03.01.13

Hirnforschung

Surfen beugt Demenz vor

Die Wirkung digitaler Medien und wie man sie sinnvoll nutzt.

Von Norbert Lossau
Foto: Getty Images

Neuronen: Jeder Lernvorgang – auch durch digitale Medien – und jede Emotion schafft im Gehirn neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen (Foto: Computertomogramm)
Neuronen: Jeder Lernvorgang – auch durch digitale Medien – und jede Emotion schafft im Gehirn neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen (Foto: Computertomogramm)

Verändern Internet, Videospiele und 3-D-Filme unsere mentalen Fähigkeiten? Zwei Hirnforscher erklären im Interview, welche Antworten die Wissenschaft auf diese Fragen geben kann – und welche nicht. Michael Madeja (50) arbeitet an der Uni Münster und ist Geschäftsführer der Hertie-Stiftung in Frankfurt/M., die Projekte im Bereich Bildung und Neuroforschung fördert. Hans-Peter Thier (58) ist im Vorstand des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in Tübingen.

Berliner Morgenpost: Es wird häufig davon gesprochen, dass die Internetnutzung das Gehirn verändert. Kann ein Neurologe einem Gehirn tatsächlich ansehen, ob es einem starken Internetnutzer gehört?

Michael Madeja: Nein. Jegliche Tätigkeit verändert zwar den inneren Aufbau unseres Gehirns, denn die Verarbeitung von Informationen führt zu neuen oder veränderten Kontakten zwischen den Nervenzellen. Das Gehirn eines intensiven Internetnutzers wird daher etwas anders sein – genauso wie das Gehirn eines passionierten Lesers oder Autorennfahrers in einzelnen Hirnabschnitten anders ist. Diese Veränderungen sind aber so subtil und individuell verschieden, dass man sie zumindest mit den heutigen Methoden der Hirnforschung nicht erfassen, geschweige denn auf das Surfen im Internet zurückführen kann.

Was lässt sich über die Folgen der Nutzung digitaler Medien sagen. Das Schlagwort von der "digitalen Demenz" machte die Runde.

Thier: Der Begriff der digitalen Demenz ist verfehlt. Unter Demenz versteht die Medizin einen Verlust ursprünglich verfügbarer kognitiver Fertigkeiten – ein Verlust des Gedächtnisses, eine Einschränkung des Denkvermögens, Orientierungsstörungen und letztendlich einen Zerfall der Persönlichkeitsstruktur. Demenzen können viele Ursachen haben. Ein Beispiel sind Hirnschäden infolge von Durchblutungsstörungen. Was immer die Nutzung digitaler Medien im Gehirn machen mag – es gibt keinerlei Beleg dafür, dass sie zu fassbaren krankhaften Veränderungen im Gehirn führt.

Ist die Frage nach Verhaltensänderungen durch das intensive Nutzen digitaler Medien also eher ein Thema für Psychologen?

Thier: Ich denke, es ist in erster Linie Aufgabe der Erziehungs- und verwandter Wissenschaften, sich mit Nutzen und Risiken digitaler Medien auseinanderzusetzen. Die Frage ist doch, ob und unter welchen Bedingungen die Nutzung digitaler Medien Wissen, Kompetenzen und Werte vermittelt – oder gefährdet. Die Wirkung der digitalen Medien ist zweifelsohne eine resultierende aus einer Vielzahl von Prozessen im Gehirn, die Gegenstand der Psychologie und der Neurowissenschaften sind. Doch diese arbeiten zwangsläufig mit stark vereinfachten Modellen, wenn sie die prinzipiellen Mechanismen aufklären wollen. Zu glauben, wir könnten hier aus einzelnen Erkenntnissen bereits die Wirkung digitaler Medien auf das komplexe System Gehirn ableiten, ist schlicht naiver Reduktionismus.

Madeja: Wenn wir von Verhaltensänderungen sprechen, geht es um den ganzen Menschen und nicht nur um die Prozesse im Gehirn. Ob das Gehirn das Verhalten des Menschen vollständig bestimmt, ist eine offene Frage, die naturwissenschaftlich nicht beantwortet werden kann. Obschon die Hirnforschung daher die Frage nach der Ursache von Verhaltensänderungen bei Nutzern digitaler Medien nicht abschließend erklären kann, gibt sie uns doch zumindest Hinweise, welche gewohnten Erklärungen wir noch einmal infrage stellen sollten.

Wenn das Verhalten des Menschen nicht vollständig vom Gehirn gesteuert wird, welche anderen Einflüsse kommen infrage?

