05.01.13

Bürgeraktion

Spatz, Amsel, Meise - Berlin zählt seine Vögel

Jetzt mitmachen: An diesem Wochenende beobachtet der Naturschutzbund mit Hilfe der Berliner, was in der Stadt so zwitschert und flattert.

Von Uta Keseling
Foto: dpa
Spatzen vor dem Brandenburger Tor
Stadtvögel sind an menschen gewöhnt: Spatzen umflattern Kuchenrrste in einem Café vor dem Brandenburger Tor

Es ist ein bisschen wie Sterne zählen. Egal wie viele Vögel man sieht, man ahnt doch immer, dass irgendwo in den grauen Weiten des Berliner Winterhimmels noch viel, viel mehr sein müssen. Wie also soll man wirklich wissen, wie viele Vögel in Berlin leben?

So kompliziert, wie es klingt, ist es gar nicht. Wer wissen will, wie es geht, kann sich an den Naturschutzbund (Nabu) wenden. Der veranstaltet an diesem Wochenende zum dritten Mal die "Stunde der Wintervögel" – samt vogelkundlichen Rundgängen, bei denen auch Laien lernen, wie einfach es ist, Vögel zu zählen.

"Kraak!", sagt es irgendwo über den Köpfen der zwanzig Menschen, die sich am Eingang der Naturschutzstation Marienfelde versammelt haben. Ältere Damen und Herren im Anorak, junge Männer mit Profi-Ferngläsern, Mütter mit Kindern, die jetzt neugierig in die Vogelhäuschen am Zaun spähen. Doch da drin ist niemand zu Hause.

Amsel oder Drossel

"Die Vogelhäuser hängen hier momentan eher für die Menschen", sagt Björn Lindner und lacht. "Vögel leben lieber in der freien Natur." Lindner ist mit seinem Allwetterhut, der olivfarbenen Kleidung und den Stiefeln leicht erkennbar als "Ranger", er leitet die Naturschutzstation des Nabu in Marienfelde. Hier gibt es auch Schafe, Bienen und andere Tiere. Doch in diesen Tagen stehen die Vögel im Vordergrund. Linder hebt einen Arm: "Zack, da oben. Da haben wir schon die erste Drossel. Oder war es eine Amsel?"

Zwanzig Köpfe heben sich und beugen sich dann über Faltblätter. "Zählhilfe für Wintervögel" steht darauf, neben Tabellen werden die Vogelarten mit Fotos erklärt. Vor der Zählung steht die Information. Deshalb ist Lothar Gelbicke hier, er ist Ornithologe. "Die meisten Stadtbewohner wissen kaum, welche Vögel bei uns eigentlich leben und wie man sie erkennt", sagt Gelbicke. Er selbst beobachtet und kartiert seit mehr als 30 Jahren Vögel. Er schwärmt besonders für Möwen in Afrika oder Indien.

Schutthalde wird zum Biotop

Gefunden hat er seine Vogelliebe jedoch hier, in Marienfelde am südlichen Stadtrand von Berlin, als das wilde Biotop noch eine Schutthalde war. "Der Hügel besteht aus dem Schutt der Kriegsruinen. Bis in die 60er-Jahre wurde hier noch abgekippt, es gab viele Möwen hier damals", erinnert sich Gelbicke.

"Krak, kraak!", ruft es wieder aus den Bäumen, die inzwischen rundum auf der Halde gewachsen sind. "Öh, das ist doch nur ne Krähe, die da krächzt", sagt jemand. Es klingt ein bisschen abfällig. Ist man nicht eher hier, um schöne Singvögel zu zählen?

Gelbicke wendet sich um. "Wussten Sie, dass auch Saatkrähen, Elstern oder auch Eichelhäher zu den Singvögeln zählen? Und dass sie wirklich wunderschön singen können?", verteidigt Gelbicke die armen Rabenvögel. Während sich die Saatkrähe augenscheinlich aufmacht zum Frühstück auf den umliegenden Feldern, erklärt der Ornithologe, ihr Krächzen sei nur ein "Kommunikationsruf. Oder es bedeutet Streit."

