14.01.13

Filmreifer Bankraub

Die Steglitzer Tunnelgangster waren echte Profis

Bankräuber haben einen Tunnel in eine Volksbank-Filiale gegraben und Schließfächer geknackt. Die Polizei rätselt, wie sie unbemerkt blieben.

Von M. Behrendt, P. Oldenburger, S. Pletl und U. Reinhard
Foto: dpa

In Berlin-Steglitz haben bislang Unbekannte einen Tunnel gegraben und sind so in den Tresorraum einer Filiale der Berliner Volksbank eingedrungen. Vier Tage nach der Tat konnte der Tunnel erstmals von Journalisten fotografiert werden.

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Der Berliner Rentner Helmut Jahn hatte im Radio von dem Einbruch in seine Bankfiliale erfahren – und sofort befürchtet, dass auch sein Schließfach ausgeraubt worden sein könnte.

Noch am Vormittag dann Gewissheit: "Mir wurde mitgeteilt, dass auch mein Schließfach aufgebrochen und geleert wurde", sagt der 87-Jährige. "Darin befand sich der gesamte Familienschmuck im Wert von mehr als 50.000 Euro." Sein erster Gedanke sei gewesen: "Jetzt sind wir arm."

Wie Helmut Jahn erging es am Montag vielen Kunden der an der Kreuzung Schloß-/Ecke Wrangelstraße gelegenen Berliner Volksbank, nachdem sie von dem spektakulärsten Bankeinbruch der vergangenen Jahre gehört hatten. Unbekannte Täter waren in die Filiale in Steglitz eingestiegen und hatten etwa 200 Schließfächer aufgebrochen.

Dabei waren sie nicht etwa wie Bankräuber maskiert und bewaffnet in die Bank gestürmt. Die Einbrecher von Sonntagnacht hatten die Tat vielmehr akribisch und von langer Hand vorbereitet: Sie gruben einen 30 Meter langen Tunnel, der ihnen als Weg zum Tresorraum der Bankfiliale diente und zugleich als Fluchtweg.

Täter gruben monatelang

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei müssen die Täter wochen- oder gar monatelang mit den Ausgrabungen des Tunnels beschäftigt gewesen sein. Die unterirdische Route verläuft von einer Tiefgarage unter einem Gebäudekomplex an der Wrangelstraße 30 Meter lang bis direkt zum Tresorraum der Bankfiliale. Der Tunnel ist nur 1,5 Meter hoch – die Einbrecher dürften eher hindurchgekrochen als gegangen sein.

Wie sie die Röhre legen konnten, ohne aufzufallen, ist noch völlig unklar. Vermutlich mieteten sie einen Stellplatz an, der durch ein Rolltor vom übrigen Bereich der Tiefgarage getrennt ist. Nach Angaben eines Ermittlers wird überprüft, ob es sich beim Mieter um eine real existierende Person handelt oder – wie von der Kriminalpolizei vermutet – die Täter eine Legende benutzten.

Am Dienstagmorgen teilte die Polizei dann mit, dass zur Anmietung der Garage falsche Papiere verwendet wurden. Über die aktuellen Ermittlungsergebnisse Polizeisprecher Thomas Neuendorf:



Doch auch wenn die Einbrecher zumindest unbeobachtet graben konnten, dürften die Arbeiten doch Lärm verursacht haben. Außerdem müssen laut Polizei große Mengen Erde aufgeschüttet worden sein, von denen am Montag nichts zu sehen war. Die Täter transportierten den entstandenen Abraum demnach vorher ab. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Ein Kriminalbeamter sprach am Montag gegenüber der Berliner Morgenpost von "absoluten Profis".

Die Polizei sucht nun dringend Zeugen, die Hinweise geben können. Dabei geht es den Ermittlern vor allem um diese Fragen: Wer hat in den letzten Wochen Baulärm aus der Tiefgarage in der Wrangelstraße gehört? Wer hat Fahrzeuge zum oder vom Tatort fahren sehen, die eventuell Bauschutt oder Baumaterialien geladen hatten? Wer hat Beobachtungen über sonstige verdächtige Fahrzeuge oder Personen in der Wrangelstraße gemacht? Hinweise nimmt das Landeskriminalamt am Tempelhofer Damm 12 in Tempelhof unter der Tel:4664-945101 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Die Filiale der Berliner Volksbank bleibt voraussichtlich noch bis Mittwoch geschlossen. Wie Sprecherin Nancy Mönch mitteilte, sei ein Spezialteam damit beauftragt worden, sich um die betroffenen Kunden zu kümmern. "Wir schreiben jeden Kunden an", sagte Mönch.

