25.01.13

Zwischenzeugnis

Frau Freitag

Eine Berliner Lehrerin berichtet aus ihrem Alltag

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost
Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost

"Frau Freitag, gucken Sie, der Mann! Er klaut!" Rosa zuppelt an meinem Mantelärmel. Ich sehe nichts. Volkan dreht mich vorsichtig in die richtige Richtung. "Da, der Mann, er klaut, sehen Sie?" Und jetzt sehe ich ihn. Ein junger Typ steht vor einem 99-Cent-Laden und steckt sich irgendwas in die Tasche.

"Was klaut er denn?", frage ich die Schüler. "Essen", antwortet Volkan. Und plötzlich rennt der Dieb auf uns zu. Was soll ich jetzt tun? Mich ihm in den Weg stellen? Schließlich hat er ein Verbrechen begangen. Ich muss irgendwas machen. Aber was ist, wenn der ein Messer hat?

"Was war das denn für Essen?" frage ich. "So Vogelfutter", sagt Rosa. Ich entscheide blitzschnell, dass geklautes Vogelfutter im Wert von sechs oder sieben Euro kein Messer im Bauch rechtfertigt. Ich kann aber auch nicht nichts machen, ich bin doch Lehrerin.

"Sie haben geklaut! Das dürfen Sie nicht. Dafür kommen Sie in die Hölle", rufe ich ihm hinterher. Aber das tangiert den Dieb nicht, denn er dreht sich nicht mal um, sondern rennt die Treppe zur U-Bahn runter.

"Hihihi, Sie kommen in die Hölle, haben Sie gesagt." Rosa kichert und auch Volkan grinst. "Ja, ist doch wahr. Klauen darf man nicht, das haben wir doch eben gelernt. Das steht doch in den Zehn Geboten und im Gesetz auch."

Warum heißt Jesus Jesus? Hatte Jesus Geschwister?

Wir kommen gerade aus einer Kirche, in der uns ein netter Pfarrer Wissenswertes über das Christentum erklärt hat. Die Kirche hat eine schlechte Akustik, und es ist etwas kalt. Hamid gähnt, Taifun kann nicht mehr gerade sitzen und lehnt sich deshalb an Orkan, der dabei das Gleichgewicht verliert. Leichte Unruhe entsteht. Ich gucke ernst zu den Jungs und sie setzen sich wieder aufrecht hin.

Ich bin auch müde. Ich habe Hunger, Durst, mir ist kalt und ich würde gerne gehen, aber es gibt ja noch so viele unbeantwortete Fragen: Warum heißt Jesus Jesus? Hatte Jesus Geschwister? Dürfen Christen Alkohol trinken? Warum gibt es das Alte und das Neue Testament? Wer oder was ist der Heilige Geist?

Der nette Pfarrer versucht, alle Fragen genauestens zu beantworten, aber ich sehe förmlich, wie die Aufmerksamkeit aus jedem meiner Schüler entschwindet. Sie können nicht mehr. Wenn der Pfarrer sie etwas fragt, dann hauen sie ihre Antworten ohne jegliche Denkleistung raus.

"Weiß jemand, wo Genezareth ist?"

Volkan meldet sich: "Bei Gelsenkirchen?" Das wäre mir neu, denke ich.

Hat Jesus vor acht Jahren einen Altar gebaut?

"Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, dann müsste seine Schwester doch auch die Tochter Gottes sein", vermutet Orkan. Zum Schluss zeigt uns der Pfarrer den Altar. Der ist aus verschiedenen Steinplatten gebaut. "Diese Steinplatten sind etwas ganz Besonderes. Kann sich jemand vorstellen, wo die herkommen?"

Und als Taifun schreit: "Von Jesus!", reicht es mir. "Taifun, von Jesus???? Was ist das für eine depperte Vermutung? Wie sollen die denn von Jesus kommen? Der Pfarrer hat doch eben gesagt, dass die Kirche vor acht Jahren gebaut wurde."

"Wieso? Kann doch sein", sagt Taifun beleidigt. "Nein! Kann nicht sein! Wie soll Jesus das denn gemacht haben? Aus dem Grab rausgeflogen und dann ein paar Steinplatten hier herstellen." Taifun schmollt. Der Pfarrer grinst. Aber eigentlich hat Taifun ja recht. Wenn Jesus übers Wasser gelaufen ist und Wasser zu Wein verwandelt hat, dann könnte er auch vor acht Jahren einen Altar gebaut haben.

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