03.01.13

Exklusiv

Rechnungshof-Chefin – Senat spart an der falschen Stelle

Kaputte Straßen, unsanierte Schulen: Berlins Infrastruktur wird laut Präsidentin Claßen-Beblo wegen der Schuldenabbau-Pläne vernachlässigt.

Foto: Sergej Glanze

Marion ClaßenBeblo fürchtet, „dass Berlin auf Kosten der Substanz leben wird“
Marion ClaßenBeblo fürchtet, "dass Berlin auf Kosten der Substanz leben wird"

Die Präsidentin des Landesrechnungshofes, Marion Claßen-Beblo, hat dem Senat vorgeworfen, nicht genügend Geld in die Infrastruktur Berlins zu investieren. Mit 1,4 Milliarden Euro pro Jahr wolle die Landesregierung auch in Zukunft nur rund sechs Prozent des Landeshaushaltes für Investitionen aufwenden, gleichzeitig flößen jedoch zehn Prozent in den Schuldendienst.

Das sei ein "ungünstiges Verhältnis, sagte die Rechnungshof-Chefin der Berliner Morgenpost: "Der Investitionshaushalt ist für die Konsolidierung genutzt worden. Das ist bedenklich." Die Zahlen ließen befürchten, "dass Berlin auf Kosten der Substanz leben wird", sagte Claßen-Beblo. "Straßen werden nicht gepflegt, Schulen nicht saniert, und immer mehr Bürger werden klagen, weil sie auf kaputten Bürgersteigen Schaden genommen haben. Damit wird ein Investitionsstau für die Folgejahre produziert."

Nach Ansicht der unabhängigen Aufseherin über das Finanzgebaren des Senats und der Behörden werde die Lage noch dadurch verschärft, dass viele Investitionen im Haushaltsvollzug nicht wie geplant erfolgten. Tatsächlich rechnet Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) damit, dass im Jahr 2012 fast 200 Millionen Euro, die für Investitionen vorgesehen waren, nicht ausgegeben worden sind. Auch deshalb hatte Nußbaum kürzlich in Aussicht gestellt, schon für das abgelaufene Jahr einen ausgeglichenen Haushalt ohne neue Schulden erreichen zu können. Die Endabrechnung steht jedoch noch aus.

Skeptisch über Pläne zur Rekommunalisierung

Die Präsidentin warnte die Landespolitik auch, angesichts der verbesserten Einnahmesituation des Landes den Konsolidierungskurs zu verlassen. "Es gibt viele Risiken", sagte die frühere Richterin, die vor zwei Jahren an die Spitze des Rechnungshofes gewählt wurde, nachdem die SPD-Politikerin Hella Dunger-Löper im Abgeordnetenhaus die notwendige Mehrheit verfehlt hatte. Allein wenn der Zinssatz für die 63 Milliarden Euro Landesschulden nur um 0,5 Prozentpunkte anstiege, würde das 32 Millionen Euro an zusätzlichen Ausgaben bedeuten. Wären die Kreditkosten heute so hoch wie 2001, würde Berlin statt 2,2 Milliarden Euro 3,3 Milliarden dafür aufbringen müssen. "Wenn man sich in Europa umschaut, kann man sehen, was zu hohe Schulden bewirken", sagte Claßen-Beblo.

Sie äußerte sich zudem skeptisch über die zahlreichen Pläne zur Rekommunalisierung der Wasserbetriebe und der Energienetze sowie zum Aufbau von Stadtwerken. Es sei sicher, dass nicht alles "politisch vielleicht Wünschenswerte" ohne zusätzliche Risiken für den Landeshaushalt finanziert werden könne, sagte Claßen-Beblo an die Adresse der SPD. Gerade in der größten Regierungspartei gibt es viele, die eine Ausweitung der ökonomischen Tätigkeit der Stadt auch als Quelle für zukünftig steigende Einnahmen darstellen.

Claßen-Beblo fordert eine Schuldenbremse für Berlin

Der Rechnungshof fordert zudem, eine Schuldenbremse, wie sie im Grundgesetz ab 2020 für ganz Deutschland vorgeschrieben ist, auch in der Landesverfassung zu verankern. Es wäre wichtig, jetzt schon das Bewusstsein bei Politikern und Bürgern dafür zu schärfen, dass Berlin den harten Konsolidierungskurs weiter gehen müsse, sagte die Präsidentin. "Die hierfür notwendige breite Zustimmung in der Gesellschaft erreicht man nur, wenn das Thema im Parlament erörtert wird und dann die neue Schuldenregel mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen wird." Bisher hatte vor allem die SPD eine solche Verfassungsänderung, die auch die Grünen gefordert hatten, abgelehnt.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Endspurt: Die Baukräne am Kapelle-Ufer drehen sich für das Bildungsministerium. Es soll 2014 fertig sein.
19:38Baustellen
Es geht voran - In Berlin werden doch Großprojekte fertig

Eines der größten Bauvorhaben des Bundes in Berlin geht in die Zielgerade. Für den Neubau des Innenministeriums wurde jetzt Richtfest gefeiert. Auch andere große Bauvorhaben in Mitte kommen gut voran. mehr...


Sängerin Beyoncé ist in der O2 World in Friedrichshain zu Gast
18:54Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Donnerstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Donnerstag, den 23. Mai. mehr...


Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß war von der großen Mehrheit für seinen Vorschlag selbst überrascht
20:11Landespolitik
Berliner SPD-Vorstand billigt Bundestagsliste von Jan Stöß

Erfolg für den SPD-Landesvorsitzenden Jan Stöß: Der Landesvorstand hat am Mittwochabend seinem Vorschlag für die Bundestagsliste mit großer Mehrheit zugestimmt. Spitzenkandidatin soll Eva Högl werden. mehr...


Tiger Lampun ist ein beeindruckender Bewohner des Tierparks. Doch auch die Tierhaltung macht dort Probleme
18:13Friedrichsfelde
Viele Tiere sollen aus dem Tierpark weichen - damit er bleibt

Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling will den Tierpark in Friedrichsfelde verkleinern. Sie bringt Bewegung in die Debatte um die Zukunft des Hauses. Das wird auch Zeit: Mitarbeiter wollen streiken. mehr...

Leser-Kommentare 2 Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote