mit Blick auf das Ufer der Havel, an der das Mehrfamilienhaus liegt. Boote liegen an einem Steg, der Blick reicht weit über den Fluss.

Vorbei. Julian ist tot. Er starb im August, eine Woche nach seiner Einschulung, gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Fabian, drei Jahre alt, seiner Mutter Kathrin, 28, und seinem Vater Kristian B., 69. Dieser hatte, so ergaben es später die Ermittlungen der Polizei, seine zwei Söhne im Bett erstickt, seine Frau getötet und zuletzt sich selbst.

"Wir konnten hier nicht mehr leben"

Die Familientragödie löste weit über Berlin hinaus Fassungslosigkeit aus. Nur das jüngste Kind der Familie B. überlebte. Der Vater hatte die erst sieben Monate alte Leonie in die Babyklappe im Waldkrankenhaus Spandau gebracht.

Jetzt, im Winter, steht nur noch das Trampolin verwaist im Garten, die Kinder spielen hier nicht mehr. Auch Alexander Strehlow und seine Familie sind nicht mehr da, obwohl sie eigentlich bleiben wollten, in jenem Haus, in dem sie drei Jahre glücklich waren. Das Haus, von dem es jetzt, ein halbes Jahr später, heißt, es bringe möglicherweise Unglück.

Neun Bewohner sind in den vergangenen Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen. "Wir konnten hier nicht mehr leben", sagt Strehlow. Vor wenigen Wochen sind sie ausgezogen, ein paar Häuser weiter.

"Wir waren mit der Familie B. eng befreundet, haben jeden Freitag zusammen gekocht", erzählt er, es war wohl fast wie ein kleines Ritual. "Die Kinder spielten gemeinsam, unsere Frauen probierten zusammen neue Gerichte aus, Pizza, Pasta, etwas, das eben alle mögen, und abends kamen wir Männer dazu."

Verlust wird im Spiel und in Geschichten verarbeitet

Zwar habe er etwas von den Geldsorgen geahnt, die Kristian B. in seinen Abschiedsbriefen an Freunde, Verwandte und die Medien als Grund für den Suizid angab. "Aber Anzeichen für eine solche Tat haben wir nie gespürt." Er klingt ratlos.

Ob wirklich Mietschulden der Auslöser für B.s Verzweiflungstat waren, werden die Nachbarn wohl nie erfahren. Die Akte ist geschlossen. Für die Polizei steht fest, dass Kristian B. keine Helfer hatte, dass das Motiv im Privaten zu suchen war.

In ihrer neuen "Behausung", wie er es nennt, fühle sich seine Familie besser, sagt Alexander Strehlow. Erleichtert, "auch wenn die Trauer immer noch da ist". Das überlebende Mädchen haben die Großeltern aufgenommen, die in Bayern leben, "aber wir telefonieren regelmäßig mit ihnen".

Seine Tochter verarbeite den Verlust im Spiel und in kleinen Geschichten. "Sie fragt dann Dinge wie: Weißt du noch, wie wir zusammen Schnecken gesammelt haben?" Erwachsene, meint Strehlow, hätten es möglicherweise schwerer, mit Verlust umzugehen.

Tödlicher Verkehrsunfall eines Naturwissenschaftlers

Zumal der tragische Tod der Nachbarsfamilie vom vergangenen Sommer nicht der erste war, den die Nachbarn in den insgesamt zehn Wohnungen des Hauses zu verarbeiten hatten – und auch nicht der letzte. Während Familie Strehlow schon den Umzug vorbereitete, geschah das nächste Unglück.

Lorin W., der im Erdgeschoss wohnte, starb bei einem Verkehrsunfall in Berlin. Es habe eine Weile gedauert, sagt ein anderer Nachbar, bis man begriffen hatte, dass die schrecklichen Bilder aus den Nachrichten zu jenem Mann gehörten, den sie bisher als lebensfrohen Nachbarn gekannt hatten. Die Bilder passten so gar nicht zusammen.

Lorin W., 46 Jahre alt, war promovierter Naturwissenschaftler, arbeitete bei Siemens, fuhr BMW, vor der Haustür steht noch ein Wohnmobil, das ihm gehört haben soll. Er habe viele Freunde gehabt, sagt eine Dame aus der Nachbarschaft.

W. war in Nacht zum 14. Januar auf der Rudolf-Wissell-Brücke im Westend in einer Linkskurve gegen die Leitplanke geprallt. Wegen der hohen Geschwindigkeit beim Zusammenstoß mit der Leitplanke und einer Betonwand, so der Bericht, zerriss es den schwarzen BMW in mehrere Teile.

