21.12.2012, 13:16

Berlin & Brandenburg Rockerkriminalität - Die Polizei zieht Bilanz für 2012

Razzien, Festnahmen, Haftstrafen: Die Sicherheitsbehörden sind in Berlin und Brandenburg 2012 mit harter Hand gegen Rockerbanden vorgegangen.

Razzien, Festnahmen, Haftstrafen: Die Sicherheitsbehörden gingen in Berlin und Brandenburg 2012 mit harter Hand gegen zwielichtige Motorradclubs vor, gründeten in der Hauptstadt gar eine eigene Taskforce für Rockerkriminalität. Fast wöchentlich gerieten regionale Ableger von Bandidos und Hells Angels in diesem Jahr in die Schlagzeilen.

Wie noch nie zuvor versetzte die Polizei die Szene mit vielen Nadelstichen in Aufruhr: In Berlin kontrollierte die Polizei mehr als 5000 Personen aus der Rockerszene.

36 Anhänger wurden festgenommen. Bis Ende Mai stieg die Zahl der in Berlin aktiven Mitglieder nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf über 1000 an. Zum Vergleich: 1999 waren es nur zwischen 80 und 90 Mitglieder.

Innensenator Frank Henkel (CDU) kündigte deshalb an, noch konsequenter gegen die Clubs vorzugehen: "Mit der selbst gewählten Bezeichnung Outlaws wollen sich Rocker über den Rechtsstaat stellen, dessen Regeln für sie nicht gelten sollen."

Motiv war Rache

Immer wieder gab es Messerstechereien und Schlägereien unter Rockern. Einen blutigen Höhepunkt erlebten die Auseinandersetzungen in der Nacht zum 10. Juni, als André S., der Präsident der Berliner Hells Angels Ortsgruppe Nomads, in Hohenschönhausen niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde. Fünf Monate später stand fest: Den Anschlag hatte ein ehemaliges Führungsmitglied des Clubs in Auftrag gegeben, sein Motiv war Rache.

Den Anfang nehmen die turbulenten Entwicklungen in Berlin-Weißensee. An der Streustraße löst sich am 29. Mai das Chapter Southside der Bandidos auf. Seine Mitglieder laufen zu den Potsdamer Hells Angels über. Am selben Tag gibt das Charter Hells Angels Berlin City seine Auflösung bekannt. Es wird darüber spekuliert, ob die Rocker damit einem möglichen Verbot zuvorkommen wollten.

Großrazzia im gesamten Stadtgebiet

Einen Tag später ist es soweit: Die Hells Angels Berlin City sind Geschichte. Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte das Verbot der Ortsgruppe angeordnet. Die 38 Seiten starke Verbotsverfügung listet Prostitution, Drogenkriminalität, Waffendelikte und organisierte Kriminalität auf.

Bei einer Großrazzia im gesamten Stadtgebiet beschlagnahmen Ermittler das komplette Vereinsvermögen der Rocker. Beamte schleppen Tische, Sessel, Hometrainer und Feuerlöscher aus dem Lokal an der Residenzstraße in Reinickendorf. 550 Polizisten sind im Einsatz. Doch die Rocker sind vorgewarnt, die Razzia ist im Vorfeld verraten worden. Die Suche nach dem Maulwurf in den Reihen der Sicherheitsbehörden beginnt.

Wenige Tage danach sind die Erzrivalen der Hells Angels dran. Rund 1000 Polizisten kontrollieren am frühen Morgen des 7. Juni knapp 80 Objekte der Bandidos in Berlin und Brandenburg. An einem Einsatz in Hennigsdorf ist die Spezialeinheit GSG 9 beteiligt. Über Leitern klettern Polizisten in ein Clubheim. Auf dem Gelände wird ein Hund erschossen.

Hintergrund des Großeinsatzes ist ein seit 2011 laufendes Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft wegen schwerer Bandenkriminalität und Drogenhandels gegen Mitglieder des Chapters Bandidos Del Este.

Schüsse in Hohenschönhausen

Drei Tage später erhellt Blaulicht die Nacht an der Zingster Straße in Hohenschönhausen. Mehrere Schüsse haben den Rockeranführer André S. vor seinem Clubheim "Germanenhof" niedergestreckt. Der Präsident der Nomads liegt schwer verwundet in seinem Blut. Rettungskräfte kämpfen um sein Leben. Der 47-Jährige liegt zwei Tage im Koma. Als er erwacht, verweigert er die Zusammenarbeit mit der Polizei.

Die Ermittler gehen unterdessen weiter mit Härte gegen die Clubs vor. 200 Polizisten durchsuchen am 24. Juli Wohnungen und andere Objekte der Bandidos. Auch die Zelle eines Insassen der Justizvollzugsanstalt Hakenfelde wird überprüft. Fünf Männer werden vorläufig festgenommen.

Anschlag auf Aussteiger geplant

Zwei Tage später knöpfen sich die Ermittler das Vereinsheim der Hells Angels Gruppe East Area in Potsdam vor. Zudem durchsuchen sie 15 Wohnungen in Berlin und Brandenburg. Sie finden mehr als 50 Macheten, 28 Messer, ein Samurai-Schwert, Baseballschläger und andere Waffen. Im August wird bekannt, dass drei im Rostocker Überseehafen festgenommene Sympathisanten der Bandidos möglicherweise einen Anschlag auf ehemalige Mitglieder in der Hauptstadt planten.

Einen Ermittlungserfolg verzeichnet die Task Force Rocker am 21. November. In den frühen Morgenstunden nehmen Spezialkräfte der Polizei zwei Männer in ihren Wohnungen in Wilmersdorf und im brandenburgischen Altlandsberg fest, darunter der 51-jährige Ex-Präsident der Berliner Nomads.

Er soll den Mordanschlag auf André S. in Auftrag gegeben haben und einen 63-Jährigen dazu angestiftet haben. Ein dritter Tatverdächtiger ist flüchtig. Bei ihm soll es sich um den mutmaßlichen Schützen handeln. Er soll für Geld auf André S. geschossen haben.

In Brandenburg vermuten die Sicherheitsbehörden unterdessen, dass sich die Szene in der Region neu organisiert hat. Zwar hat sich das Charter Hells Angels MC Potsdam im Juni selbst aufgelöst, kurze Zeit später wurden mit dem Hells Angels MC East Area neue Strukturen geschaffen.

Ein bekannter Treffpunkt ist das ehemalige Clubhaus des Charters Potsdam, ein Lokal an der Charlottenstraße. Dass sich die Rockerkriminalität aber vollständig nach Brandenburg verlagert, halten die Ermittler für unwahrscheinlich.

(dapd/mim)
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