29.01.13

Yad Vashem

Vergiss mein nicht - ein Album erinnert an den Holocaust

Die Berlinerin Ester Goldstein starb im KZ. Die Holocaust-Gedenkstätte veröffentlicht auf ihrer deutschen Internetseite ihr Poesiealbum.

Foto: Yad Vashem

Bella Lassore wurde am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie ums Leben kam. Die Widmung entstand einen Monat bevor Ester Goldstein im Oktober 1942 deportiert wurde
Bella Lassore wurde am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie ums Leben kam. Die Widmung entstand einen Monat bevor Ester Goldstein im Oktober 1942 deportiert wurde

Drei Worte in einem Poesiealbum. In jeder Ecke der Seite eine Silbe: Beginnend oben links mit "ver-", dann rechts "giß", unten links "mein" und rechts "nicht". In blass-blauer Tinte und einer ordentlichen Mädchenschrift verfasst. "Vergiss mein nicht", das ist ein Versprechen und zugleich die Hoffnung auf eine lebenslange Freundschaft.

Beides konnten die Mädchen nicht einlösen. Weder Sonja Strenger, die dies am 12. Januar 1937 in das Poesiealbum schrieb, noch Ester Goldstein, für die diese Worte gedacht waren, überlebten die Deportationen und Konzentrationslager der Nationalsozialisten.

Beide Mädchen waren im Januar 1937 erst elf Jahre alt. Sonja widmete Ester auf der nächsten Seite noch eine typische Poesiealbums-Weisheit: "Vater ehren, Mutter lieben, Ester, das ist Deine Pflicht, aber Eltern zu betrügen, das versuch Dein Leben nicht".

Zum ersten Mal außerhalb von Israel zu sehen

Ester Goldstein war Berlinerin, geboren am 2. Januar 1926 in der Joachimstraße in Mitte. Das Poesiealbum der jüdischen Schülerin ist nun zum ersten Mal außerhalb von Israel zu sehen. Es ist eines der Dokumente, die anlässlich der deutschen Übersetzung der Internetseite von Yad Vashem, online ausgestellt werden. Unter der Rubrik "Durch das Objektiv der Zeit – Kleine Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen" ist es zu finden. Lange war das Poesiealbum im privaten Besitz der Familie. Erst im Jahr 2006 übergab Esters jüngere Schwester Margot das Album an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Dort lag es bislang im Archiv.

Dass Ester ein Poesiealbum pflegte, ist sicherlich für Mädchen nicht ungewöhnlich, aber dass die Einträge auf Deutsch verfasst wurden vielleicht. Denn nur zwei Jahre bevor Ester in Berlin auf die Welt kam, war die Familie aus Polen nach Deutschland eingewandert. Die Goldsteins, David und Blima, sprachen mit ihren Kindern Deutsch. Ester hatte noch zwei Geschwister, Margot und Heinz. Der Vater arbeitete als Gärtner in Weißensee auf einem jüdischen Friedhof, ihre Mutter war Hausfrau. Margot beschrieb den Haushalt später als "traditionell, koscher, aber auch modern".

Wie ein Atlas von Esters jugendlicher Welt

Ester lernte in der Schule viel über die deutsche Literatur. Sie gab ihrer kleinen Schwester Margot sogar ein Lehrbuch über klassische deutsche Poesie. Die Kleinere durfte ihre ältere Schwester überprüfen, wenn diese aus dem Gedächtnis Gedichte von Goethe und Schiller rezitierte. Noch 60 Jahre später, so steht es auf der Internetseite von Yad Vashem, erinnerte sich Margot während eines Videointerviews an einige der Gedichtstellen, die Ester damals aufgesagt hatte.