Warum? Auch in diesem Fall wird es wohl keine wirklich schlüssige Antwort geben. Der Unfallfahrer, so hieß es im Polizeibericht, habe mutmaßlich zuvor in Prenzlauer Berg einen weiteren Unfall verursacht, einen Blechschaden, und dann Fahrerflucht begangen. Die Polizei hatte noch versucht, den Wagen zu stoppen – vergeblich.

Weitere Bewohner sterben oder nehmen sich das Leben

W. raste mit rund 200 Kilometern pro Stunde an einer Polizeisperre vorbei, bis er auf der Rudolf-Wissell-Brücke offenbar die Kontrolle über den BMW verlor. Er hatte keine Chance. Die Polizei sprach von einem Trümmerfeld. Und seine Nachbarn blieben betroffen zurück – wieder einmal.

Denn W. ist insgesamt der neunte Nachbar im Haus, der auf tragische Weise starb. Zwei frühere Mieter der Erdgeschosswohnung hatten sich vor einigen Jahren gemeinsam das Leben genommen – ein homosexuelles Paar, sie hatten angeblich beide Aids im Endstadium, wie Nachbarn berichten.

Unterm Dach wiederum hatte ein Mann gelebt, ein Bordellbesitzer, der auch auf der Autobahn starb. Er soll 2003 die Kontrolle über sein Motorrad verloren haben, bei dem Sturz wurde der Kopf abgetrennt. Und ein Belgier, der in der Nachbarwohnung lebte, nahm sich einige Jahre später das Leben.

"Er hatte Propangas ausströmen lassen, er war krebskrank", erinnert sich der Hausverwalter des traurigen Hauses. Auch er klingt fassungslos, ratlos. Thomas F. hatte nicht geahnt, was auf ihn zukommen würde, als er 2007 das Haus übernahm.

Im Nachbarhaus passiert nie etwas

Ein modernes Mehrfamilienhaus in bester Lage mit großzügig geschnittenen Wohnungen, Terrassen und Balkonen, etwa 20 Jahre alt, in gutem Zustand und an Menschen vermietet, die nicht in dem Verdacht stehen, das Unglück anzuziehen.

"All diese tragischen Geschichten habe ich erst nach und nach erfahren", sagt der Hausverwalter, "denn die Nachbarn kennen sich untereinander, es ist eine gute Hausgemeinschaft". Der 45-Jährige ist weit davon entfernt, an Spuk zu glauben, den bösen Blick oder gar einen Fluch. Aber dennoch, sagt er, eines wundere ihn: "Im baugleichen Nachbarhaus auf dem Grundstück passiert nie etwas."

Im Nachbarhaus stehen die Anwohner geduldig Rede und Antwort, auch sie haben sich die Frage nach dem Warum gestellt. Und wissen auch keinen Rat. Im vergangenen Sommer waren die beiden Gebäude tagelang von Reportern und Neugierigen belagert gewesen, am Eingang des Grundstückes stapelten sich Blumen, Teddybären und Abschiedsbriefe. Inzwischen sind sie verschwunden, im Hinterhaus hat der Alltag wieder Einzug gehalten. "Unser Haus hat nette Nachbarn und viel positive Energie", sagt eine junge Frau durch die geöffnete Haustür. Im Hintergrund hört man Kinderlachen.

Ein Medium nimmt Kontakt zu den Seelen

Kann es sein, dass ein Haus das Unglück anzieht? Oder, anders gedacht, dass man es von seinem Schicksal befreien kann? Hausverwalter F. seufzt. "Ich muss die Wohnungen schließlich wieder vermieten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwas Esoterisches dahintersteckt", sagt er dann.

Ganz anders sieht das Ute Friedricke Schönborn. "Ja, so etwas gibt es, davon bin ich überzeugt", sagt sie. "Ein Haus wird nicht ruhiger, wenn darin Menschen durch Gewalt oder Suizid gestorben sind." Ihren Beruf gibt sie mit "Medium" an, ihre Dienstleistung: Blicke in die Zukunft, Kontaktaufnahme mit Verstorbenen – und die spirituelle Reinigung von Wohnräumen, in denen Spuk oder Geister vermutet werden.

Bis zu zehnmal im Jahr, sagt sie, werde sie in Wohnungen gerufen, in denen Menschen sich nicht wohlfühlen, etwas spüren, nicht schlafen können. "Oft stellt sich heraus, dass dort tatsächlich einmal etwas geschehen ist."

