31.12.12

Schwaben in Berlin

Schwaben schlagen zurück – Thierse ein "Zickenbart"

Der Bundestagsvizepräsident hat im Interview mit der Morgenpost seinen Frust über Schwaben in Berlin rausgelassen. Jetzt hagelt es Kritik.

Foto: dapd

Ärgert sich über „Wecken“ und „Pflaumendatschi“ in Berlin: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse
Ärgert sich über "Wecken" und "Pflaumendatschi" in Berlin: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse

Nach der Schwaben-Schelte des Berliner Bundestagsabgeordneten Wolfgang Thierse (SPD) wettern Baden-Württemberger zurück.

Grünen-Chef Cem Özdemir, der sich selbst "anatolischer Schwabe" nennt, sagte der "Bild"-Zeitung, viele Schwaben kämen zum Arbeiten nach Berlin. "Die Berliner sollen uns Schwaben dankbar sein und nicht über uns lästern wie Herr Thierse." EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) erklärte: "Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein."

Der Bundestagsvizepräsident, der seit 40 Jahren in Prenzlauer Berg wohnt, hatte sich im Interview mit der Berliner Morgenpost über die zahlreichen zugezogenen Schwaben in seinem Heimatbezirk ausgelassen.

Thierses Ärger über "Wecken" statt "Schrippen"

"Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken", sagte er. "In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen." Ebenso störe es ihn, wenn ihm in Geschäften "Pflaumendatschi" angeboten würden. "Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen", sagte Thierse der Morgenpost.

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) ging den ostdeutschen SPD-Politiker Thierse persönlich an. "Die Schwaben in Berlin passen zum modernen Deutschland weitaus besser als mancher pietistische Zickenbart", erklärte Niebel, der Spitzenkandidat der baden-württembergischen FDP ist.

EU-Energiekommissar und Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Oettinger (CDU), konterte in der "Bild"-Zeitung: "Ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich. Denn wir zahlen da ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich ein."

Die baden-württembergische ver.di-Chefin und SPD-Vize Leni Breymaier entgegnete ihrem Parteifreund in Stuttgart: "Wir in Baden-Württemberg profitieren sehr von unseren Migranten. Auch beim Essen. Das tut den Berlinern auch gut."

Schriftstellerin Gaby Hauptmann meinte, die Schwaben seien in der Hauptstadt hoch angesehen. "Wenn der Herr Thierse das nicht versteht, macht er was falsch."

Der SPD-Abgeordnete hatte von den zugezogenen Schwaben ein grundsätzliches Umdenken gefordert: "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", schimpfte Thierse. "Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause – das passt nicht zusammen."

Schwaben-Hasser zündete Kinderwagen an

Schon länger waren in Berlin in aller Öffentlichkeit Proteste gegen Schwaben lauter geworden. Der Begriff "Schwabe" gilt in Prenzlauer Berg inzwischen sogar als Schimpfwort. Schlagzeilen löste ein Brandstifter aus, dem zunächst vorgeworfen worden war, aus "Schwaben-Hass" einen Kinderwagen angezündet zu haben. Vor Gericht bestritt er dieses Motiv. Aber zu Verstimmungen kam es auch wegen Plakaten und Wand-Schmierereien wie "Schwaben raus".

Thierse wird sich im kommenden September nach 22 Jahren Abgeordnetentätigkeit nicht mehr zur Wahl in den Bundestag stellen. Er muss also keinen politischen Schaden durch seine Äußerungen fürchten.

Quelle: dpa/bee
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