23.01.13

Exklusiv

Jede dritte Berliner Grundschule will Bildungsreform stoppen

Das jahrgangsübergreifende Lernen ist in Berlin gescheitert. Pädagogen fühlten sich überlastet. Jetzt kommt die Rückkehr zum alten System.

Foto: dapd

Jül galt als Kernstück der 2004 begonnenen Grundschulreform. 2007/08 sollte diese Unterrichtsform verbindlich an allen Berliner Grundschulen umgesetzt sein. Das Konzept der Jahrgangsmischung geht davon aus, dass Kinder schneller voneinander lernen als nur vom Lehrer an der Tafel. Ältere würden ihr Wissen festigen, wenn sie es den Jüngeren weitergeben, zudem würden soziale Kompetenzen bei der Teamarbeit geschult
Jül galt als Kernstück der 2004 begonnenen Grundschulreform. 2007/08 sollte diese Unterrichtsform verbindlich an allen Berliner Grundschulen umgesetzt sein. Das Konzept der Jahrgangsmischung geht davon aus, dass Kinder schneller voneinander lernen als nur vom Lehrer an der Tafel. Ältere würden ihr Wissen festigen, wenn sie es den Jüngeren weitergeben, zudem würden soziale Kompetenzen bei der Teamarbeit geschult

Das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) hat sich in Berlin nicht durchgesetzt. Immer mehr Grundschulen kehren stattdessen zum jahrgangsbezogenen Unterricht zurück. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, haben sich jetzt weitere 47 Schulen entschieden, im kommenden Schuljahr Jül wieder abzuschaffen. Insgesamt werden im Schuljahr 2013/14 mindestens 114 von 376 Grundschulen wieder jahrgangsbezogen unterrichten. 19 weitere Schulen bieten derzeit noch beide Möglichkeiten an.

Seit diesem Schuljahr steht es den Grundschulen frei, zwischen beiden Modellen zu wählen. Auf Drängen der CDU war im Koalitionsvertrag beschlossen worden, dass die Schulen künftig selbst entscheiden können, ob sie altersgemischt unterrichten oder wieder Jahrgangsklassen einrichten wollen.

Jül galt als Kernstück der 2004 begonnenen Grundschulreform. 2007/08 sollte diese Unterrichtsform verbindlich an allen Berliner Grundschulen umgesetzt sein. Das Konzept der Jahrgangsmischung geht davon aus, dass Kinder schneller voneinander lernen als nur vom Lehrer an der Tafel. Ältere würden ihr Wissen festigen, wenn sie es den Jüngeren weitergeben, zudem würden soziale Kompetenzen bei der Teamarbeit geschult.

Anfangs große Bedenken gegen Projekt

Unter Pädagogen und Eltern gab es jedoch von Anfang an große Widerstände gegen dieses neue Konzept. Viele gaben zu bedenken, dass gerade Schüler in Brennpunkten stabile Lerngruppen und verlässliche Beziehungen brauchten. Auch könne Jül nicht funktionieren, wenn der Lehrer das einzige Sprachvorbild sei, hieß es weiter. Etliche Schulen verweigerten sich, andere setzten das Konzept nur halbherzig um, indem sie die Altersgruppen nur in Fächern wie Sport, Musik oder Kunst mischten.

Der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte schließlich dem Druck von Lehrern und Eltern nachgegeben und eine Rückkehr zu Jahrgangsklassen befürwortet. Zunächst mussten die Schulen noch ein schlüssiges Alternativkonzept vorlegen. Inzwischen bedarf es lediglich der mehrheitlichen Zustimmung der jeweiligen Schulkonferenz. In diesem Gremium sind Lehrer, Eltern und Schüler vertreten.

In Neukölln arbeiten vom neuen Schuljahr an 21 Schulen und damit mehr als die Hälfte der insgesamt 39 Grundschulen wieder mit Jahrgangsklassen. Hier war der Widerstand gegen Jül besonders groß. Aber auch in Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf und Reinickendorf haben sich jeweils fast die Hälfte der Grundschulen gegen Jül entschieden. Insgesamt hat jede dritte Grundschule gegen Jül votiert.

Die Lehrer wollen zurück zum alten System

Ein Beispiel ist die Grundschule im Taunusviertel in Lichtenrade. Vom kommenden Schuljahr an wird hier wieder jahrgangsbezogen unterrichtet. Schulleiter Volker Becker sagt, dass vor allem die Lehrer die Rückkehr zum alten System gefordert haben. "Sie waren völlig überlastet." Anfangs sei man davon ausgegangen, dass in der Regel zwei Lehrer mit einer jahrgangsgemischten Klasse arbeiten, so Becker. In der Realität habe sich aber gezeigt, dass dies kaum möglich ist, weil Lehrer fehlen. "Unter diesen Bedingungen kommen die Zweitklässler zu kurz", so Becker.

Ähnliche Erfahrungen hat man auch an der Neuköllner Regenbogenschule gemacht. Schulleiterin Heidrun Böhmer sagt, dass ihrer Schule wesentlich weniger Lehrerstunden zur Verfügung stehen würden als ursprünglich versprochen. "Hinzu kommt, dass die Zweitklässler kein Sprachvorbild für die Erstklässler sein können, sondern noch sehr viel mit sich selbst zu tun haben."

Böhmer sagt, dass sie künftig wieder Jahrgangsklassen einrichten werde, diese aber sehr eng zusammenarbeiten sollen. Auch so könnten die sozialen Kompetenzen der Kinder gestärkt werden. Die Vorsitzende des Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, bedauert hingegen, dass das altersgemischte Lernen in Berlin nicht zum Regelfall wird. Es sei eine moderne Form des Unterrichts, die sich langfristig durchgesetzt hätte, sagt sie.

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