Ute Friedricke Schönborn nennt es nicht Spuk und schon gar nicht "Fluch", sondern sagt: "Es sind Seelen von Toten, die nicht nach Hause ins Licht gefunden haben und nun herumirren. Manche wissen auch einfach nicht, dass sie tot sind." Diese Seelen könnten allerhand Unfug anstellen – oder eben auch Menschen beeinflussen.

Negative Energie in positive umwandeln

Für eine "Reinigung" nimmt sie als Medium Kontakt zu den Seelen auf. "Wichtig ist, zunächst alle aufzuspüren." Dann versuche sie, die Seelen in die richtige Richtung zu lenken. "Die Energien kann man mit Kristallen ableiten, die mit der Spitze nach unten in die Erde gesteckt werden. Das ist kein esoterischer Quatsch, da geht es einfach um Energie."

Ähnlich verfahren auch die "Ghost Hunter Berlin" namens Alex und Minckee, die auf Anfrage mit speziellen Tonbandgeräten versuchen, elektromagnetische Felder von "Phänomenen" aufzuspüren, wie sie es nennen. "In diesem speziellen Fall würde ich auf jeden Fall versuchen, negative Energie in positive umzuwandeln, um es zu befreien", sagt Minckee.

Ute Friedricke Schönborn hat noch einen weiteren Rat: "Möglicherweise ist auf dem Gelände des Wohnhauses schon sehr viel früher einmal etwas Schlimmes passiert."

Doch diese Recherche führt nicht zu Gruselgeschichten, sondern nur mitten in die spannende Vergangenheit von Gatow. Nach dem Krieg habe ein Berliner Rockfabrikant auf dem Wassergrundstück einen flachen Bungalow gebaut, sagt Ulrich Reinicke vom Förderverein Historisches Gatow. "Dort wohnte seine Witwe mit der Tochter bis in die späten 80er-Jahre."

Gatow ist kein Ort für verlorene Seelen

Danach sei das Gebäude abgerissen, das Grundstück verkauft und die Neubauten errichtet worden. "Bis in die 70er-Jahre hat neben dem Gelände eine bekannte Gaststätte gestanden, in der man Berliner Größen wie die Schauspieler Harald Juhnke oder Brigitte Mira traf."

In früheren Zeiten sei das Gelände der Obstgarten des Lehnschulzen-Gutes in Gatow gewesen, sagt Reinicke. Er erforscht zurzeit die Geschichte des Dorfes Gatow, das heute zum Bezirk Spandau gehört. Der aufregendste Vorfall, so Reinicke, sei die Gefangennahme eines Dorfschulzen gewesen, "der sich mit den von Ribbecks angelegt hatte".

Der Schulze hatte Schafe vertrieben und Knechte verprügelt und musste dafür acht Tage ins Gefängnis in Berlin. Ulrich Reinicke lacht. Einen Zusammenhang mit der Familientragödie im vergangenen Sommer kann er sich nicht vorstellen. Gatow, so hört es sich an, ist kein Ort für verlorene Seelen.

Wahrscheinlicher ist das genaue Gegenteil. Die Mieter des vorgeblichen Unglückshauses haben die Idylle gesucht, einen ruhigen Ort nicht weit vor der großen Stadt, um Familien zu gründen – oder sich selbst zu finden. Das Gebäude, so schön es liegt, ist ein hellhöriges Haus, in doppeltem Sinne. Geht an einer Haustür die Klingel, wissen es alle. Es stört niemanden. An einer Tür hängt ein "Schutzengel", vor anderen stehen große und kleine Schuhe.

Wie viel in anderen Häusern gestorben wird, weiß keiner

Vielleicht ist es einfach so, dass in einer heilen Umgebung die eigenen Ängste und Befürchtungen größer erscheinen, als wenn rundherum alles trist ist. Dass Tod und Leid hier so augenfällig erscheinen, mag auch daran liegen, dass die Menschen sich wahrnehmen, statt blicklos aneinander vorbeizulaufen. Wenn niemand hinschaut, bleibt auch der Tod anonym. Wie viel in anderen Häusern gestorben wird, weiß keiner.

In Spandau waren es die Nachbarn, die die Polizei riefen, weil bei Familie B. zur Unzeit die Fenster offen standen. Alexander Strehlow zeigte der Feuerwehr, durch welches Fenster sie einsteigen musste.

Seine Tochter und ihre Mitschüler haben im Sommer für Julian Abschiedsbriefe geschrieben und sie an einen kleinen Baum gehängt. Der Baum steht jetzt vor der Schule. Er wird wachsen und größer werden. Die Kinder gehen jeden Tag daran vorbei. Julian und seine Familie werden in Gatow nicht vergessen werden.

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