Madeja: Es geht grundsätzlich darum, dass der Anspruch, etwas durch eine einzige Erkenntnisdisziplin – wie Philosophie, Intuition oder eben auch Hirnforschung – allein erklären zu wollen, viele unserer Erkenntnismöglichkeiten außer Acht lässt. Ob der Glaube an Gott auch dazugehört, ist eine Frage, die man nur für sich selbst, aber nicht naturwissenschaftlich beantworten kann. Für mich persönlich gehört er dazu.

Thier: Die Frage ist für mich nicht, ob das Verhalten des Menschen vom Gehirn gesteuert wird oder nicht, sondern die, was die Neurowissenschaft erklären kann. Ich bin überzeugt, dass alle Facetten menschlichen Verhaltens und der Eigenschaften der Persönlichkeit, inklusive des Treffens von Entscheidungen, auf Hirnprozesse zurückgeführt werden können. Die Hirnforschung ist aber weit davon entfernt, eine befriedigende Beschreibung komplexerer Leistungen anbieten zu können. Das stellt aber keineswegs infrage, dass komplexe kognitive Leistungen etwas anderes wären als Produkte unserer Gehirne.

Gibt es Erkenntnisse der Hirnforschung, die für uns beim täglichen Umgang mit Medien hilfreich sein könnten?

Madeja: Die Hirnforschung kann der Pädagogik Hinweise geben. Sie hat beispielsweise gezeigt, dass beim Erlernen von Schriftsprache im Kindergarten das Lernen am Computer zum Aufbau desselben funktionellen Hirnsystems – des "Visual Word Forming System" – führt, wie wir es auch vom traditionellen Erlernen der Schriftsprache kennen. Mit solchen Untersuchungen gibt die Hirnforschung der Pädagogik den Hinweis, dass Computergebrauch von Kindern nicht zwangsläufig zur Verdummung führt und dass es Dinge gibt, die man sinnvoll auch mit dem Computer lernen kann.

Thier: Die Hirnforschung gibt uns eine Reihe von Hinweisen, die bessere Medienangebote ermöglichen. Denken Sie etwa an den aktuellen Trend, Fernseh- und Computermonitore zu produzieren, die einen Tiefeneindruck ermöglichen und den Betrachter gewissermaßen in die Mitte des Geschehens versetzen. Oder nehmen sie die Illusion einer Eigenbewegung, die durch großflächige, das ganze Gesichtsfeld einnehmende Filmbilder ausgelöst wird. Es handelt sich um Seherfahrungen, die von intensiven Gefühlen und Reaktionen begleitet werden. Hier wird die Kenntnis bestimmter neurobiologischer Grundlagen des Sehens in der Praxis genutzt. Wir kennen die Mechanismen, die unser Gehirn anwendet, um uns einen Sehraum mit Tiefe vorzugaukeln, obgleich unsere Augen uns flache Bilder anbieten und wir wissen, was wir unserem Gehirn anbieten müssen, damit es Eigenbewegung meldet. Es ist die junge Disziplin der Neuroästhetik, die Fragen nach den neurobiologischen Grundlagen ästhetischer Empfindungen stellt.

Sind die Wirkungen der digitalen Medien auf die Nutzer in jedem Lebensalter gleich?

Madeja: Kinder können mit der Information aus digitalen Medien schlechter umgehen als Erwachsene, vermutlich weil verschiedene Teilsysteme des Gehirns noch nicht ausgereift sind. Untersuchungen bei Kindern zeigen unter anderem ein erhöhtes Risiko für schlechtere Schulleistungen und Schlafstörungen, wenn viel Zeit vor Bildschirmen verbracht wird. Pädiater empfehlen daher, Kleinkindern nicht Computern oder Fernsehen auszusetzen und bei älteren Kindern die Zeit zu limitieren. Ein totales Verbot ist aber nicht angezeigt, denn Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen.

Thier: Relativ spät reifen jene Areale unseres Gehirns, die wir benötigen, um langfristige Ziele verfolgen zu können. Daher sind Kinder empfänglich für alles, was eine unmittelbare Befriedigung verspricht – zum Beispiel ein gut gemachtes Videospiel.

Sind digitale Medien auch etwas für alte Menschen?

Madeja: Bei der Diskussion über mögliche Risiken sollte man nicht übersehen, dass sie bei älteren Menschen vorwiegend positive Effekte haben. Internet und E-Mail können ihnen helfen, der Vereinsamung entgegenzuwirken und über das Leben um sie herum informiert zu bleiben. Zudem gibt es erste Hinweise, dass das Surfen der Alzheimer-Erkrankung vorbeugen kann.

Thier: Digitale Medien werden eine zunehmende Bedeutung in der Reha von Demenz-Patienten erhalten. Studien belegen, dass Demenz-Patienten vom Training in virtuellen Umgebungen profitieren, die auf den Grad der Erkrankung abgestimmt werden können. Sie erlauben etwa das Trainieren von Anforderungen im Alltag.

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