31.12.12

Musiker-Vita

Wie Dury De Bagh mit seiner Gitarre nach Berlin kam

Mit 14 fälschte der Iraker seinen Ausweis und floh später über die Türkei und Griechenland nach Berlin. Dabei war immer seine Gitarre.

Von Til Biermann
Quelle: BMO
30.12.12 2:08 min.
Mit 14 Jahren floh Dury De Bagh aus Bagdad. Seitdem ist der inzwischen 28 Jahre alte Musiker auf Reisen. Im Morgenpost-Video spielt der Wahl-Berliner vor. Quelle: Axel Springer Akademie.

Ein bärtiger Sänger mit Gitarre steht auf der kleinen Bühne eines ehemaligen China-Restaurants in Neukölln. Italiener haben hier eine jener neuen Hipster-Kneipen eröffnet, die in letzter Zeit den Kiez bereichern. Begleitet von einem Posaunisten aus dem französischen La Réunion und einem Kreuzberger Kastentrommler singt er spanische Gypsy-Lieder – "rumba gitana". Seine weißen Zähne blitzen im Halbdunkel, ein Hut bedeckt seinen Kopf. Die zuerst noch lauten Italiener im Publikum sind verzaubert und tanzen. Beim nächsten Song kommen andere, fremdere Laute aus seinem Mund – arabische Berbermusik im Flamenco-Stil.

Sein Name: Dury De Bagh. Der 28-Jährige, dessen Familie seit babylonischen Zeiten in Bagdad ansässig ist, floh mit 14 Jahren aus seiner Heimatstadt und ist seitdem auf Reisen. Ähnlich den "Gitanos", den Gypsys, deren Musik er spielt und die auf ihrer viele Jahrhunderte dauernden Reise aus Indien nach Europa einen ganz ähnlichen Weg genommen haben wie er. Denn seit 2009 lebt De Bagh in Berlin, in der Stadt, die er lieben gelernt hat.

In einem Kaffee-Haus am Checkpoint Charlie erzählt der passionierte Wein- und Kaffeetrinker mit wachen Augen und leiser Stimme seine außergewöhnliche Lebensgeschichte.

Mit 14 Jahren den Ausweis gefälscht

"Ich wurde 1984 im Irak geboren. Alle meine fünf älteren Brüder mussten viele Jahre zur Armee. Als ich 14 war, entschloss ich mich zu fliehen, um dem zu entgehen", sagt De Bagh. Der schon damals im Zeichnen begabte Künstler fälschte sich Ausweispapiere. Eine "weiße Lüge", wie er sagt, also eine nicht bösartige Täuschung, um sein Leben zu schützen – sein bester Freund, der im letzten Moment vom Fluchtplan absprang, sollte 2003 als Soldat im zweiten Irak-Krieg umkommen.

Der junge De Bagh kam dann zunächst bei den Kurden im Norden des Landes unter, wo er zur Gitarre die "Maqam"-Musik seiner Heimatstadt darbot, um sich etwas Geld zu verdienen. Denn das Singen hatte er bereits als Muezzin seines Viertels gelernt, wo er als Zehnjähriger mit seiner Kinderstimme für die Gläubigen das "Allahu Akbar" in den Himmel gerufen hatte.

Europa als gelobtes Land

Nach einem Jahr im Norden trieb es ihn wieder zur Familie nach Bagdad zurück, doch das Reisefieber hatte ihn gepackt. In den nächsten Jahren versuchte er immer wieder, über Syrien und die Türkei nach Griechenland zu gelangen, ins "gelobte Land" Europa. "Ich wollte in Freiheit leben", sagt De Bagh dazu, der sich dann von 2002 bis 2009 in Damaskus in Syrien aufhielt und von dort aus seine Streifzüge gen Westen startete.