Ob die Betroffenen damit rechnen können, ihren Verlust ersetzt zu bekommen, hänge davon ab, ob sie die Inhalte der Schließfächer versichert hätten. "Wir raten jedem Kunden, dies zu tun", so die Sprecherin. Auch gebe es Hausratversicherungen, die den Schutz eines Schließfachs beinhalten. Die Mietkosten für ein Schließfach betragen je nach Größe 45 bis 175 Euro im Jahr.

Hälfte der Schließfächer vermietet

Von den im Tresorraum an der Schloßstraße 1600 existierenden Schließfächern sei nur die Hälfte vermietet gewesen. Am Abend konnten Mitarbeiter der Bank den Tresorraum einmal kurz betreten. "Sie leuchteten den Raum mit Taschenlampen aus", sagte Mönch. Demnach hatten die Täter etwa 200 der insgesamt 800 belegten Fächer aufgebrochen. Die Polizei hatte bis zum Abend von mindestens 100 geplünderten Fächern gesprochen.

Dass es sich um einen Bankeinbruch handelt, war am Montagmorgen zunächst überhaupt nicht erkennbar. Ein Anwohner hatte gegen 6.15 Uhr Rauch bemerkt, der aus der Tiefgarage drang. Kurz darauf entdeckte die Feuerwehr den Tunnel und einen weiteren Brandherd in der Bankfiliale.

Demnach hatten die Einbrecher die Schließfächer geplündert und dann zwei Feuer gelegt – vermutlich, um Spuren zu vernichten. Wegen des Rauchs gestalten sich die Ermittlungen und Spurensicherung der Polizei äußerst schwierig. So kann der Tunnel wegen drohender Einsturzgefahr vermutlich erst in einigen Tagen betreten werden.

Klaus Kretschmer (70) ist ein anderer Kunde der Bankfiliale. Er versuchte am Montag eigenen Angaben zufolge eine Stunde lang, bei der Berliner Volksbank einen Ansprechpartner zu erreichen. Doch bis zum Abend konnte ihm niemand sagen, ob auch sein Schließfach in der Nacht zu Montag geplündert worden war. In dem Fach bewahrt Kretschmer Bargeld, Goldmünzen und den gesamten Familienschmuck auf. Zwar sei das Fach mit 50.000 Euro versichert, doch der tatsächliche Inhalt übersteige diesen Wert deutlich. Bis er endgültige Klarheit hat, will der 70-Jährige den Kopf jedoch nicht hängen lassen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Eine ähnlich spektakuläre Tat hatte 1995 in Berlin für Schlagzeilen gesorgt. Damals überfielen sechs Männer eine Commerzbank-Filiale in Zehlendorf und nahmen 16 Geiseln. Die Täter entkamen mit ihrer Beute ebenfalls über einen selbst gegrabenen Tunnel, der zu einer Garage führte. Die meisten wurden später gefasst und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Am Kurfürstendamm war es 2008 bis heute unbekannten Tätern gelungen, zwischen dem 26. und 28. Juli unbemerkt mehr als 100 Schließfächer einer Commerzbank-Filiale zu plündern. Die Tätergruppe hatte sich Umbauarbeiten in dem Gebäude am Kurfürstendamm 59 zunutze gemacht. Als der Coup am 29. Juli von Bauarbeitern bemerkt wurde, waren die Täter längst über alle Berge.

Offenbar standen sie unter Zeitdruck, weil Teile ihres Werkzeugs unbrauchbar geworden waren und die vorzeitige Entdeckung drohte. Die Unbekannten ließen neben Wertgegenständen aus den Schließfächern rund 80.000 Euro und Geld in anderen Währungen am Tatort zurück.



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