22.01.13

Exklusiv

Lärmschutz an der Berliner A100 verzögert sich

Der Senat weiß nicht, wie laut es an einigen Teilen der Autobahnen tatsächlich ist. Die letzten Messungen stammen aus den 70er-Jahren.

Foto: dpa

Etwa 90.000 Fahrzeuge passieren die A115 täglich. Im Bereich des Ortsteils Nikolassee ist passiver Lärmschutz vorgesehen
Etwa 90.000 Fahrzeuge passieren die A115 täglich. Im Bereich des Ortsteils Nikolassee ist passiver Lärmschutz vorgesehen

"Berlin wird leiser: aktiv gegen Verkehrslärm". Mit diesem Slogan startet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung am Donnerstag eine Aktion zur Weiterentwicklung der Berliner Lärmaktionsplanung. Im Internet und in zwei Lärmwerkstätten sollen die Berliner bis zum 22. Februar 2013 zum Austausch über "laute Orte" und Lärmminderungsmaßnahmen angeregt werden, heißt es in einer Ankündung von Montag.

Für Tausende Berliner, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadtautobahn leben, ist die Frage nach den lauten Orten indes schon seit Jahren beantwortet. Mehr als 170.000 Autos rauschen auf einigen Abschnitten der Stadtautobahn täglich an Wohnhäusern vorbei, darunter etwa 12.000 Lastwagen. Mit 186.000 Autos pro Tag ist die A100 zwischen Dreieck Funkturm und der Anschlussstelle Kurfürstendamm nach den aktuellsten Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen sogar die meist befahrene Autobahn Deutschlands. In der Top-10-Liste stehen noch vier weitere Abschnitte der Berliner Stadtautobahn.

Gutachter brauchen mindestens sechs Monate

Seit Langem hoffen die Anwohner deshalb auf besseren Lärmschutz. Und sie müssen nun wohl noch länger als zuletzt geplant auf Besserung warten. Der Grund: Der Senat weiß derzeit für große Teile der Autobahn noch gar nicht, wie laut es dort wirklich ist. Teilweise stammen die aktuellsten Messungen vom Ende der 70er-Jahre. Eine aktuelle schalltechnische Untersuchung (STU) ist jetzt zwar beauftragt, die Ergebnisse sind aber nicht vor dem Frühsommer 2013 zu erwarten, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jetzt auf eine Parlamentsanfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus zugeben musste.

Zuletzt hatte die Verwaltung die Daten, die Grundlage der anstehenden Lärmsanierung sein sollen, für Ende 2012 angekündigt. Die erneute Verschiebung begründet Behördensprecherin Petra Rohland so: "Die Erkenntnisse von vorlaufenden Gutachten sollen in die jetzt beauftragte STU mit einfließen." Im Klartext heißt das: Weil die Neuberechnung der Lärmbelastung an einigen Abschnitten der Stadtautobahn länger als geplant gedauert hat, beginnt die Untersuchung für den großen Rest jetzt ebenfalls verspätet. Der Auftrag wurde nach Angaben der Verwaltung erst im Dezember 2012 erteilt. Mindestens sechs Monate, so heißt es, brauchen die Gutachter.

Und Anwohner, die dann auf schnelle Entlastung hoffen, dürften ebenfalls enttäuscht werden. Sollten die Gutachten ergeben, dass Lärmschutzwände erforderlich sind, kann sich das Verfahren noch lange hinziehen. Das gilt selbst für jene Autobahnabschnitte, für die bereits eine aktuelle STU vorliegt. "Mit der kurzfristigen Umsetzung ist wegen der dafür erforderlichen Planfeststellungsverfahren allerdings nicht zu rechnen", schreibt Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) in seiner Antwort auf die Grünen-Anfrage im Abgeordnetenhaus.

Schallschutzfenster kommen

Grünen-Verkehrsexperte Harald Moritz wirft dem Senat eine "völlig falsche Prioritätensetzung" vor. Statt den umstrittenen Neubau der A100-Verlängerung vom Dreieck Neukölln bis Treptow voranzutreiben, sollten die Verantwortlichen schnellstmöglich die bestehenden Autobahnen in Berlin schalltechnisch sanieren, um die Anwohner "so gut es geht" vor Lärm zu schützen, fordert Moritz. In Sachen Lärmschutz handele der Senat aber "zögerlich und langwierig". Das sieht Martin Schlegel, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), ebenso. Die erneute Verzögerung nennt er einen Skandal. "Wir wissen, dass an weiten Teilen der Stadtautobahn – etwa in Charlottenburg, Wilmersdorf und Pankow – ein ausreichender Lärmschutz in keiner Weise gegeben ist", sagt Schlegel. "Diese Aufgaben muss der Senat zuerst erledigen, bevor er über einen Ausbau des Autobahnnetzes nachdenkt."

Schallschutzmaßnahmen an der A100 und A103

Während der Großteil der Autobahn-Anwohner wohl noch Jahre auf besseren Lärmschutz warten muss, können einige Anlieger nun immerhin hoffen. An einigen Abschnitten der A100 und A103, an denen laut Gutachten keine Lärmschutzwände errichtet werden können, hat die Senatsverwaltung nun die Umsetzung sogenannter "passiver Schallschutzmaßnahmen" ausgeschrieben. Dabei geht es in der Regel um den Einbau von Schallschutzfenstern und entsprechenden Lüftern. Nach bisheriger Schätzung könnten nach Angeben von Behördensprecherin Rohland bis zu 800 Haushalte auf etwa 110 Grundstücken davon profitieren. Die Kosten schätzt die Senatsverwaltung auf 115.000 Euro. Bis 2014, so die Planung, sollen die Arbeiten beendet sein.

Leiser könnte es dann in den Wohnungen an der A100 zwischen Kaiserdamm und Dreieck Funkturm (beidseitig), an der A100 zwischen Paulsborner Straße und Schmargendorf (südwestlich der Autobahn), an der A103 zwischen Saarstraße und S-Bahnhof Friedenau (westlich der Autobahn) und an der A103 zwischen Feuerbachstraße und der Anschlussstelle Wolfensteindamm/Schlossstraße (Ostseite) werden.

Passiver Lärmschutz ist offenbar auch an der A115 (Avus) im Bereich des Ortsteils Nikolassee vorgesehen, wie aus der Antwort der Senatsverwaltung hervorgeht. Entsprechende Angebote seien den dortigen Anwohnern bereits unterbreitet worden, schreibt Staatssekretär Gaebler. Einen konkreten Zeitplan gibt es für die Umsetzung aber laut Gaebler noch nicht: "Der Abschluss der Lärmsanierungsmaßnahme im Bereich Nikolassee kann derzeit noch nicht terminiert werden", schreibt er.

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