25.01.13

Ausbildungsbericht

Mehr als jeder dritte Berliner Azubi bricht seine Lehre ab

In Berlin wird besonders häufig der Lehrvertrag gelöst. Vor allem Kellner und Köche halten ihre Lehre nicht durch.

Von Hans Evert und Stefan von Borstel
Foto: Amin Akhtar

Zweite Chance: Mike Fleischer brach seine erste Lehre zum chemisch-technischen Assistenten ab. Jetzt macht er eine Malerausbildung. Der 22-Jährige ist im dritten Lehrjahr
Zweite Chance: Mike Fleischer brach seine erste Lehre zum chemisch-technischen Assistenten ab. Jetzt macht er eine Malerausbildung. Der 22-Jährige ist im dritten Lehrjahr

Manchmal kann eine harmlose Fehleinschätzung alles ins Rutschen bringen. Mike Fleischer hat das erlebt, als er 2008 eine Lehre als chemisch-technischer Assistent begann. Chemie hatte dem Berliner in der Schule immer Spaß gemacht. Zumindest jener Teil, wo er mit Pipette und Bunsenbrenner hantieren konnte.

Aber die Theorie, die ganzen Formeln, das wurde in der Lehre schnell zur Qual. "Irgendwann bin ich einfach nicht mehr hingegangen", sagt Fleischer. Er häufte Fehlzeiten an, kassierte schlechte Noten, flog raus. Gerade volljährig geworden wurde er Job-Center-Kunde. Die weiteren Aussichten? Durchwachsen bis schlecht.

Mehr als jede dritte Lehre in Berlin wird vorzeitig abgebrochen. 33,6 Prozent sind es laut dem neuen Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB). Der Bericht erscheint im April. Der Berliner Morgenpost liegt aber bereits die Auswertung zu den "Vertragsauflösungen" vor, wie sie offiziell heißen. In der Hauptstadt wird besonders häufig der Lehrvertrag gelöst.

Nur in Mecklenburg-Vorpommern ist die Quote mit 33,9 Prozent noch etwas höher. Für Deutschland liegt sie mit 24,4 Prozent deutlich niedriger, ist aber dennoch markant. Offenbar passt es ganz häufig nicht zwischen Meister und Lehrling. Experten rätseln über das Phänomen seit Jahren. Zumal im langfristigen Vergleich die Abbrecherquote heute deutlich höher ist als früher. Anfang der 80er-Jahre lag sie erst bei rund 14 Prozent. Bis zum Beginn der 90er-Jahre kletterte sie dann auf mehr als 20 Prozent. Die Ursachen für den deutlichen Sprung sind unklar.

Betriebe sind in der Pflicht

Katharina Schumann, die bei der Berliner Handwerkskammer Chefin der Bildungsberatung ist, mag das Wort Abbrecherquote nicht. Ihr klingt das zu sehr nach endgültigem Scheitern, was nicht der Fall sei. In der Tat sind die Gründe, warum eine Lehre vorzeitig endet, vielfältig. Somit stehen Bildungsexperten wie Schumann vor einem Dilemma. Man kennt die unschönen Zahlen; im Berliner Handwerk liegt die Abbrecherquote sogar nahe 50 Prozent.

Es gibt aber nicht den einen starken Hebel, den man bewegen könnte, um etwas zu verbessern. "Oft wechseln die Azubis den Ausbildungsbetrieb. Manche schließen mehrere Verträge ab", sagt Schumann. In Berlin gebe es zudem viele Alternativen. "Angehende Friseure oder Bäcker können hier viel leichter zu einem anderen Betrieb wechseln", sagt Schumann. Oft machten sich junge Menschen falsche Vorstellungen vom Beruf. Dennoch gelte: Jede Vertragsauflösung sei eine zu viel.

