10.01.13

Gesundheit

Hinweis auf Alzheimer

Riechstörungen können Vorboten sein.

Von Von Shari Langemak
Foto: pa/dpa/dpaweb
Eine Frau schnuppert an einem Glas Rotwein. Wer nichts mehr riecht, könnte krank sein
Eine Frau schnuppert an einem Glas Rotwein. Wer nichts mehr riecht, könnte krank sein

Überlegen Sie mal, was Sie diese Woche schon so alles gerochen haben! Das Parfüm Ihres Partners? Den Fisch in der Kantine? Oder einen nassen Hund? Es wird jedenfalls wenig sein, wenn man bedenkt, was Sie in der gleichen Zeit gesehen, gehört und geschmeckt haben. Doch das ist normal, denn im Meer der bunten Farben und der Töne geht die bewusste Wahrnehmung von Gerüchen oft unter.

Aber nicht immer ist Reizüberflutung schuld an fehlender Wahrnehmung von Gerüchen. Riechstörungen sind häufiger als man denkt – weil wir uns an einem Riechverlust in der Regel weniger stören, als an einem Verlust anderer Sinne. Etwa fünf Prozent der Menschen können nicht riechen, Mediziner nennen das Anosmie.

"Der Verlust des Geruchssinns kann mit einem erheblichen Verlust an Lebensqualität einhergehen", sagt Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Hals-, Nasen- und Ohren-Uniklinik Köln. Wer weniger riecht, würde deshalb auch eher depressiv werden. Der Geruchssinn hat eine große Bedeutung im täglichen Leben. Ohne ihn kann man auch nicht mehr richtig schmecken. Jeder kennt das: Wenn bei einem Schnupfen die Nase verstopft ist, dann schmeckt alles fad.

Während beim Riechen Duftstoffe von außen in die Nasen strömen, gelangen die Gerüche beim Essen über den Rachenraum zur Riechschleimhaut. Im hinteren Drittel der Nasenschleimhaut sitzen Hunderte verschiedene Rezeptoren, die auf bestimmte Duftstoffe ansprechen. Für jeden dieser Rezeptoren ist genau ein Gen im Erbgut zuständig, etwa 350 Gene sind bekannt.

100 Duftstoffe – ein Geruch

Beim Menschen hat sich die Anzahl der Rezeptoren im Laufe der Evolution zwar verringert, das Prinzip blieb aber gleich: Alles Riechbare gibt kleinste Duftmoleküle ab, die mit jedem Atemzug in unsere Nase strömen. Etwa zehn Prozent davon erreichen das Riechepithel, in dem jeder Rezeptor auf sein passendes Molekül wartet. Duftstoff und Rezeptor sind aufeinander ausgerichtet.

Ähnlich wie ein Schlüssel nur ein bestimmtes Schloss öffnet, passt ein Duftmolekül auch nur in eine bestimmte Rezeptortasche. Haben sich Rezeptor und Duftstoff gefunden, gibt die Sinneszelle ein elektrisches Signal ab. Je nachdem, was gerade für ein Duftgemisch in die Nase strömt, entsteht auf diese Weise ein einzigartiges Aktivitätsmuster verschiedener Rezeptoren – und damit eine ganz bestimmte Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung.

Liebhaber von Rotwein und engagierte Hobby-Köche sind in Hüttenbrinks Sprechstunde besonders häufig anzutreffen. Ihnen fällt der Geruchsverlust besonders früh auf – wenn auch nicht als Geruchs-, sondern als Geschmacksstörung. "Andere Betroffene zögern den Arztbesuch weiter hinaus. Da muss lange Zeit erst mal der Lebenspartner das Parfüm prüfen oder die selber gekochte Mahlzeit kosten", sagt Hüttenbrink.

Das Zögern indes kann wertvolle Zeit kosten – nicht nur für die Therapie der Riechstörung. Denn hinter dem zunehmenden Geruchsverlust können viele Erkrankungen stecken: Ein einfacher Schnupfen mit verstopfter Nase, eine Schädigung von Riechzellen durch eine Kopfverletzung oder eine fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Mittlerweile ist sogar bekannt, dass auch die Parkinson- und die Alzheimer-Erkrankung in der Regel mit Riechstörungen einhergehen.

Viren schädigen Riechschleimhaut

Ein Team um Antje Hähner vom Uniklinikum in Dresden hat das Riechvermögen von 400 Parkinson-Patienten untersucht. Drei Viertel von ihnen hatten eine Riechstörung, die nicht auf eine normale altersbedingte Riechstörung zurückzuführen war. Die Experten empfehlen den Neurologen, das Riechvermögen ihrer Patienten häufiger testen zu lassen. Zwar reiche ein Riechtest alleine nicht aus, aber er gebe Hinweise für oder gegen eine mögliche Parkinson- und Alzheimererkrankung, ein bestehender Verdacht könnte so erhärtet oder geschwächt werden.

Es muss auch geprüft werden, ob nicht eine andere Erkrankung hinter dem Riechverlust steckt. Infektionen der Atemwege sind eine häufige Ursache. Sie können sowohl zu einer kurz- aber auch zu einer langfristigen Störung des Riechvermögens führen. Ist die Nase nur verstopft, dann verschwindet die Anosmie mit dem Schnupfen. Haben Grippe- oder Erkältungserreger die Riechzellen aber direkt befallen und zerstört, kann der Geruchsverlust unwiderruflich sein.

Riechtraining kann helfen

Diesen Patienten könnte eine neue Behandlungsmethode helfen. Ein Riechtraining soll dem Geruchssystem helfen, sich selbst zu heilen. "Beobachtungen aus dem Alltag deuten darauf hin, dass man durch ein bewusstes Training das Riechvermögen verbessern kann", sagt Professor Thomas Hummel, der Leiter des Zentrums "Riechen und Schmecken" am Dresdener Uniklinikum. Mit Kollegen hat er ein Programm für Anosmie-Patienten entwickelt. Nur vier Düfte müssen diese Patienten jeden Tag beschnuppern – einmal morgens, einmal abends. Das genügt, um die Chancen auf Besserung deutlich zu steigern.

"Mit Hilfe des Riechtrainings konnten 27 Prozent der Teilnehmer ihr Riechvermögen deutlich verbessern. In der Vergleichsgruppe, die kein Training erhielt, waren es nur sieben Prozent", sagt Hummel. Möglich wird das dadurch, dass der Geruchssinn das einzige Sinnesorgan ist, dass nicht durch Schonung, sondern durch regelmäßige Reizung besser heilt.

Die Wissenschaftler vermuten, dass durch das Training wieder neue Rezeptoren in der Riechschleimhaut wachsen oder dass es zu Veränderungen im Sinne eines Lernprozesses kommt. Mit den gleichen Mechanismen könnte man wahrscheinlich Gesunden helfen, feinsinniger zu riechen. Öfter einmal genauer hinzuriechen, kann also den Geruchssinn schulen.

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