07.01.13

Exklusiv

Hauptverdächtiger soll Jonny K. nicht berührt haben

Onur U. soll nicht an den tödlichen Verletzungen des 20-Jährigen beteiligt gewesen sein. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Ermittlerkreisen.

Foto: DAPD

Hunderte Berliner haben des am Berliner Alexanderplatz getöteten Jonny K. gedacht.

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Im Fall des am Berliner Alexanderplatz zu Tode geprügelten Jonny K. könnte bereits Mitte Januar Anklage gegen die Beschuldigten erhoben werden. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Sicherheitskreisen. Wie von Ermittlern weiterhin verlautete, soll der bislang als Hauptbeschuldigte geltende Boxer Onur U. (21) während der brutalen Auseinandersetzung selbst an den folgenschweren Verletzungen des 20-jährigen K. nicht beteiligt gewesen sein.

Zwar sei die Situation laut Angaben eines Ermittlers durch Onur U.s Handeln entstanden, und er soll auch K.s Begleiter mit einem "Hagel von Schlägen eingedeckt" haben. Jonny K. selbst soll er nach bisherigen Erkenntnissen allerdings nicht berührt haben.

Der Neffe des bekannten Boxers Oktay U. hält sich immer noch in der Türkei auf. Die Ermittlungsbehörden rechnen damit, dass er sich vor Verfahrensbeginn stellen wird.

Jonny K. war nach der Attacke am 14. Oktober 2012 an der Rathausstraße in Mitte von einem alarmierten Notarzt zunächst reanimiert worden, sodass er überhaupt in die Klinik gefahren werden konnte. Dort starb er einen Tag später.

Jonny K. durch einen Tritt gestoppt

Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, soll sich der Ablauf der tödlichen Tragödie folgendermaßen zugetragen haben: Jonny K. und seine beiden Begleiter befanden sich an der Rathausstraße, als sie auf die sechsköpfige Gruppe trafen. An der Spitze sollen demnach der 21 Jahre alte Melih Y. und der 24 Jahre alte Bilal K. gelaufen sein, dahinter folgen Mehmet E. (19), Osman A. (19), Hüseyn I. (24) sowie der ihnen nur flüchtig bekannte Onur U. (21)., den sie zufällig dort trafen.

Ein Begleiter von Jonny K. wollte einen dritten, stark betrunkenen, Freund auf einen Stuhl setzen. Den soll Onur U. dann zur Seite gezogen haben. In der Folge soll es deswegen zu einer handfesten Schlägerei zwischen dem Freund von Jonny K. und dem Boxer gekommen sein, in deren Verlauf der in Kämpfen erfahrene 21-Jährige seinem Kontrahenten durch eine Vielzahl von Schlägen gegen den Kopf und den Oberkörper erheblich zugesetzt haben soll.

Dem 29-Jährigen war bei der Gewaltorgie das Jochbein und die linke Hand gebrochen worden. Drei Begleiter von Onur U. sollen versucht haben, diesen zu stoppen. Als Jonny K. ebenfalls seinem Freund zu Hilfe eilen wollte, sei er von einem dieser drei Begleiter durch einen Tritt gestoppt worden.

Tod durch Blutgerinsel im Gehirn

Laut mehreren Aussagen sei Jonny K. anschließend von Melih Y. und Bilal K. zu Boden geworfen und misshandelt worden. Besonders der immer noch flüchtige Bilal K. – er wird in Griechenland vermutet – soll mehrfach gegen den Kopf von Jonny K. getreten haben. Nach Informationen der Berliner Morgenpost ergab die Obduktion, dass Jonny K. an einem Blutgerinnsel im Gehirn starb.

Ermittler gehen davon aus, dass Onur U. sich kurz vor Prozessbeginn stellen wird, damit hätte er die Zeit der Untersuchungshaft für sich verkürzt. Zudem könne er bei entsprechender juristischer Verteidigung mit einer Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung, begangen an dem Begleiter von Jonny K., rechnen.

Für den Tod an Jonny K. kämen nach bisheriger Aktenlage zwei Verdächtige in Betracht – frühere Aussagen vom Begleiter von Jonny K., wonach alle sechs Männer im Kreis um das Opfer gestanden und zugetreten hätten, ließen sich nach Informationen der Berliner Morgenpost nicht halten. "Letztlich ist es so, dass ein junger Mann zu Tode geprügelt wurde, weil er einem Freund helfen wollte. Es wird möglicherweise geringe Strafen geben, und das nicht einmal für alle Beteiligten", so ein Kriminalbeamter. "Das ist unerträglich und leider nicht das deutliche Signal an Gewalttäter, die diese Stadt unsicher machen."

Personallage der Polizei immer noch schlecht

Der Schauplatz des Verbrechens hatte sich in den Tagen danach in ein Meer aus Blumen und Kerzen verwandelt. Tausende Berliner bekundeten täglich ihre Anteilteilnahme mit dem Opfer und seiner Familie. Am 21. November 2012 fand unter reger Anteilnahme mit einigen Hundert Berlinern ein Gedenkgottesdienst in der Kirche St. Marien am Alexanderplatz statt.

Die Polizei erhöhte kurzfristig ihre Präsenz am Alex, ständig war mindestens ein Mannschaftswagen in Bahnhofsnähe. Auf Initiative von Innensenator Frank Henkel (CDU) wurde alsbald die "Mobile Wache" eingerichtet. Polizisten haben aber kaum Hoffnung, bei der Personallage in Berlin dauerhaft an dem Brennpunkt für Ruhe sorgen zu können.

Es war die Menschen verachtende Brutalität der Tat, die überregional eine Debatte über Jugendgewalt und -kriminalität auslöste. In Berlin wurden nach dem Tod von Jonny umgehend Forderungen laut, etwa nach mehr Polizei auf den Straßen, mehr Videoüberwachung oder härtere Strafen für Wiederholungstäter.

Schwester von Jonny K. mit Bambi geehrt

Jonnys Schwester Tina war inzwischen gefragter Gast in den beliebtesten TV-Talkshows der Deutschen geworden. Die 28-Jährige hatte die Gründung eines Opferhilfevereins mit den Namen "I am Jonny" angekündigt, sprach mit Prominenten bei Günter Jauch oder Anne Will über Jugendgewalt und hielt in Zehlendorf vor 600 Schülern der John-F.-Kennedy-Schule eine Ansprache. Für ihr Engagement wurde sie mit einem Bambi ausgezeichnet.

Am 28. November 2012 fanden sich fast 600 Menschen zu einer Trauerfeier für Jonny K. in Westend zusammen. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister (SPD), sowie Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) und der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), kamen zum privaten Teil der Trauerfeier.

"Ich bin hier, um Anteilnahme und Mitgefühl mit den Angehörigen zu zeigen", sagte Wowereit. Vier Tage später wurde die Urne mit Jonny K.s sterblichen Überresten im engsten Familienkreis beigesetzt.

Onur U. nach Flucht immer noch in der Türkei

Trotz aller Bemühungen der Berliner Justiz konnte der in die Türkei geflohene Onur U. bis heute nicht den Strafverfolgungsbehörden überstellt werden. Zwar hatte der frühere Amateurboxer in der Türkei angekündigt, er werde sich der Polizei stellen. Taten folgten der Ankündigung jedoch nicht.

Polizei und Staatsanwaltschaft geben bereits seit Wochen keine Auskünfte mehr zu Fragen, welche die Auslieferung der mutmaßlichen Täter betreffen. All jenen, die darauf hoffen, dass sich die Täter vor Gericht verantworten müssen, bleibt nur übrig, zu warten.

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