Es gibt jedoch Hinweise aus der Statistik, unter welchen Umständen ein Lehrling hinwirft oder sein Chef ihn vor die Tür setzt. Aus der BiBB-Statistik geht hervor, dass beispielsweise jeder zweite Kellner und Umzugshelfer seine Lehre nicht beendet. Auch bei Bäckern und Gebäudereinigern sind die Quoten nicht viel besser. Ganz anders sieht das bei Industriebetrieben oder bei Banken aus.

Dazu passt auch, was BiBB-Expertin Alexandra Uhly sagt: "Die Lösungsquote fällt um so höher aus, je niedriger der Schulabschluss ist." Während 38,6 Prozent der Lehrverträge mit Auszubildenden ohne Hauptschulabschluss gelöst werden, sind es bei den Azubis mit Abitur nur 13,6 Prozent.

Vor diesem Hintergrund ist es fast folgerichtig, dass Berlin im Bundesländervergleich so eine hohe Quote hat. "Wir haben viele kleine Betriebe und eine Wirtschaftsstruktur mit vielen Dienstleistungsbranchen, etwa dem Hotel- und Gaststättengewerbe", sagt Thilo Pahl, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der Berliner IHK. Und gerade die Dienstleistungsberufe, vom Gebäudereiniger bis zum Gastronom, sind bei jungen Menschen wenig begehrt.

Daraus ergibt sich ein Berliner Cocktail mit folgenden Zutaten: Relativ viele Jugendliche mit schlechtem oder gar keinem Schulabschluss kommen auf einen Ausbildungsmarkt, der ihnen Stellen bietet, die ihnen nicht passen. Sei es, weil sie die Qualifikation nicht mitbringen. Sei es, weil sie auf die Berufe, die sie haben könnten, keine Lust haben.

Azubis als preiswerte Aushilfskräfte

Pahl sieht die Betriebe in der Pflicht. Auch, weil die Schülerzahlen zurückgehen. "Wer da noch Leute gewinnen will, muss sich verändern", sagt Pahl. So wolle man bei den Hotel- und Gaststättenberufen sogenannte Verbundlösungen auf den Weg bringen. Die Idee: Betriebe arbeiten für die Ausbildung zusammen, damit vor allem Azubis kleiner Betriebe wirklich alle relevanten Seiten des Berufs erlernen können. Vor allem in der Gastronomie scheint das dringend nötig. Seit Jahren berichten Gewerkschaften davon, dass viele Betriebe Lehrlinge in erster Linie als preiswerte Aushilfskraft betrachten.

Mike Fleischer scheiterte seinerzeit aus einem anderen Grund. Er erkannte zu spät, dass der Beruf nicht zu ihm passte. Jetzt macht er im Ökologischen Bildungszentrum Friedrichshain eine Malerlehre. Das passt schon eher, wie er erzählt. Außerdem sei er jetzt, mit 22 Jahren, reifer als zu jener Zeit, als er seine erste Lehre schmiss. "Ich habe das nicht besonders ernst genommen." Nun wird er im Frühjahr seine Gesellenprüfung bei der Handwerkskammer ablegen. Für das Bildungszentrum und seine Leiterin Susanne Pikart ist Fleischer eine Erfolgsgeschichte.

Zu Pikhart nach Friedrichshain schicken Jobcenter jene Abbrecher und Gescheiterten, die ihre zweite, dritte, oft letzte Chance nutzen sollen. Sie können dort Bau- und Handwerksberufe lernen. Susanne Pikart versucht, nichts zu schönen, wenn sie über ihre Klientel spricht. "Viele treffen die falsche Berufswahl, haben keinerlei Vorstellungen von den Anforderungen und scheuen körperliche Anstrengungen", sagt sie.

Die ganz harten Fälle

Dazu kommen, wie sie sagt, soziale Gründe: Umgang mit Kritik und Frustration, fehlender Leistungswille, fehlerhafte Selbstwahrnehmung. "Manchen", sagt Pikart, "müssen wir alles beibringen." Also bekommen die jungen Leute nicht nur Kurse, die sie für die Berufsausbildung benötigen. In der "Diversitätsschulung" bekommen sie vermittelt, dass man mit jedem auskommen muss.

