03.01.13

Thierse-Schelte

Warum Schwaben in Berlin doch integriert sind

Wachsende "Schwaben-Feindlichkeit": Der Chef des Kulturfestivals "Schwabiennale" in Berlin antwortet auf die Attacke von Wolfgang Thierse.

Foto: picture alliance / Wolfram Stein

"Berlin doesn’t love you" - (Berlin liebt Dich nicht): I "Szenestadtteilen" ist in den letzten Jahren eine Feindschaft gegen Touristen und Neuzugezogene gewachsen
"Berlin doesn't love you" - (Berlin liebt Dich nicht): I "Szenestadtteilen" ist in den letzten Jahren eine Feindschaft gegen Touristen und Neuzugezogene gewachsen

Ich weiß noch ganz genau, was ich als erstes dachte, als ich von Wolfgang Thierses Ausführungen zum Schwabentum in Berlin hörte: Das ist ja sehr interessant, dass ausgerechnet ein Mann, der so viel von Integration und Toleranz spricht, jetzt auf die Schwaben in der Hauptstadt losgeht.

Integration ist ja kein Gegenstand von Worten, sondern von Handlungen: Man muss sie aktiv betreiben und auch dafür aufgeschlossen sein, von beiden Seiten aus. Wir haben mit unserem Kulturfestival "Schwabiennale" genau das im vergangenen Oktober getan; wir haben auf all die Anfeindungen reagiert, die nun einmal im Umlauf sind. Und zwar dramatisch, literarisch, musikalisch – und auch lukullisch.

Auf ähnliche Weise bin ich auch mit Herrn Thierse umgegangen: Er sagt, dass er auf seinem Markt im Prenzlauer Berg keine Schrippe mehr kaufen könne, weil das da jetzt schwäbisch "Wecke" heiße. Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben und ihn gefragt, ob wir nicht einmal gemeinsam zu Abend essen wollen. Unser Motto der Schwäbischen Kulturwoche war: "Hassen dürft ihr uns, aber erst wird gevespert, also zünftig zu Abend gegessen!"

Der Spruch gilt immer. Herr Thierse kann von mir erfahren, dass die süddeutsche Küche sehr schmackhaft ist. Überall, wo die alten Römer waren, ist das der Fall – und hier oben im Norden waren die Römer nun einmal nicht. Da profitiert das Land doch von den Einwanderern aus dem süddeutschen Raum, wobei ich da ausdrücklich nicht nur Schwaben mit meine.

Wenn Herr Thierse dann noch von einem "Pflaumendatschi" spricht, dann redet er von etwas, das eindeutig aus bayerischen oder österreichischen Landen stammt. Er ist also für das Schlachtfeld, auf das er sich begibt, gar nicht so gut gerüstet. Ich hoffe, meine E-Mail hat Herrn Thierse erreicht.

Viele fühlen sich als Berliner

Wobei Hass natürlich ein sehr großes Wort ist. Ich lebe seit 33 Jahren in Berlin, ich fühle mich hier bestens integriert, es ist alles ganz prima. Verlassen habe ich meine Heimat, weil es mir ein wenig zu eng geworden war. Wie so viele Schwaben fühle ich mich inzwischen in erster Linie als Berliner. Das wird ja wohl erlaubt sein! Die Stadt hat mich schon immer sehr fasziniert. Als die Mauer noch stand, war es ohne jeden Zweifel die intellektuell stimulierendste Stadt Deutschlands, man hat hier wirklich ums Überleben gerungen.

Dann nach dem Mauerbau, dieses Diffuse, alles war offen, alles prallte aufeinander, die Energie brodelte nur so. Und nun ist Berlin endgültig zum Magneten für Menschen von überall aus allen Altersklassen geworden, also auch für Schwaben. Wenn ich momentan persönlich auf mein Leben in Berlin zurückblicke, dann kann ich nur sagen: Bis jetzt habe ich mich gar nicht als Exilant gefühlt. Das ist doch wunderbar, all die Menschen, all die Sprachen, all die Dialekte, man kann sich hier durch die Weltspeisekarte fressen – was soll da dieses aktuelle Klein-Klein?

Ich habe die Stimmung gegen Schwaben am Anfang gar nicht ernst genommen. Leider muss ich feststellen, dass die Anfeindungen in den vergangenen Jahren schlimmer geworden sind. Natürlich finde ich es überhaupt nicht akzeptabel, an Hauswänden Dinge wie "Schwaben raus" oder gar "Tötet Schwaben" lesen zu müssen. Oder der Fall des Schwabenhassers, der vergangenes Jahr vor Gericht stand, weil er im Hausflur Kinderwagen angezündet hat. Das sind grenzwertige Situationen, keine Frage. Gerade momentan erreichen mich natürlich viele Anrufe aus Schwaben, die Leute reagieren schon mit Unverständnis.

Ich habe denen gesagt, dass wir hier jetzt erst recht mit unseren Bemühungen um die schwäbische Kultur weitermachen. Vielleicht mag das Land Berlin uns ja jetzt etwas unterstützen. Der Vorwurf, der mich und meine Landsleute trifft, ist doch: Die kommen hierher und gestalten die ganze Stadt nach ihren Vorstellungen um. Wenn ich aber noch einmal auf ein Beispiel wie die Küche zurückkommen darf: Ich habe Ende der 90er-Jahre bemerkt, dass die schwäbische Gastronomie in Berlin aufblüht. Ich habe das als positives Zeichen aufgefasst. Überall, an wirklich bald jeder Ecke, werden Spätzle und Maultaschen angeboten. Ganz sicher ist das so – aber die schwäbische Küche hätte sich doch wohl nicht durchgesetzt, wenn sie nicht sehr vielen Leuten schmecken würde.

