22.12.12

Berlin

Geiselnahme in Zehlendorfer Bank unblutig beendet

Ein Geiseldrama hat am Freitag Berlin in Atem gehalten. Ein Bankräuber hatte einen Mann zehn Stunden lang in seiner Gewalt.

Von M. Behrendt, H. Nibbrig, P. Oldenburger und S. Pletl
Foto: dpa

Der Angeklagte Thomas D. auf der Anklagebank im Kriminalgericht Moabit in Berlin. Der 30-Jährige soll im Dezember 2012 in einer Filiale der Deutschen Bank einen Mitarbeiter als Geisel genommen haben.

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Ein Banküberfall mit Geiselnahme in Zehlendorf ist in der Nacht zu Sonnabend nach zehn Stunden unblutig zu Ende gegangen. Der Täter ergab sich gegen 1.20 Uhr nach stundenlangen Verhandlungen der Polizei, die den Mann festnahm. Auch die Geisel blieb unverletzt.

"Aber natürlich ist das eine psychisch belastende Situation", sagte ein Polizeisprecher. Der Angestellte der Bank wurde von einem Notarzt behandelt. Kriminaltechniker sicherten Spuren und untersuchten, ob der Täter Waffen oder Sprengstoff bei sich hatte.

Angaben zu dem Täter machte die Polizei zunächst nicht. Er wurde nach seiner Festnahme zum Landeskriminalamt gebracht. Im Laufe des Sonnabends soll er vernommen und dem Haftrichter vorgeführt werden.

Mit Bombe gedroht

Zuvor hatte sich der Banküberfall zu einem regelrechten Nervenkrieg entwickelt und einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Ein zunächst unbekannter Mann hatte am Freitagnachmittag die Filiale der Deutschen Bank nahe der Ecke zum Teltower Damm überfallen und einen Mitarbeiter als Geisel genommen.

Außerdem drohte er, das Gebäude mit einer Bombe zu sprengen. Der Tatort wurde weiträumig abgesperrt, was zu einem Verkehrschaos weit über das Zentrum von Zehlendorf hinaus führte.

Im Laufe des Nachmittags und Abends entwickelte sich ein Verhandlungsmarathon zwischen dem Täter und den Einsatzkräften. Spezialisten der Polizei nahmen von einem Reisebüro neben der Filiale aus telefonisch Kontakt mit dem Geiselnehmer auf und verhandelten bis in die Nacht mit dem Mann, ohne dass sich zunächst irgendetwas an der Situation änderte. Unklar war auch, ob der Mann tatsächlich im Besitz einer Bombe war und ob diese auch zündfähig war.

Spezialeinsatzkommando im Einsatz

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei betrat der Mann gegen 15.50 Uhr – kurz vor Geschäftsschluss – die Bankfiliale, bedrohte einen Angestellten und forderte die Herausgabe von Bargeld. Seine Forderungen untermauerte er mit der Drohung, eine Bombe detonieren zu lassen. Zwei weiteren Angestellten der Bank gelang es noch, durch einen Seiteneingang aus der Filiale zu flüchten, den dritten Mitarbeiter nahm der Bankräuber als Geisel.

20 weitere Mitarbeiter des Geldinstituts befanden sich zum Zeitpunkt des Überfalls in der oberen Etage und wurden von dem Täter nicht bemerkt. Sie konnten das Gebäude ebenfalls verlassen. Kunden befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Bank.

Bei der Geisel handelte es sich nach Polizeiangaben um einen 40 Jahre alten Mann aus dem Berliner Umland. Dessen Ehefrau, die sich schon gewundert hatte, warum ihr Mann nicht nach Hause kam, wurde von Psychologen betreut, hieß es aus Polizeikreisen.

Unmittelbar nachdem Mitarbeiter den Alarm ausgelöst hatten, rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an und sperrte den Tatort ab. Schwerbewaffnete Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) mit Helmen und schusssicheren Westen sicherten die unmittelbare Umgebung der Filiale. Auch Diensthunde und Techniker kamen zum Einsatz. Rund 300 Beamte waren vor Ort.

