24.01.13

Kita-Bericht

Berlin schafft mehr Platz für Kinder

In Berlin ist die Zahl der Kita-Plätze stark gestiegen. Doch ob der Rechtsanspruch ab Sommer erfüllt werden kann, ist ungewiss.

Von Florentine Anders und Regina Köhler
Foto: Massimo Rodari

Begehrte Plätze: Erzieherin Katarzyna Baumann mit Kindern in der Kita in der Baerwaldstrasse
Begehrte Plätze: Erzieherin Katarzyna Baumann mit Kindern in der Kita in der Baerwaldstrasse

Kitaleiterin Manuela Zille muss in diesen Tagen immer wieder enttäuschte Eltern wegschicken. Die Anmeldelisten für dieses Jahr sind längst geschlossen. Auf die 50 frei werdenden Plätze kommen 200 Krippenkinder, die meisten davon stehen auf der Nachrückerliste. Wer jetzt kommt, kann sein Kind nur noch für einen Platz ab Sommer 2014 in der Kita Baerwaldstraße in Kreuzberg vom Eigenbetrieb City anmelden. "Es gibt Mütter, die so verzweifelt sind über die Absage, dass sie vor mir stehen und weinen", sagt die Leiterin. Zwar hätten die meisten Anmeldungen an mehreren Kitas, doch die Situation im gesamten Umkreis sei extrem angespannt.

Noch ein halbes Jahr, dann haben Eltern mit Kindern zwischen einem und drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Vom 1. August an können sie einen Kita-Platz oder die Betreuung durch eine Tagesmutter verlangen. Deutschlandweit gibt es allerdings noch viel zu wenig Betreuungsangebote. Und der Kita-Ausbau geht nur schleppend voran. Auf Städte und Gemeinden könnte deshalb eine gewaltige Klagewelle zukommen. Schließlich haben die Eltern ein Recht auf Schadenersatz, wenn die Betreuung ihrer Kinder nicht gewährleistet werden kann.

Bis 2017 fehlen 15.300 Plätze

In Berlin sieht die Lage allerdings gar nicht so schlecht aus. So ist die Zahl der Kita-Plätze in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen: 2012 wurden in der Hauptstadt rund 142.400 Plätze angeboten, fünf Jahre zuvor waren es erst knapp 128.000 – ein Anstieg von 11,4 Prozent. Das zeigt der Bericht des Landesamtes für Statistik zur Vorschulischen Bildung, der am Mittwoch veröffentlicht worden ist. Die Zahl der Kindertageseinrichtungen hat sich in demselben Zeitraum um 14 Prozent erhöht, von rund 1800 auf 2050 Einrichtungen. Damit einher geht ein Anstieg des pädagogischen Personals, fast 19.800 Erzieher arbeiteten 2012 in Berliner Kitas, und damit fast ein Viertel mehr als 2008. Die Zahl der Tagesmütter und -väter stieg ebenfalls um 21 Prozent auf 1600.

Im deutschlandweitem Vergleich steht Berlin mit diesen Zahlen ziemlich gut da, stieg die Zahl der genehmigten Kita-Plätze im Westen Deutschlands in demselben Zeitraum nur um knapp vier Prozent, im Osten Deutschlands um 10,6 Prozent. Allerdings ist die Zahl der Kinder unter sechs Jahren in Berlin in dieser Zeit um 10,6 Prozent angestiegen, im Osten Deutschlands dagegen im Schnitt lediglich um 4,7 Prozent. In den westdeutschen Bundesländern in die Zahl sogar um vier Prozent gesunken.

Laut der Studie ist die Zahl der Kinder unter sechs Jahren, die die Bildungsangebote in Tageseinrichtungen wahrnehmen, in der Hauptstadtregion zudem vergleichsweise hoch. In Berlin betrug ihr Anteil an der gleichaltrigen Bevölkerung in 2012 rund 94 Prozent.

Bedarfsatlas der Bezirke

Ob Berlin den ab August fälligen Rechtsanspruch einlösen kann, ist deshalb trotz des Kita-Wachstums nicht gewiss. Nach der neuesten Bevölkerungsprognose sollen bis 2017 bis zu 15.300 Kita-Plätze fehlen. Die im aktuellen Haushalt eingeplanten 20 Millionen Euro reichen nur für einen Teil der geplanten Plätze. Das Programm müsste im kommenden Jahr neu aufgelegt werden.

Verteilt wurde das Geld für den Ausbau nach einem Bedarfsatlas der Bezirke. Oberste Priorität hatten Regionen, in denen bereits Kitaplätze fehlen und steigende Geburtenraten prognostiziert sind. An zweiter Stelle standen Stadtteile, in denen künftig Kapazitäten fehlen werden. Zum Ende des vergangenen Jahres wurde der Bedarfsatlas von den Bezirken aktualisiert. "Nach den neuen Zahlen gibt es jetzt noch mehr Regionen mit höchster Priorität als vorher", sagt Ilja Koschemba von der Bildungsverwaltung. In den kommenden Tagen werde der neue Atlas veröffentlicht.

