20.12.12

Pyjama-Entlassung

In Berlin fehlt es an Plätzen für kranke Obdachlose

Die Charité soll einen desorientierten, alkoholkranken Wohnungslosen im Pyjama "abgeladen" haben. Der Fall sorgt für Empörung.

Foto: dapd

Wieder gibt es Vorrwürfe gegen die Charité
Wieder gibt es Vorwürfe gegen die Charité

Der alkoholkranke Obdachlose, der im Schlafanzug aus der Charité zur Wohnhilfe gebracht worden war, ist wieder in einem Krankenhaus. "Wir suchen weiter einen Platz für ihn in einer Unterkunft mit pflegerischem Betreuungsanteil und hoffen, dass noch im Dezember etwas frei wird", sagte der Sozialstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Knut Mildner-Spindler (Linke), am Donnerstag. Doch derzeit seien alle Plätze dieser Art belegt.

Speziell für akut alkoholkranke Wohnungslose gibt es besondere Wohnheime, wie sie zum Beispiel der Träger Gebewo Soziale Dienste unterhält. Das Gutachter-Verfahren, das für die Aufnahme notwendig sei, dauere jedochoft lange, berichtete Gebewo-Geschäftsführer Robert Veltmann. Und viele Betroffene scheuten den dafür notwendigen Gang zum sozialpsychiatrischen Dienst eines Bezirks.

Die diesjährige Kältehilfe startete Anfang November in Berlin, zur Zeit gibt es 415 Schlafplätze. Zu wenig, bemängeln Hilfsorganisationen. 500 Plätze seien nun aber bis März finanziert, sagte Franciska Obermeyer, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung. Doch die Bezirke seien mit der Einrichtung dieser Plätze noch nicht alle nachgekommen. Obdachlose auf der Suche nach einem Schlafplatz würden aber auf keinen Fall abgewiesen.

Bei schwer alkoholkranken Obdachlosen greife zuerst das Prinzip, eine Unterkunft zu finden, erläuterte Obermeyer. Erst danach gehe es auch um Hilfen gegen die Sucht. "Voraussetzung ist aber immer, dass ein Obdachloser bereit ist, diese Hilfe auch anzunehmen", sagte die Sprecherin. Erst dann könnten Hartz IV, Krankenversicherung und Entwöhnung beginnen.

500 bis 600 Obdachlose leben in Berlin

Derzeit wird die Zahl der Obdachlosen in der Hauptstadt auf 500 bis 600 geschätzt. Sozialstadtrat Mildner-Spindler berichtet: "Wir haben bei unseren Sprechzeiten mittlerweile einen Wachschutz." Weil die Zahl der Bedürftigen steige und so viele Übernachtungsanfragen abgelehnt werden müssten, sei es bei der Wohnhilfe schon vermehrt zu Übergriffen gekommen. "Es kommen ja nicht nur Obdachlose, sondern auch Menschen, die kurz vor der Wohnungsräumung stehen."

Mildner-Spindler kritisierte erneut den Umgang der Charité mit dem Obdachlosen. "Die wollten ihn loswerden." Die Charité hingegen betonte, dass der Termin, an dem der Mann zur Wohnhilfe gebracht wurde, beidseitig abgesprochen war. "Wir haben uns frühzeitig an die Wohnhilfe gewandt. Der Termin wurde uns bestätigt", sagte eine Charité-Sprecherin.

Der Obdachlose war laut Bezirksamt als Notfall mit Alkoholvergiftung zwei Wochen lang in der Charité behandelt worden. Am Montag hatte er sich geweigert, die bereitgestellten Kleidungsstücke anzuziehen, und war daraufhin im Pyjama, die Kleider in Plastiktüten dabei, mit dem Krankenwagen zur Wohnhilfe gefahren worden.

Quelle: dpa/bee
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