20.12.12

Wohlfahrtsverband

Berlin entwickelt sich zum Armenhaus Deutschlands

Jeder fünfte Berliner ist von Armut bedroht, Tendenz steigend. Klaus Wowereit verspricht nun Maßnahmen dagegen.

Foto: dpa

Obdachloser in der Friedrichstraße: Die Armut wächst in Berlin besonders rasant
Obdachloser in der Friedrichstraße: Die Armut wächst in Berlin besonders rasant

Die Armutsgefährdung in Berlin ist nach einem Bericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands zwischen 2010 und 2011 dramatisch gewachsen. Binnen eines Jahres sei der Anteil armutsgefährdeter Menschen um fast zwei Prozentpunkte auf 21,1 Prozent geklettert, teilte der Verband am Donnerstag mit. Zwischen 2006 und 2011 sei die Armutsquote um 24,1 Prozent gestiegen.

Neben Städten im Ruhrgebiet stelle Berlin damit die mit Abstand besorgniserregendste Region Deutschlands dar. Der Paritätische geht von den Daten des Mikrozensus aus. Als armutsgefährdet gilt danach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens hat: Das waren 2011 für einen Alleinstehenden 848 Euro im Monat. Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, sagte, diese Daten seien die aktuellsten und die genauesten; der neue Armutsbericht der Bundesregierung basiere auf älteren Zahlen.

Wowereit sieht Schieflage trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) kündigte Maßnahmen gegen die wachsende Armutsgefährdung in der Hauptstadt an. "Die Ergebnisse des Berichts muss man ernst nehmen und entsprechend darauf reagieren", sagte Wowereit am Donnerstag.

Er wies darauf hin, "dass auch wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt die Gefahr der Schieflagen steigt. Diesen Verwerfungen müssen wir begegnen." Dazu gehörten bessere berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten. "In erster Linie spricht dieser Bericht für die Notwendigkeit der Einführung eines Mindestlohns, für den sich meine Partei seit langem stark macht."

In ganz Deutschland lag die Armutsgefährdungsquote 2011 bei 15,1 Prozent und damit erstmals über 15 Prozent. Hauptgeschäftsführer Schneider sagte, Deutschland sei "ein regional tief zerrissenes Land". Die Bundesregierung könne nicht davon ausgehen, dass sich die Lage stabilisiere. Aktuelle Zahlen zeigten ein "drastisch anderes Bild".

Deutschland tief gespalten

Im bundesweiten Vergleich sind Bayern und Baden-Württemberg am besten dran. Im Mittelfeld bewegen sich neun Länder, Schlusslicht ist der Stadtstaat Bremen mit einer Armutsquote von 22,3 Prozent, knapp davor Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen. In Bremen lebt ein doppelt so hoher Teil der Bevölkerung an der Armutsschwelle wie in Baden-Württemberg.

Die Spaltung verläuft der Studie zufolge nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen den wirtschaftsstarken Ländern im Süden, einem ost-west-gemischten Mittelfeld und den fast abgehängten Ländern und Stadtstaaten.

Insgesamt hätten sich 2011 negative Trends verstärkt, sagte Schneider. Als einziges Bundesland habe Thüringen noch eine sinkende Armutsquote zu verzeichnen, die aber mit 16,7 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Paritätische Wohlfahrtsverband fordert Sofortprogramm

Besorgniserregend sei, dass der Trend schon seit 2006 nach oben weise, unterstrich der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Armut habe sich offenbar von der Wirtschaftsentwicklung entkoppelt. Die "Amerikanisierung des Arbeitsmarkts" sei bewusst vorangetrieben worden. Es gebe weniger Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger als Arme, sagte Schneider: "Das ist ein unübersehbarer Fingerzeig auf Niedriglöhne und prekäre, nicht auskömmliche Beschäftigungsverhältnisse."

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert ein Sofortprogramm gegen die Armut. Dazu zählten Mindestlöhne, Mindestrenten und auch ein Mindest-Arbeitslosengeld, höhere Hartz-IV-Sätze und mehr Wohngeld, sagte Schneider. Dies koste zwischen 10 und 20 Milliarden Euro. Ein reiches Land wie Deutschland sei aber in der Lage, die Armut zu bekämpfen.

Quelle: dpa/epd/ap
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