2004, kurz nach dem Krieg in der Heimat, schaffte er es – fast. "Sieben Tage lief ich mit Gefährten aus der Türkei nach Griechenland. Wir durchschwammen einen reißenden Fluss, bei dem ich Angst hatte, dass ich erst in Ägypten wieder ans Land kommen würde. Doch in einem Vorort von Saloniki schnappten uns griechische Grenzer und ich wurde wieder in die Türkei abgeschoben." Seine zuvor in Syrien für 40 Dollar gekaufte Gitarre, die er nun durch Berlin schleppt, hatte er stets dabei – oder, wenn nötig wie bei seiner Flucht, bei Freunden in Istanbul untergebracht. Diese Gitarre war es, die ihn ernährte. Sein ganz eigener Stil entwickelte sich währenddessen weiter mit den vielen Eindrücken, die er auf seiner Reise bekam. Mit den neuen Kniffs und Griffen, die ihm unter anderem von "Gitano"-Musikern gezeigt wurden, die er im Selbststudium verinnerlichte. "Ich transformiere meine Erlebnisse in die Musik. Traurig und glücklich zugleich."

Ernährt von seiner Gitarre

In seiner Basis Damaskus lebte De Bagh im Laufe jener Jahre von dem Geld, das er mit seinen Auftritten in Restaurants und auch Konzerten in den Nachbarländern Libanon, der Türkei und Jordanien verdiente. Hier fand er Fans seines Bagdad-Stils, denn irakische Musik gilt im arabischen Raum als tonangebend. Nebenbei lernte er Spanisch, das er nun singt. So entkam er dem zweiten Irak-Krieg und seinen schlimmsten Nachwehen im Heimatland. 2005 kehrte er jedoch noch einmal für zwei Monate nach Bagdad zurück, um seine Familie zu besuchen. "Ich kam vom Markt, stand an der Bushaltestelle gegenüber eines Rekrutierungsbüros der neuen irakischen Armee", erinnert er sich. "Es war merkwürdig still. Plötzlich kam wie aus dem Nichts ein fremder Mann und sagte mir: 'Die Bushaltestelle ist jetzt dahinten, hinter der Brücke". Ich ging in die Richtung und kurze Zeit später raste ein mit TNT gefüllter Wagen in das Rekrutierungsbüro, vor dem ich gerade noch gestanden hatte. Ich wurde durch die Druckwelle umgeworfen und konnte zwei Tage lang nicht hören, es gab über 30 Tote." De Bagh glaubt, dass ihn dort wie bei seiner Flucht durch den reißenden Fluss seine "Chamsa" gerettet hat. Eine kleine silberne Hand, die er an einem Kettchen am Unterarm trägt und die Glück bringen soll: "Ich dachte danach, vielleicht gibt es auf dieser Welt noch was für mich zu tun, eine Aufgabe. Ich bin ein Glückskind!" Dann fügt er hinzu: "Religiös bin ich in meiner Musik. Ich glaube an schöne Energien, wie sie auch in meinen Liedern manchmal zu spüren sind."

Gypsy-Musik im Bagdad-Style

2009 kam Dury De Bagh dann nach Berlin – der Liebe wegen. "Ich bekam ein Visum, weil ich von meiner damaligen Freundin eingeladen wurde." Mittlerweile hat er eine Aufenthaltsgenehmigung und zieht mit seiner Gitarre durch die Bars der Hauptstadt, tritt bei Hochzeiten auf, spielt auf Brücken und Plätzen. So kommt er auf drei bis vier Auftritte die Woche. Und er komponiert und spielt auch live im TAK-Theater in Kreuzberg, etwa vom 24. bis zum 26. Januar im Stück "Rituale, Zeichen, Veränderungen". Leute erkennen ihn mitunter auf der Straße, klopfen ihm auf die Schulter, loben ihn für seine schöne Musik: "Ich liebe Berlin, es ist wie eine Insel in Deutschland, anders als der Rest des Landes", sagt De Bagh. Außerdem arbeitet er nun in einem Studio an seinem ersten eigenen Album: "Ich habe elf Songs, einen spanischen und zehn arabische. Ich singe Gypsy-Musik, aber im Bagdad-Style." Nur ein Label sucht er noch für sein Album, das im Januar erscheinen soll. Darauf sollen auch jene Muezzin-Gesänge sein, die er als Zehnjähriger in Bagdad vom Minarett erklingen ließ – von der Rumba-Gitarre begleitet.

Wer Dury De Bagh mal live hören und sehen will, sollte insTAK-Theater oder ins "Al Hamra" Café in der Raumerstraße 16 in Prenzlauer Berg kommen. Dort spielt der Künstler Montagabend und sonst regelmäßig sonntagabends mit seiner Band.

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