Saatkrähen werden seltener

Saatkrähen, die vor einigen Jahren noch zu Zehntausenden in die Stadt einfielen, gebe es heute eher selten in Berlin. Grund seien die milderen Winter in Osteuropa. "Dann bleiben sie, wo sie sind."

Bevor die Vogelzähler im freien Gelände die erste Entdeckung machen können, gibt es schon begeistertes Geschrei bei den Kindern. "Mama, Hühner! Zählen wir die auch?" Auch Hühner gehören zur Naturschutzstation, sie werden betreut von den Junior-Rangern wie Anna, 11, und Laura, 12. Die Hühner werden ein bisschen getragen und gestreichelt – aber nicht gezählt.

Etwas weiter noch ein kleines Vogel-Wunder: Im Schafstall hat ein Zaunkönig gebrütet, Lindner hält ein kuscheliges Nest aus Moos, Gras und Schafwolle in der Hand. Der Zaunkönig gehöre zu jenen Vögeln, die man im Garten oft höre, sagt Lindner, "doch viele Gartenbesitzer haben noch nie einen gesehen, denn er ist klein und versteckt sich gern".

Dann fragt er in die Runde: "Hören Sie das Gemecker?" Lindner grinst. Gemeint sind die Meisen. Blau- und Kohlmeise seien in Berlin oft vertreten, die Anwesenden nicken. Ebenso wenig überrascht sie, dass auch Rotkehlchen und Ringeltaube zu den häufigen Arten gehören.

Hauptstadt der Spatzen

Der häufigste Vogel jedoch sei der Sperling, fügt Ornithologe Gelbicke an. "Berlin ist die Hauptstadt der Sperlinge." Die Hauptstadt der Spatzen – nun ja, alle lachen. "Gilt das nicht auch für Nachtigallen?", fragt jemand, und der Ornithologe beruhigt das angekratzte Selbstbewusstsein der Hauptstädter: Ja, Nachtigallen gebe es hier tatsächlich auch sehr viele.

Gelbicke sagt, nun wieder ernsthaft: Die vielen Spatzen seien auch ein Zeichen dafür, dass es in Berlin noch ausreichend Grünflächen gebe – "viele Parks, aber immer noch Stadtbrachen, auf denen auch viele seltene Arten leben". In London dagegen sei der Spatz fast verschwunden.

Die Gruppe zieht weiter, dem Grünfink entgegen, der sich angeblich momentan in den Rosenbüschen an Hagebuttenbüschen fettfrisst. Die Vögel seien an ihren gelben Flügelstreifen gut erkennbar, lernen die Vogelsucher. "Siehste was Gelbes?", fragt ein Mann seine Frau. Sie schüttelt den Kopf. Der Ornithologe gibt noch eine Hilfe: Finken erkenne man auch gut am eingekerbten Schwanz. Ferngläser werden gezückt, dann: allgemeines "Ah!"

Beim Weiterlaufen pflückt Lindner nebenbei ein leeres Meisenknödel-Netz aus dem Gebüsch und guckt finster. In der Naturschutzstation sei das Füttern der Tiere verboten, sagt er. "Zum einen möchten wir hier möglichst naturnahe Bedingungen erhalten", sagt er.

Außerdem brächten vorgefertigte Meisenknödel fremde Samen mit, von denen einige nicht ungefährlich seien. "Ambrosia zum Beispiel ist eine hoch allergene Pflanze, die bei uns nichts verloren hat." Besser sei es, Meisenknödel und Vogelfutter selbst herzustellen, mit einheimischem Saatgut wie etwa Leinsamen, Sonnenblumenkernen oder Nüssen.

