21.01.13

Psychologie

Gespräche mit sich selbst

Jeder redet mal mit sich selbst. Doch wann ist es krankhaft?

Foto: picture alliance / Mary Evans Pi

Sein oder Nichtsein: Hamlets Selbstgespräch gilt als bdeutendstes der Theatergeschichte
Sein oder Nichtsein: Hamlets Selbstgespräch gilt als bdeutendstes der Theatergeschichte

Montagmorgen acht Uhr, los geht es zur Arbeit. Habe ich auch wirklich alles? Schlüssel? Ja. Handy? Mist, wo ist das denn schon wieder. Ah, da. Oh, es regnet, besser noch einen Regenschirm mitnehmen. Gedanken, die jeder kennt, der es morgens eilig hat. Aber bei vielen bleibt es nicht bei Gedanken, stattdessen sprechen sie leise mit sich selbst über all die Dinge. Ein typisches Selbstgespräch eben.

Auf andere wirken diese Gespräche befremdlich, dabei sind sie aus psychologischer Sicht normal und können sogar hilfreich sein. "Manche Leute können sich Sachen besser merken, wenn sie vor sich hin reden. Der Merkeffekt ist ein anderer, als wenn es sich alles nur in Gedanken abspielt", sagt der Psychiater und Psychotherapeut Dirk Wedekind von der Universität Göttingen.

Selbstgespräche können hilfreich sein, wenn es darum geht, sich zu strukturieren, Gedanken zu ordnen, sich über Gefühle klar zu werden und sich zu fokussieren. Auch bei Entscheidungen kann der innere Dialog helfen: "Der Dialog mit uns selbst führt oft dazu, dass wir bessere Entscheidungen treffen", sagt er.

Selbstgespräche dienen der Kritik und Selbstreflexion

Selbstgespräche fördern die Konzentration und steigern mitunter sogar die Leistungsfähigkeit, zeigen Studien. Und so kann man Leistungssportler vor Wettkämpfen häufig mit sich reden sehen. In vielen Bereichen des Spitzensports wird das Selbstgespräch genutzt, um Motivation und Konzentration zu steigern.

Um die Gründe, warum wir mit uns selbst reden, genauer zu charakterisieren, hat der Psychologe Thomas Brinthaupt von der Middle-Tennessee-State-Universität in Murfreesboro (USA) eine "Selftalk"-Skala entwickelt, die die vier Hauptfunktionen von Selbstgesprächen beschreibt.

"Selbstgespräche können unter anderem dazu dienen, Selbstkritik zu üben, sich selbst zu managen, soziale Situationen einzuschätzen und sich selbst zu bestätigen", sagt Brinthaupt.

Doch nicht nur Erwachsene sprechen mit sich selbst. Bei Kindern kann man beobachten, wie sinnvoll und normal Selbstgespräche sind. Mit etwa zwei Jahren kultivieren sie das Selbstgespräch von sich aus. Im Alter von drei bis fünf Jahren reflektiert jedes zweite Kind vor dem Schlafengehen die Erlebnisse des Tages, indem es mit sich selbst spricht.

Erfahrungen und Kindheit beeinflussen Häufikeit der Selbstgespräche

Forscher glauben, dass das zum einen mit der intensiveren Fantasie von Kindern und zum anderen mit der Entwicklung des Gehirns zu tun hat. "Das Sprechen mit sich selbst übernimmt eine Verarbeitungs- und Strukturierungsfunktion", sagt Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), der auch Psychiater und Psychotherapeut an der Universität München ist. "Die intensiven Erlebnisse der Welt, die auf sie einströmen und zu viel für das Gehirn sind, müssen schließlich eingeordnet werden."

2007 veröffentlichte der Psychologe Adam Winsler von der George Mason University in Fairfax (US-Bundesstaat Virginia) eine Studie, die zeigte, dass Drei- bis Fünfjährige, die mit sich selbst sprechen, Rätsel schneller lösen können, als Kinder, denen das Selbstgespräch verwehrt blieb. Kinder nutzen Selbstgespräche also zum selben Zweck wie Erwachsene.

Wie viel jemand als Erwachsener noch mit sich selbst spricht, lässt sich nicht vorhersehen. Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, und wie wir aufgewachsen sind, scheinen dafür eine große Rolle zu spielen. "Wir konnten zeigen, dass zum Beispiel Einzelkinder als Erwachsene mehr mit sich selbst sprechen als Kinder mit Geschwistern. Auch Erwachsene, die früher einen imaginären Freund hatten, neigen später eher zum Selbstgespräch", sagt Brinthaupt.

Man schämt sich trotzdem für Gespräche mit sich selbst

Obwohl Psychologen Selbstgespräche häufig als positiv einstufen und obwohl jeder Mensch sie führt, schämen sich die meisten Menschen dafür. Sie werden eben häufig doch noch eng mit psychischen Störungen verknüpft. "Bestimmte psychische Erkrankungen im Bereich der Psychosen beispielsweise haben als Kernsymptom eine Störung der Denkabläufe", sagt Wedekind. Auch bei Patienten mit schweren Depressionen oder Demenzkranken kommen Selbstgespräche häufig vor.

Wiederholen Menschen ständig dieselben Sätze, schimpfen laut vor sich hin oder reden in der U-Bahn laut mit sich selbst, so sind sie sehr wahrscheinlich psychisch gestört. Wirkliche Selbstgespräche sind das aus Sicht von Peter Falkai nicht.

Ganz im Gegenteil, denn meistens glauben diese Menschen, mit anderen zu sprechen. "Sie hören meistens Stimmen oder sprechen beispielsweise mit einem Verstorbenen. Sie selbst nehmen es also nicht als Selbstgespräch war, obwohl es von außen so wirkt", sagt er.

Wenn Selbstgespräche außer Kontrolle geraten

Dieser Unterschied sei der entscheidende. "Wenn das, was man hört, als fremd wahrgenommen wird, dann ist die Grenze vom gesunden zum krankhaften Selbstgespräch überschritten", sagt Falkai. Normalerweise können Menschen klar unterscheiden, ob ein Laut von außen oder von innen kommt. Kommen Töne von außen, so werden neuronale Mechanismen im Gehirn unterdrückt.

"Diese Fähigkeit des Umschaltens ist beim pathologischen Stimmenhören im Kopf ausgeschaltet. Menschen mit dieser Krankheit können nicht mehr unterscheiden, ob Töne von innen oder von außen kommen", sagt Falkai. Die Funktion, eigene Gedanken zu ordnen, entfällt vollkommen. Der positive Effekt des Selbstgesprächs entfällt, aber sie können bei der Therapie helfen.

Bei Selbstgesprächen kommt es vor allem auf das richtige Maß an. Hin und wieder mit sich selbst zu sprechen ist gut. Geraten sie aber außer Kontrolle, sollte man sich Gedanken machen.

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