27.12.12

Pfandbons-Fall

Kassiererin "Emmely" muss sich bei ihren Kunden abmelden

Barbara Emme war wegen Leergutbons für 1,30 Euro gekündigt worden. Jetzt hat die Berlinerin ihre Erlebnisse in einem Buch festgehalten.

Foto: dapd

Heute strotzt Barbara Emme vor Selbstbewusstsein. Die Kassierin hat argumentieren und beobachten gelernt. Aus relativer Zurückgezogenheit ist aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geworden
Heute strotzt Barbara Emme vor Selbstbewusstsein. Die Kassierin hat argumentieren und beobachten gelernt. Aus relativer Zurückgezogenheit ist aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geworden

Der Berlinerin "Emmely" geht es gut. Soeben hat sie ihre Frühschicht in einer Kaiser"s-Filiale beendet. Jetzt sitzt die 54-Jährige mit dem Klarnamen Barbara Emme in Prenzlauer Berg bei ihrem Anwalt Benedikt Hopmann. Jenem Juristen, der für sie die Rückkehr an den Arbeitsplatz erkämpfte und damit deutsche Rechtsgeschichte schrieb. Beide haben jetzt ihren gemeinsamen Weg in ein Buch gepresst.

"Emmely" war im Februar 2008 nach 31 Dienstjahren von Kaiser"s fristlos gekündigt worden, weil sie zwei Leergutbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte, die jemand in der Filiale in Berlin-Hohenschönhausen liegen gelassen hatte. Im Jahr 2010 erklärte das Bundesarbeitsgericht in Erfurt diese Kündigung für unwirksam. Kaiser"s musste die Kassiererin weiter beschäftigen.

Es ist eine neue "Emmely", die da heute sitzt. Wer sie während des zweieinhalb Jahre währenden Arbeitskampfes daheim im Plattenbau besuchte, begegnete einer durch zwei Kündigungen verunsicherten Person, die von einer Seite als Diebin und Aufwieglerin am Arbeitsplatz dargestellt wurde. Und aus der auf der anderen Seite zunehmend links orientierte Gruppierungen eine Gallionsfigur formten.

Heute strotzt Barbara Emme vor Selbstbewusstsein. Die Kassierin hat argumentieren und beobachten gelernt. Aus relativer Zurückgezogenheit ist aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geworden. Zur schlagfertigen Berliner Schnauze ist ein geschärftes politisches Bewusstsein hinzu gekommen. Dabei macht sie beruflich "nur" das, was sie auch vor der Kündigung tat: kassieren.

Emme muss Kunden Bescheid sagen

Mit ein paar Unterschieden. "Wenn ich einmal längere Zeit nicht im Betrieb bin, muss ich mich bei meinen Kunden abmelden", sagt sie schmunzelnd. Regelmäßig werden Autogrammwünsche und auch kleine Präsente an sie heran getragen.

Die Kunden wollen manchmal ausdrücklich von ihr bedient werden. "Das ist toll. Daran haben sich auch die Kollegen gewöhnt, das ist Alltag", berichtet Emme. Inzwischen werde die Kundschaft in Sachen Pfandbons an sie verwiesen. "Das gehört jetzt dazu. Das wird mir wohl ein Leben lang anhängen", sagt Emme.

Aber die Unterstützung der neuen Kollegen in der Filiale im Lindencenter nahe dem S-Bahnhof Hohenschönhausen unweit ihrer Wohnung war nicht immer selbstverständlich. "Am Anfang reagierten sie sehr verhalten auf mich. Die Kollegen wussten ja nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Immerhin waren Gerüchte gestreut worden, unter anderem, dass ich Kollegen anschwärze. Da habe ich einfach nur gezeigt, dass ich arbeiten kann. Ich habe einfach nur mit meiner Person überzeugt", sagt die Kassiererin und fügt gerührt an: "Seitdem ist alles wieder in Sack und Tüten."

Aus Skepsis der neuen Kollegen wurde Anerkennung

Beispielsweise haben die Kollegen neidlos akzeptiert, dass Emme ein gefragter Diskussionsgast ist, wenn es um soziale Fragen geht. Oder, dass sie regelmäßig Frauen zu Gerichtsterminen begleitet, die ähnliche Schwierigkeiten haben wie sie einst.

Auch Hopmann profitiert als Anwalt für solche Fälle. Emmes Aktivitäten reichen von einer Anfrage für die Betriebsratswahlen als Vertrauensfrau bis zu einer Reise nach Venezuela, wo sie auf der Weltfrauenkonferenz sprach.

"Eigentlich müsste ich sagen: Dankeschön, Herr Kaiser, dass ich so viel erleben durfte. In meinem normalen Arbeitsalltag hätte ich das nie geschafft", sagt Emme. Hopmanns Fazit zum Sieg lautet: "Dieser Erfolg hat Emmely gut getan und mir gut getan. Das ist ein bedeutsamer Fall: Bis dahin wurden Bagatellkündigungen genutzt, um besonders ältere und missliebige Kollegen aus dem Betrieb zu werfen." Dem sei nun ein Riegel vorgeschoben.

Emmes alte Kaiser"s-Filiale gibt es übrigens nicht mehr. Und noch etwas hat sich geändert: Hopmann und "Emmely" zufolge ist auf den Pfandbons der Supermarktkette inzwischen genau ablesbar, woher sie stammen. Die originalen Belege als Auslöser für all den Ärger und die Veränderungen hängen an der Wand der Kanzlei – gerahmt unter Glas.

"Emmely und die Folgen", VSA-Verlag. 95 Seiten. ISB-Nummer: 978-3-89965-516-2

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