"Dass also orthodoxe Christen und Muslime gemeinsam arbeiten und sich akzeptieren können." Im Anti-Stresstraining wird der richtig dosierte Umgang mit Aggressionen gelehrt. Andere Kurse beschäftigen sich mit wirtschaftlicher Haushaltsführung. "So mancher hat mehrere Handyverträge oder hat sich beim Ratenkauf verschuldet", sagt Pikart. Und mittlerweile kommen Jugendliche zu ihr, die aus Familien stammen, die in zweiter oder dritter Generation Stütze kassieren. Wo es in der Familie nie das Rollenvorbild von jemandem gab, der regelmäßig für sein Einkommen arbeiten ging. Pikart und ihre Leute haben es mit den ganz harten Fällen zu tun. Es sind jene, die am Rand des Ausbildungsmarkts stehen. Da werden alle Anstrengungen aufwendig und so manches Mal kommen sie auch zu spät.

Hans-Peter Apel hingegen ist jemand, der im Grunde verhindern will, dass Susanne Pikart immer wieder neue Kunden bekommt. Apel, ein ehemaliger Pharmamanager, koordiniert in Berlin ein Projekt von Ehrenamtlichen. Es nennt sich Vera, eine Abkürzung, die für "Verhinderung von Abbrüchen" steht. Ehemalige Manager stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn Probleme in der Lehre auftauchen. Eingebettet ist das alles in die Initiative Senior Expert Services (SES).

Ursprünglich wurden die gegründet, um bei der Entwicklung in Ländern der dritten Welt zu helfen. Apel koordiniert in Berlin den Einsatz der Ehrenamtlichen. Auf ihn kommen Firmen, Eltern oder die Jugendlichen selbst zu. Die Jugendlichen sollen sich den ehemaligen Managern anvertrauen. So können sie entweder vermitteln, ohne dass es zum Abbruch der Lehre kommt. Oder sie vermitteln eine neue Lehrstelle. "Wir machen das seit 2009. Und von denen, die wir unter unseren Fittichen hatten, haben alle, bis auf einen, ihren Abschluss gemacht", sagt Apel.

Mentoren greifen ein

Leicht ist das nicht. Es kostet Zeit, Nerven und Willen. Apel hat sich um jemanden gekümmert, der einige Anläufe brauchte, bis er auf dem richtigen Pfad war. "Sein erster Lehrbetrieb hat ihm fristlos gekündigt", erzählt Apel. Er vermittelte und erreichte wenigstens eine "gütliche Trennung", weil sich das im Lebenslauf besser macht. Dann fing sein Schützling eine weitere Lehre als Bürokaufmann an, aus der auch nichts wurde.

"Erst jetzt, im dritten Anlauf, passt es für ihn und den Ausbildungsbetrieb", sagt Apel. Auch er und seine Mentoren kämpfen häufig mit harten Fällen. Sein Schützling schlug oft, wie Apel sagt, den falschen Ton an. Seine Deutschkenntnisse waren nicht die besten. So an die 20 Mal hat er sich mit ihm getroffen. "Das ist noch vergleichsweise wenig. Andere Mentoren betreiben noch viel mehr Aufwand", sagt Apel.

Wer die Abbrecherquote drücken will, muss viel investieren, personell und finanziell. Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) will ein Programm starten, das dem von Apel und dem SES ähnelt. Es nennt sich "Landesprogramm Mentoring". Eine Million Euro fließen dafür. Mentoren, beispielsweise gestandene Handwerksmeister, sollen dann bei Problemen eingreifen und möglichst einen Abbruch der Lehre verhindern.

Langfristig aber, das lehrt ein Blick auf die BiBB-Zahlen, hilft wohl aber nur eine starke wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Denn die Bundesländer mit der geringsten Abbrecherquote heißen Baden-Württemberg und Bayern. Dort liegen die Quoten bei 20,9 beziehungsweise 21,1 Prozent.

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