03.01.13

Schwaben in Berlin

Bloß keine Angst vor schwäbischen Wecken

Wolfgang Thierse sorgt für eine Schwaben-Debatte. Hajo Schumacher beruhigt: Schwaben haben keine Scharia, nur einen anstrengenden Dialekt.

Foto: dpa

Spuren schwäbischen Lebens in Prenzlauer Berg
Spuren schwäbischen Lebens in Prenzlauer Berg

Mittwochabend in der Philharmonie. Das Blasorchester "Blechschaden" spielt vor nahezu ausverkauftem Haus, an jedem Notenpult baumelt eine Flagge. Trompeter Unterrainer stammt aus Tirol, Kollege Segers aus Belgien, Matthias Fischer aus Franken, Dany Bonvin aus der Schweiz. Und Dirigent Bob Ross, ein Schotte, bestreitet den Abend durchweg mit angestaubten Regionalwitzen. Der geizige Schotte, der langsame Franke, der Belgier als historisches Missverständnis, um die Franzosen zu ärgern. Wurde geschossen anschließend? Nö. Berlins Bildungsbürger amüsierten sich prächtig, je platter die Scherze wurden.

Wohliges Fremdeln ist kein Fremdenhass, sondern Selbstvergewisserung. Abgrenzung ist wichtig und oft unterhaltsam, hat mit tumber Ausgrenzung aber nur selten zu tun. Scherze über andere Kulturen entfalten ihren Zauber vor allem, wenn sie sich durch Überspitzung selbst absurdisieren. Insofern hat es eine gewisse Komik, wenn ausgerechnet unser demokratisches Gewissen Wolfgang Thierse die Lehre vom reinen Berlinersein predigt. "Schrippe" oder "Wecke" – diese Debatte ist so wichtig wie "Handy" gegen "Mobiltelefon" und primär der notorischen Berliner Lust an volkstümlicher Unterhaltung geschuldet.

Den Gegenentwurf zum spaßigen Umgang mit der Herkunft und ihren Begriffen schafft Tom Wolfe in seinem neuen Roman "Back to Blood". Der Großdichter zeichnet das Bild von einem Miami, aufgeteilt in Reviere, die mit aller Gewalt verteidigt werden. Exilkubaner, neureiche Russen, Latinos und gebotoxte Pensionäre fühlen, leben im Kampf entlang ihrer gefühlten Blutlinien. Hier herrscht kein folkloristischer Schrippenkrieg, sondern ein brutaler Kampf der Kulturen, geprägt von Angst und Neid und Hass.

Von Miamis Verhältnissen ist die gutmütige deutsche Hauptstadt trotz manch verwahrloster Gewalttäter weit entfernt. Ob vor gut 300 Jahren die Hugenotten, im vorvergangenen Jahrhundert das Heer der Industriearbeiter, ob Russen, Türken und demnächst ein Schwung Südeuropäer – immer hat Berlin die Neuen integriert, von den Wowereits aus Ostpreußen bis zu Thomas Heilmann aus dem Ruhrgebiet.

Wie knapp muss das metropolitane Selbstbewusstsein ausgeprägt sein, um niedliche Kolonialisierungsversuche einer Handvoll Provinzler ernsthaft zu kritisieren. Sollen die Neuen auf ihren stoppersockengewienerten Dielenböden doch ihren neobiedermeierlichen Großstadtschwank aufführen. Hier naht nicht die Scharia, sondern schlimmstenfalls ein anstrengender Dialekt. Warum den Baden-Württembergern und anderen Besser-Berlinern nicht ihre imperialistischen Fantasien belassen, solange sie mit ihren Steuern den Abenteuerspielplatz Berlin klaglos mitfinanzieren? In ein, zwei Generationen werden die einstigen Schwabenkinder ohnehin gnadenlos berlinern, einen Bogen um jeden Besen machen und endlich gute Musik hören. Ob Hertha oder Union, Döner oder Currywurst, Schwabe oder Kirgise – in Berlin ist Platz für alle, die die anderen in Ruhe leben lassen.

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