Den Schwaben in sich wegdrücken

Und eines wollen wir auch einmal festhalten: Nur weil Miethaie, Baulöwen und sonstige Okkupatoren automatisch mit Schwaben gleichgesetzt werden, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch wirklich welche sind. Ich kenne in allen Bereichen, die mit der Gentrifizierung in Verbindung gebracht werden, auch Hannoveraner, Hamburger, Engländer, Amerikaner, Bayern, Österreicher und wer Ihnen gerade noch so einfällt. Es sind sehr viele, sehr unterschiedliche Leute am Werk. Aber wen wundert das? Die Stadt hat in den vergangenen Jahren sehr intensiv um Investoren geworben.

Jetzt sind sie da – und mal im Ernst: Das sollen alles ausnahmslos Schwaben sein? Wenn man vor allem von den schwäbischen Söhnen und Töchtern spricht, die sich als Selbstnutzer die Wohnungen von ihren Eltern zahlen lassen, dann könnte das daran liegen, dass meine Landsleute durch ihren Dialekt am meisten auffallen. Manche ziehen es gnadenlos durch: "Mer schwätzet, wie unsch des Maul g'wachse isch." Was sich aber auch wieder nicht verallgemeinern lässt; denn viele Leute, die aus dem Ländle hierher kommen, drücken den Schwaben in ihnen so gut wie es geht weg. Als ich zu den Theaterproben am Prenzlauer Berg unterwegs war, habe ich übrigens gar kein Schwäbisch, sondern fast ausschließlich amerikanisches Englisch gehört. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

Nun muss ich zugeben, dass ein schlechtes Image irgendetwas braucht, an dem es sich festmachen lässt. Und das erste, womit Schwaben immer wieder konfrontiert werden, ist unser angeblich krankhafter Geiz, die Kehrseite unserer Sparsamkeit. Es ist mühsam, sparsam zu sein, man muss was dafür tun. Der schwäbische Pietist ist aber nun einmal seit Jahrhunderten dazu erzogen worden: Er muss sich in seinem Leben ein Vermögen schaffen, damit er das dann auch weitergeben kann.

Das ist aber auch eine Art von Fluch. Ich habe als junger Mensch in Frankreich bereits gemerkt: Die nahmen ihr Geld, um ein Segelboot zu kaufen und vier Wochen Urlaub zu machen, meine Großeltern nahmen das Geld, um das Wohnzimmer neu zu tapezieren und das Haus neu zu weißen. Ich fand das natürlich absurd. Ich kann mir aber vorstellen, dass so eine Einstellung geneidet wird und auf diese Weise auch Klischees entstehen. Wenn man einen Sündenbock braucht, und den braucht man jetzt bei der Gentrifizierung, dann steht der Schwabe parat.

Berühmte Kehrwoche

Über Dinge wie die berühmte Kehrwoche machen wir uns in unserem Theater lustig. Auf der anderen Seite: Ich bin Miteigentümer in einem Haus in Charlottenburg, ein Fremder wischt das Treppenhaus, und das muss man bezahlen. In Schwaben hab ich gelernt, wie man das selber macht: Man ist auf Knien die Treppe runter und hat gescheuert. Irgendwie muss es ja gemacht werden. Wenn's gut gemacht wurde, war's "recht", bitte keine Superlative.

Erinnern würde ich die Berliner gerne noch daran, dass die Sueben, das schwäbische Urvolk, bereits um 500 die brandenburgische Platte besiedelt haben. Auch die Hohenzollern kamen ursprünglich aus meiner Heimat – wer weiß also, ob unsere Liebe zu Berlin nicht tief genetisch verwurzelt ist? Und im Berlin der Gegenwart sind viele mittelständische Unternehmen ansässig geworden – Firmen, deren Namen man gar nicht kennt, die aber weltweit unterwegs sind. Da profitiert die Hauptstadt ganz sicher in höchstem Maße. Von den vielen Dienstleistungen, die Schwaben außerhalb ihrer Heimat besonders gut erbringen, einmal ganz abgesehen.

Wie wäre es denn mit Folgendem? Es herrscht hoffentlich Übereinstimmung darüber, dass wir momentan von einem Krisenjahr ins nächste gehen. Da sollte uns allen gemeinsam ein bisschen mehr einfallen, als auf die Schwaben in der deutschen Hauptstadt zu schimpfen. Aber egal, was kommen mag: Zuerst wird gevespert!

Der Autor ist Schauspieler, Regisseur und Initiator der Website "Schwaben-in-Berlin". Er richtet unter anderem das schwäbische Kulturfestival "Schwabiennale" aus. Der Text wurde aufgezeichnet von Philip Cassier.

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Nerven die Schwaben oder nicht? Nerven die Schwaben in Berlin oder sind sie eine Bereicherung?

  • 29%

    Ja, die Schwaben nerven. Sie sollten sich besser an die Berliner Verhältnisse und Sprache anpassen.

  • 33%

    Nein, Berlin kann die Schwaben gut gebrauchen. Sie sind eine Bereicherung für die Hauptstadt.

  • 5%

    Natürlich nerven sie nicht. Ich bin selber Schwabe und lebe in Berlin.

  • 33%

    Das ist mir egal, jeder soll nach seiner Fasson selig werden.

Abgegebene Stimmen: 189
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