Stadtvögel passen sich an

In Marienfelde werden die Vogelsucher am Ende des Rundgangs etwa 15 verschiedene Arten gesehen haben, darunter auch Wildgänse und einen Kernbeißer, der Kirsch- und Pflaumenkerne knacken kann. Insgesamt seien auf dem rund 50 Hektar großen Gelände rund 30 Arten zu beobachten, sagt Gelbicke, wesentlich mehr als in der Innenstadt. "Dort gibt es etwa zehn Arten, die man leicht identifizieren kann."

Stadtvögel passen sich an, sie akzeptieren den Freizeitdruck, sagt Gelbicke und schaut in fragende Gesichter. Freizeitdruck, das klingt nach Freizeitstress. Aber bei Vögeln? "Ja", sagt Gelbicke. Die vielen Katzen oder Hunde zum Beispiel, die es in Berlin ja zahlreich gebe, setzten als Jagdtiere die Vögel unter Druck. "Ebenso plötzlich an- und abschwellende Geräusche, wie Menschen sie verursachen." Stetiger Flug- oder Zuglärm dagegen mache den Vögeln weniger aus.

Nun aber wollen die Vogelfreunde wissen: Wie zählt man Vögel? Und wie vermeidet man, einmal gezählte noch einmal zu notieren? Der Ranger lacht. Wichtig sei zunächst, beim Zählen etwa eine Stunde lang denselben Ort zu beobachten. "Das kann Ihr Balkon sein, ein Vogelhäuschen im Garten oder auch ein Park in der Stadt." Dann werden Listen für jede Vogelart angelegt. "Notieren Sie immer wieder die Zahl jeder Art, die sie in einem Moment gleichzeitig sehen – also etwa alle zehn Minuten." Am Ende werde die jeweils höchste Zahl jeder Art als Ergebnis notiert.

In den vergangenen Jahren haben in Berlin bis zu 1600 Vogelfreunde an den Zählungen teilgenommen. Deutschlandweit waren es 57.000 – im vergangenen Jahr zählten sie 1,6 Millionen Tiere.

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Vögel zählen in Berlin
  • Geführte Touren

    Wer vom Nabu mehr über die Vogelzählung erfahren will, kann am Sonnabend, 5. Januar, um 10 Uhr zur Dorfkirche in Alt-Marienfelde kommen. Die Tour dauert 1,5 Stunden, Anmeldung unter Tel: 0170/56 55 112.

  • Weitere Termine

    Am Sonntag, 6. Januar, finden diese Touren statt:

    10 Uhr, Treffpunkt: Greenwichpromenade Tegel, an der „Roten Telefonzelle“, Dauer: circa zwei Stunden.

    10 Uhr, Vogelzählung mit Ornithologe und Ranger, Treffpunkt: Blohm- Ecke Egestorffstraße (Lichtenrade), Dauer 1,5 Std., Anmeldung unter Tel: 0170/5655112.

    11 Uhr, Greenwichpromenade in Reinickendorf, Treffpunkt: Borsigdamm Ecke Eisenhammerweg, Dauer: ca. 1,5 Stunden.

    13.30 Uhr, Vogelbeobachtungen am Schleipfuhl, Vortrag über die Vielfalt der Vogelarten im Winter. Anschließend geht es auf Beobachtungstour ins Gebiet, Treffpunkt: Naturschutz Schleipfuhl, Hermsdorfer Straße 11A (Wittenau), Dauer: circa zwei Stunden. Wetterfeste Kleidung und Fernglas sind von Vorteil!

  • Abgabe der Zahlen

    Zählhilfen und Meldebögen zum Ausdrucken gibt es online unter www.stundederwintervoegel.de. Ergebnisse können auch telefonisch gemeldet werden: Tel: 0800/1157115 (5. und 6.Januar 2013, 10 bis 18 Uhr). Per Post an: NABU, Stunde der Wintervögel, 10469 Berlin. Gültig sind alle Zählungen zwischen 4. und 6.Januar 2013, die bis spätestens 14.Januar eingegangen sind.

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