Nachdem es der Polizei gelungen war, Kontakt zu dem Bankräuber aufzunehmen, nannte der seine neuen Forderungen: eine Million Euro in bar und freien Abzug. Verhandlungsspezialisten der Polizei standen ständig in Kontakt zu dem Mann, über den Inhalt der Gespräche mit dem Geiselnehmer machte ein Polizeisprecher allerdings keine Angaben.

Straßensperren lösen Verkehrschaos im Berufsverkehr aus

Derweil lösten die Straßensperren ein Verkehrschaos im Feierabendverkehr aus. Der Teltower Damm war ab Rathaus bis zur Clayallee voll gesperrt. Die Clayallee selbst war bis zu dem Einkaufscenter Zehlendorfer Welle dicht. Der gesamte BVG-Busverkehr durfte die Kreuzung nicht passieren.

Busse der Linien X11, 115, 285 und 101 saßen vor der Kreuzung fest und konnten erst nach und nach wegfahren. An die 1000 Fahrgäste mussten am nahen Bahnhof Zehlendorf auf die S-Bahn umsteigen.

Am frühen Abend wurde die Absperrung rund um den Tatort an der Kreuzung Potsdamer Straße/Teltower Damm auf 500 Meter ausgeweitet. Mehrere Geschäfte und vor allem Restaurants wurden aufgefordert zu schließen. Man wolle möglichst wenig Unruhe in unmittelbarer Tatortnähe, um den Geiselnehmer nicht nervös zu machen, hieß es seitens der Polizei.

Gegen 19 Uhr schließlich gingen in der Nähe der Alten Dorfkirche Präzisionsschützen in Stellung, in das Geschehen am Tatort kam Bewegung. Vieles deutete auf einen bevorstehenden Zugriff der Spezialeinsatzkräfte hin, dann griffen die Beamten aber doch nicht zu.

Später am Abend forderte die Polizei nach Informationen des Fernsehsenders RBB die Tankstellenbetreiber in der Umgebung auf, ihre Notfallpläne abzurufen. Dabei werden die großen Tanks abgeschaltet – eine Vorsichtsmaßnahme, falls es doch zu einer Explosion in dem Gebäude kommen sollte.

Besucher des Weihnachtsmarkts bleiben unbeeindruckt

Vor Ort bot sich bis zur Ausweitung der Sperrung ein skurril anmutendes Bild: Während die Kreuzung und weite Teile der Hauptstraßen abgesperrt waren, klangen von der Dorfaue weihnachtliche Klänge herüber. Dort ist ein kleiner Weihnachtsmarkt aufgebaut, dessen Besucher von dem dramatischen Geschehen in der nahen Bankfiliale zunächst offenbar gar nichts mitbekamen.

Auch in den Geschäften außerhalb der Absperrungen ging zunächst alles seinen gewohnten Gang. Viele Passanten bemerkten lange gar nicht, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielte.

Eine Anwohnerin, der der Schrecken noch anzusehen war, berichtete der Berliner Morgenpost, dass sie nur durch Zufall zum Zeitpunkt des Überfalls nicht in der Bankfiliale war. Als langjährige Kundin hatte sie sich gegen 15.30 Uhr auf den Weg gemacht, um einem Mitarbeiter ein kleines Weihnachtsgeschenk zu bringen.

Ganz spontan entschied sie sich dann aber, vor dem Besuch der Bank noch einen anderen Einkauf zu erledigen. Als sie schließlich an der Filiale ankam, hatte die Polizei gerade mit der Absperrung des Tatortes begonnen.

Nachdem die Polizei den Sperrkreis auf 500 Meter ausgeweitet hatte, herrschte weitgehend gespenstische Ruhe. Die Verhandlungen zogen sich bis in die Nacht. Noch kurz vor der Aufgabe des Täters hatte es geheißen, ein Ende sei ungewiss, auch die Erstürmung der Bank sei eine Alternative. Das war schließlich zum Glück nicht nötig.

Das waren die dramatischen Stunden der Geiselnahme im Liveticker.

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