Das Poesiealbum liest sich wie ein Atlas von Esters jugendlicher Welt. Zu allererst hatte sie Fotos ihrer Eltern ins Buch geklebt. Dann später folgen Einträge von Freundinnen, Freunden, Verwandten und Lehrern. Die Widmungen zeugen von kindlicher Leichtigkeit, aber auch zunehmend von Schwere und der Bedrohung, die von den Nationalsozialisten in Deutschland ausging. So schrieb Schulfreundin Betti Wajnbuch: "Nicht der, der mit Dir lacht, nicht der, der der mit Dir weint, nur der, der mit dir fühlt, der sei Dein Freund." Was aus Betti wurde, ob sie den Krieg überlebte, ist nicht bekannt.

Retten, wer zu retten war

1938 versuchte die Familie Goldstein, aus Deutschland zu emigrieren. Und obwohl der Vater einen Pass erhalten hatte und Ester über eine Ausreisegenehmigung verfügte, wurde ihnen die Ausreise verweigert. Die Familie versuchte zu retten, wer zu retten war. So wurde die kleinere Schwester Margot 1939 nach Australien geschickt. Noch am 2. April 1939 hatte Margot sich ins Poesiealbum der Schwester eingetragen.

Auf der linken Seite zeigt ein Foto, die damals Zwölfjährige. In weißer Bluse und mit kurzem, ordentlich gekämmten Haar sitzt sie auf einem weißen Stuhl. Ihr Blick ist gesenkt. Sie schrieb für die Schwester etwas altklug: "Die Thora sollst du ehren, Auf die Thora sollst du hören, Was in der Thora steht ist wahr, Es gibt nur einen Gott, und der ist unsichtbar. Zum ewigen Andenken an deine dich liebende Schwester Margot." Nach Margots Verschickung sahen sich die beiden nie wieder

Der Vater wurde Ende des selben Jahres abgeholt und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, ein Jahr später wurde er nach Dachau verschleppt. Dort soll er auch gestorben sein.

Margot wahrte die Erinnerung

Ester und ihre Mutter blieben in Berlin, vorerst, sie wurden zum Zwangsarbeitereinsatz verpflichtet. Die letzten Einträge im Album sind auf den 15. und 16. September 1942 datiert. Ungefähr einen Monat bevor Ester nach Riga deportiert wurde. Ester war inzwischen 16 Jahre alt. Ihre gleichaltrige Schulkameradin Bella Lassore schrieb ihr ins Buch: "Im Glück nicht jubeln, Im Sturme nicht zagen, Das Unvermeidliche mit Würde tragen, Das Gute tun, am Schönen sich erfreuen, Das Leben lieben, und den Tod nicht scheun, Fest an Gott und bessere Zukunft glauben: Heißt Leben, und dem Tod sein Bittres rauben."

Bella wurde am 12. Januar 1943 mit dem Zug nach Auschwitz geschickt. Beide Mädchen wurden in den Lagern ermordet. Auch Esters Mutter und ihr Bruder Heinz wurden noch im März 1943 nach Auschwitz verschleppt. Margot war die einzige, die überlebte. Und mit ihr das Poesiealbum. Über Australien und die USA zog sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich nach Israel.

Ein Cousin der Familie Goldstein, David Werner, überlebte Auschwitz. Er kehrte nach dem Krieg zum Berliner Haus der Familie zurück. Eine Nachbarin übergab ihm eine Kiste mit persönlichen Dokumenten der Goldsteins, sie hatte sie während der Kriegsjahre aufbewahrt. Darunter war auch das Poesiealbum von Ester. David schickte es nach Israel zu Margot, die es all die Jahre bei sich behielt.

2006 übergab sie den Inhalt der Kiste

Margot lebt heute mit ihrer Familie in der israelischen Stadt Netanja, nicht weit von Tel Aviv. Erst im Jahr 2006 übergab sie den Inhalt der Kiste, die ihr Cousin David ihr kurz nach Kriegsende geschickt hatte, an die Gedenk- und Forschungstätte Yad Vashem.

Das Poesiealbum erinnert heute nicht nur an die Berliner Schülerin Ester Goldstein, auch an ihre ebenso ermordeten Mitschülerinnen und ihre Familie. Die Schwester Margot hat stellvertretend das Versprechen und die Hoffnung des Buches halten können: Vergiss mein nicht.

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