16.01.13

Nach Thierse-Schelte

Wut-Schwaben fordern ein freies "Schwabylon"

"Schwaben-Unterstützer" haben die Kollwitz-Skulptur in Prenzlauer Berg mit Spätzle beworfen. Sie fordern im Internet ein freies "Schwabylon"

Foto: dpa

Unbekannte haben die Skulptur der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz mit Spätzle beworfen
Unbekannte haben die Skulptur der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz mit Spätzle beworfen

Jetzt schlagen die Schwaben zurück. Nach ironischen Worten von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse über die Schwaben-Connection in Prenzlauer Berg suchen einige der Zugezogenen weiter Streit. Am Kollwitzplatz, dort wohnt Thierse, flogen die Spätzle. Mit der schwäbischen Leibspeise wurde das Denkmal für die 1867 in Königsberg geborene Künstlerin Käthe Kollwitz attackiert.

Nicht nur der Kopf, auch der Schoß der Skulptur war mit Nudeln bedeckt, der Stift in der rechten Hand der Künstlerin nicht mehr sichtbar. Mitarbeiter des Bezirksamtes Pankow haben die Skulptur inzwischen gereinigt. Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) gab am Dienstagnachmittag den Auftrag dazu. "Was soll das?", fragte er verständnislos.

Bekenntnis im Internet

Eine Initiative mit Namen Free Schwabylon bekennt sich im Internet zum Nudelanschlag. Text und Fotos vom Denkmal sind am Montagabend eingestellt worden. Man wolle nicht akzeptieren, dass Schwaben von Berlinern wie Bürger zweiter Klasse behandelt würden, heißt es da. Das Denkmal sei das Symbol einer autoritären Berliner Minderheit. "Wir haben es mit Spätzle beworfen, weil wir wütend sind." Man fordere einen autonomen schwäbischen Bezirk in Berlin. Schwabylon soll zwischen Danziger Straße, Metzer Straße, Schönhauser Allee und Prenzlauer Allee liegen. Diese Website werde in die Ermittlungen einbezogen, sagte ein Polizeisprecher.

Die Spätzle-Aktion am Kollwitzplatz ist ein weiteres Kapitel in der Berliner Schwaben-Diskussion. Es gibt sie seit Jahren. Doch neu entfacht hat sie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse mit seinen Äußerungen in der Berliner Morgenpost. Er ärgere sich, wenn er beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken, sagte der SPD-Politiker in einem Interview am Jahresende. An das Wort Schrippen könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. Er wünsche sich, so Wolfgang Thierse, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer schwäbischen Kleinstadt mit Kehrwoche.

"Wer am Brezelberg wohnt, sollte nicht mit Schrippen werfen"

Viel Entrüstung haben diese Sätze seither ausgelöst, nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. "Wer am Brezelberg wohnt, sollte nicht mit Schrippen werfen", so lautete der Kommentar eines Morgenpost-Lesers. Thierse habe nicht mehr alle Schrippen im Brotkorb, hieß es in einer anderen Zuschrift.

Bundestagsvizepräsident Thierse, der seit 40 Jahren in Prenzlauer Berg wohnt, bekam mehr als 3000 Mails, mit Belehrungen und Beschimpfungen. Er versuchte, zu beschwichtigen, teilte mit, dass die Äußerungen ironisch gemeint seien, er schon Urlaub in Schwaben gemacht und schwäbische Freunde habe und gelegentlich auch schwäbisch esse. "Schwaben, Ihr seid willkommen", war der Titel seines Gastbeitrags vom vergangenen Sonntag in der Berliner Morgenpost. Mit dem Beitrag hatte er den Wunsch verknüpft, die Debatte nun zu beenden. Offenbar ist ihm das nicht gelungen.

Zuvor hatte er sich am 10. Januar in der Sendung "ARD-Buffet einem schwäbischen Sprachtest unterzogen – und bestanden. Er konnte erklären, dass der schwäbische Begriff Gugg für Tüte steht. Wirklich beruhigt hat sich die Lage aber auch dadurch nicht.

Im Bezirksamt Pankow hält sich die Aufregung in Grenzen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass durch die Spätzle die Statue beschädigt worden ist", sagte Kulturstadtrat Torsten Kühne (CDU). "Wenn wir jemanden auf frischer Tat dabei ertappt hätten, wäre es eine Ordnungswidrigkeit. Man hätte ein Bußgeld verhängen können." Kühne sagte, er sei gebürtiger Berliner, und halte es mit den Worten von Friedrich II., dass jeder nach seiner Façon selig werden soll. Er habe keine Probleme mit Schwaben in Berlin. "Manche Urberliner Begriffe kommen auch aus anderen Sprachen wie Boulette oder Fisimatenten." Die Kollwitz-Skulptur sei schon häufiger besprüht worden, sagte Stadtrat Kirchner. Doch sie habe nichts mit der Diskussion um Schwaben zu tun. "Sie hat am Platz gewohnt, war eine anerkannte Künstlerin, ihr Mann war Armenarzt." Die Spätzle-Aktion sei kein Beitrag zur Debatte. "Soll das witzig sein?"

Die Spätzle-Aktion sei nicht der erste Vorfall gewesen, sagte Kühne. Vor zwei Jahren habe es Plakate mit der Aufschrift "Schwaben raus" in Prenzlauer Berg gegeben. Aber eine Skulptur mit Nudeln zu bewerfen sei wesentlich harmloser, als etwa die Brandsätze, mit denen gegen Gentrifizierung protestiert wurde.

Ob die Aktion am Kollwitzplatz-Denkmal eine Ausnahme war, bleibt abzuwarten. "Wo diese Spätzle herkommen, gibt es noch mehr", schreiben die Initiatoren von Free Schwabylon auf ihre Internetseite. In Aussicht gestellt wird, dass "der gesamte Prenzlberg unter einer Spätzleschicht schwäbischer Wut verschwindet."

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