Große Einrichtungen wie die Kita Baerwaldstraße gibt es vor allem noch bei den Kita-Eigenbetrieben der Bezirke. "Auch wir bauen die Kapazitäten aus", sagt Klaus-Harald Straub, Geschäftsführer des Eigenbetriebs Kindergärten City. In Kreuzberg soll noch in diesem Jahr eine ehemalige Kita, die einst wegen Baufälligkeit schließen musste, wieder eröffnet werden. Dadurch würden mehr als 100 Plätze geschaffen. Bisher gebe es für jeden Platz des Eigenbetriebs etwa drei Bewerber. "Was genau mit dem Rechtsanspruch auf uns zu kommt, wissen wir nicht", sagt Straub.

Eltern müssen zur Einrichtung passen

Die betroffenen Eltern merken längst, wo es eng ist. Franziska Lübke aus Prenzlauer Berg beispielsweise will ab Oktober wieder als Friseurin arbeiten gehen, dann ist ihre Elternzeit für ihren jüngsten Sohn Willi abgelaufen. "Ich habe es bisher mit meinen Bewerbungen nur auf zwei Wartelisten geschafft", sagt die Mutter. Die meisten Kitas hätten sie gleich wieder weggeschickt, als sie noch im schwangeren Zustand im vergangenen Sommer nachgefragt hatte. Häufig sind die Anforderung für eine Bewerbung um einen Kitaplatz schon ähnlich hoch wie für einen Arbeitsplatz.

Auch in der Kita Baerwaldstraße können sich die Eltern nicht einfach per Anruf auf eine Liste setzen lassen. "Ich führe mit allen Interessenten ein ausführliches persönliches Gespräch", sagt die Leiterin. Es sei wichtig, dass die Eltern die Einrichtung gesehen haben und wissen, worauf sie sich einlassen. Gleichzeitig müssten die Eltern in die Einrichtung passen. Wer schließlich bei der Bewerbung bleibt, muss sich alle zwei Monate melden. "Viele schicken regelmäßig Fotos von ihren Kindern, schreiben Mails oder kommen persönlich vorbei", so Zille. Besonders dann falle es ihr schwer, Absagen zu erteilen.

Hart treffe es die Eltern, die auf die langen Öffnungszeiten angewiesen sind. Die Kita des Eigenbetriebs mit insgesamt 185 Kindern bietet von sechs Uhr morgens bis 19 Uhr abends Betreuung an. Laut dem Bericht des Statistikamts haben aber nur 1,7 Prozent aller Einrichtungen so lange geöffnet. "Wir haben deshalb Eltern, die weite Wege aus anderen Bezirken auf sich nehmen, um hier ihre Kinder betreuen zu lassen", sagt Manuela Zille.

Lange Öffnungszeiten

Im Vergleich zu anderen Bundesländern können sich die Berliner Eltern laut Bericht jedoch über überdurchschnittlich lange Öffnungszeiten der Kindertagesstätten freuen. In der Hauptstadt würde immerhin knapp die Hälfte der Kitas vor sieben Uhr öffnen, in Brandenburg seien es 86 Prozent, erklärte Ulrike Rockmann. Im Bundesdurchschnitt würden nur rund ein Fünftel der Einrichtungen vor sieben Uhr öffnen. Zudem sei auch das Betreuungsangebot am Abend überdurchschnittlich gut ausgebaut. 80 Prozent der Kitas in beiden Ländern würden zwischen 16.30 und 18 Uhr schließen – deutschlandweit machen knapp die Hälfte der Kindertagesstätten vor 16.30 Uhr dicht.

Risikolagen der Kinder

Laut Bericht des Statistischen Landesamtes müsse es in Berlin aber Verbesserungen bei der Anmeldung von Kindern aus Migrantenfamilien geben. Diese Kinder würden noch immer zu selten eine Kita besuchen. In Berlin hatten im vergangenen Jahr 32,2 Prozent der Kita-Kinder einen Migrationshintergrund, der Anteil der Migrantenkinder an der gleichaltrigen Berliner Bevölkerung lag indes bei 43 Prozent. Wie in den Vorjahren sind es in Berlin vor allem Kinder, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, die häufig erst im Vorschulalter in die Kita kommen.

Der Bericht liefert außerdem erstmals auch Angaben zu bestimmten Risikolagen der Kinder, die Effekte auf ihren Bildungserfolg haben könnten: "In Berlin leben 18 Prozent der Kinder unter sechs Jahren in einem bildungsfernen Elternhaus, 21 Prozent haben erwerbslose Eltern und 27 Prozent eine finanzielle Risikolage", sagte Rockmann. Problematisch sei auch die Altersstruktur der Betreuer. Bei jungem Personal bleibt die Hauptstadtregion im Bundesvergleich zurück. Während die Pädagogen in den Kitas deutschlandweit durchschnittlich 40 Jahre alt sind, liegt Berlin bei 42 Jahren und Brandenburg sogar bei 44 Jahren im Altersdurchschnitt.

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