07.01.13

Exklusiv

Berliner Ärzte dürfen sich nicht mehr überall niederlassen

Die ambulante medizinische Versorgung soll gerechter werden. So wird der Umzug von Praxen in überversorgte Stadtteile nicht mehr erlaubt.

Foto: dpa

Gerechtere Versorgung: Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) will das Angebot in Berlin besser verteilen
Gerechtere Versorgung: Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) will das Angebot in Berlin besser verteilen

In Berlin-Wilmersdorf und Charlottenburg haben die Patienten eine große Auswahl an niedergelassenen Ärzten. Wer hingegen in den Stadtteilen Neukölln, Wedding, Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf wohnt, wartet mitunter mehrere Monate auf einen Termin bei bestimmten Fachärzten. Denn Ärzte lassen sich verstärkt in wohlhabenden Gegenden nieder und meiden sozial benachteiligte Lagen.

Das soll sich nun ändern: Die ambulante Versorgung soll in Berlin in Zukunft gerechter ausfallen. "Es wird nicht mehr möglich sein, eine Praxis in einem unterversorgten Bezirk, wie etwa Neukölln nach Charlottenburg-Wilmersdorf zu verlagern", machte Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Wochenende im RBB klar. Dort gebe es bereits genügend Ärzte.

Möglich wird eine solche Reglementierung durch das bundesweite Versorgungsstrukturgesetz, das im vergangenen Jahr in Kraft getreten ist. Die Länder können seither stärker auf die Bedarfsplanungen der niedergelassenen Ärzte einwirken. Das hatte Czaja auch in der Berliner Morgenpost bereits angekündigt.

"Das Land hatte bisher keine Einflussmöglichkeiten auf die Entscheidungen der für die Ärztezulassung verantwortlichen Kassenärztlichen Vereinigung und Krankenkassen", beklagte der Gesundheitssenator. Künftig könnten die Bedarfe kleinräumiger bestimmt werden.

Zu wenig Ärzte in Marzahn und Neukölln

Auf Vorschlag der Gesundheitsverwaltung hat der Senat daher bereits im September 2012 beschlossen, die Arztpraxen gleichmäßiger im Stadtgebiet verteilen zu wollen. Das Abgeordnetenhaus verabschiedete Anfang Dezember ein entsprechendes Gesetz.

"Ein Landesgremium aus Vertretern der Senatsverwaltung für Gesundheit, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen beginnt demnächst damit, den Bedarf zu ermitteln und damit die Verteilung der Arztpraxen gerechter zu planen", sagte die Sprecherin des Gesundheitssenators, Regina Kneiding der Berliner Morgenpost. Der Schritt sei dringend notwendig. Nicht, weil Berlin einen Ärztemangel habe. "Der Versorgungsgrad ist gut bis sehr gut", sagte die Sprecherin. "Das Problem ist aber die ungleichmäßige und damit ungerechte Verteilung."

Etwa 8900 Ärzte sind in Berlin niedergelassen. Die Hausärzte stellen nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit einer Anzahl von knapp 2500 die größte Gruppe, es folgen 1 900 Psychotherapeuten und 550 Frauenärzte. Die Lungenmedizin ist mit 36 Ärzten in der Hauptstadt am wenigsten vertreten.

Weil Berlin bisher als ein Versorgungsgebiet galt, entschieden sich viele Ärzte, auch dort zu praktizieren, wo sie selbst wohnen und ihre Kinder zur Schule schicken – und das sind häufig die sogenannten "besseren Lagen". Während es in Neukölln oder Marzahn zu wenig Ärzte gibt, ist die Dichte in Charlottenburg-Wilmersdorf inzwischen sehr hoch.

Ungleiche Verteilung soll abgebaut werden werden

In Neukölln fehlen nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung inzwischen Mediziner aus allen Fachrichtungen. Dort gebe es nur noch einen Röntgenarzt und nur wenige Augenärzte, Urologen oder Hausärzte.

"Künftig werden bestimmte Umzüge von Praxen aus geringer versorgten Gegenden nicht mehr möglich sein", sagte Gesundheitssenats-Sprecherin Regina Kneiding. Die ungleiche Verteilung soll sukzessive abgebaut werden. "Das geht nicht von heute auf morgen."

Im vergangenen Jahr seien immerhin bereits 74 neue Arztsitze vorwiegend in den schlechter versorgten Gegenden wie Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Neukölln freigegeben worden – vorrangig für Hausärzte. "Das ist ein erster Schritt", so Kneiding. Den Bedarf zu ermitteln, ist jedoch nicht so einfach.

Es reicht nach Darstellung der Kassenärztlichen Vereinigung nicht aus, die Zahl der Gynäkologen festzustellen, in dem man die Gesamtbevölkerung eines Bezirks heranzieht. Richtgröße müsse die Zahl der Frauen sein. Wie viele Augenärzte gebraucht werden, hänge stark von der Altersstruktur einer Gegend ab.

Reine Privatpraxen weiterhin frei in der Standortwahl

Je mehr ältere Menschen dort wohnen, desto mehr Augenärzte werden benötigt. Zudem ist jeder fünfte Patient in einer Berliner Praxis eigentlich Brandenburger.

Viele Berufspendler lassen sich nahe ihres Arbeitsplatzes behandeln. 22 Millionen Behandlungsfälle werden insgesamt laut Kassenärztlicher Vereinigung in Berlin jährlich versorgt. Darüber hinaus helfe die Aufhebung der Fallzahl-Beschränkung in diesen Gebieten.

Denn in gut versorgten Regionen können Ärzte immer weniger pro Patient abrechnen, wenn sie eine bestimmte Patientenzahl erreicht haben. In den schlechter versorgten Gebieten gilt dies nun nicht mehr.

Reine Privatpraxen dürfen in Berlin weiterhin überall eröffnen. Nur wer auch gesetzlich Versicherte versorgt, wird künftig nicht frei über den Ort seiner Arztpraxis entscheiden dürfen.

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