18.12.12

Sicherheit

Polizei-Chef Klaus Kandt sieht keine Verwahrlosung Berlins

Auf den neuen Polizeipräsidenten warten viele Baustellen: die NSU-Affäre, Rockerkriminalität, öffentliche Gewalt. Klaus Kandt im Interview.

Von Michael Behrendt, Christine Richter
Foto: Glanze

Neuer Arbeitsplatz: Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt in seinem Dienstzimmer
Neuer Arbeitsplatz: Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt in seinem Dienstzimmer

Gewalt in der Öffentlichkeit, antisemitische Übergriffe, jugendliche Koma-Trinker, Personaleinsparungen bei der Polizei: Berlins neuer Polizeipräsident Klaus Kandt steht vor großen Aufgaben.

Am Montag bezog er sein neues Büro im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke. Dabei zwei Umzugkartons und ein kleiner Rucksack.

Der ehemalige GSG9-Beamte, SEK-Teamführer in Berlin, Präsident des Polizeipräsidiums in Potsdam und zuletzt Präsident der Bundespolizeidirektion Berlin nahm sich dennoch die Zeit, Morgenpost Online erste Fragen zu beantworten. Das Interview führten Michael Behrendt und Christine Richter.

Morgenpost Online: Herr Kandt, zunächst herzlichen Glückwunsch zur Ernennung. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis Berlin wieder einen Polizeichef hat. Was bedeutet Ihnen der Posten?

Klaus Kandt: Eine große Ehre, aber auch eine große Herausforderung. Die Berliner Polizei macht einen guten Job, und ich will helfen, dass es so weitergeht. Ich kann Ihnen heute an meinem ersten Arbeitstag allerdings noch keine Agenda bieten. Ich brauche zunächst Binnenansichten, um die Prioritäten zu setzen. Im Laufe der Woche werde ich mich mit den Direktionsleitern, den Stäben und anderen Verantwortlichen zusammensetzen und Gespräche führen.

Morgenpost Online: Es gab in den vergangenen Monaten schwere Gewaltübergriffe – in der U- und S-Bahn, auf öffentlichen Plätzen. Brauchen wir noch mehr Videoüberwachung?

Klaus Kandt: Dieses Instrument bringt in der Strafverfolgung einiges, mit Videoüberwachung geht aber auch nicht alles. Bei der BVG wird ja jeder U-Bahnhof per Video überwacht, bei der S-Bahn nicht. Wo sich die Straftaten häufen, sollten die Wohnungsbaugesellschaften und privaten Träger des öffentlichen Bahn- und Fernverkehrs allerdings darüber nachdenken. Natürlich muss man berücksichtigen, dass dies auch Geld kostet. Aber das müssen die Verkehrsunternehmen und auch die Politik entscheiden.

Morgenpost Online: Nach der tödlichen Prügelattacke auf den 20 Jahre alten Jonny K. (20) Mitte Oktober am Alexanderplatz und nach anderen Übergriffen auf Fahrgäste wächst die Angst bei den Bürgern. Ist Berlin eine Hochburg von Gewalttätern?

Klaus Kandt: Man läuft nicht überall in der Stadt Gefahr, Opfer von Gewalt oder auch als Unbeteiligter in Schlägereien hineingezogen zu werden. Es sind einige Brennpunkte, das kenne ich bereits aus meiner Zeit bei der Bundespolizei in Berlin. Daher muss auch schwerpunktmäßig gearbeitet werden. Mit der mobilen Wache am Alexanderplatz ist ein Schritt in diese Richtung getan worden. Zudem hat beispielsweise die Bundespolizei und auch die Berliner Polizei zu den einsatzrelevanten Zeiten das Personal verstärkt. Diese Präsenz kann zwar nicht alles verhindern, aber schon ein Menge. Zudem gelingt es immer öfter, zeitnah zu dem Übergriff den Täter auch zu stellen.

Morgenpost Online: Haben Sie den Eindruck, dass Berlin immer mehr verwahrlost? Immer mehr Betrunkene werden aufgegriffen, es gibt Flatrate-Partys mit alkoholvergifteten Jugendlichen, Hütchenspieler sind in der City West am Adventswochenende anzutreffen.

Klaus Kandt: Ich würde nicht sagen, dass Berlin verwahrlost. Sicherlich ist es ein neuer und trauriger Trend, dass immer mehr Menschen bereits in der U- oder Straßenbahn ihr Feierabendbier trinken. Vor wenigen Jahren ist es auch noch nicht vorgekommen, dass sich die Jugendlichen vor den Clubs "anglühen", wie man das nennt, oder auf dem Weg zur Disco ihr Bier dabeihaben. Ein Sitznachbar mit einer Bierflasche im U-Bahn-Zug ist kein schöner Anblick, das ist richtig. Das ist aber zum Glück nicht überall so.

Morgenpost Online: Sind Sie für ein generelles Alkoholverbot in der Öffentlichkeit?

Klaus Kandt: Wenn man etwas verbietet, dann muss man dieses Verbot finanziell und personell auch durchsetzen können. Das muss die Politik, nicht die Polizei entscheiden.

Morgenpost Online: Es gab auch in diesem Jahr antisemitische Übergriffe, ein Rabbi wurde in Gegenwart seiner Kinder angegriffen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Nimmt der Antisemitismus in Berlin wieder zu?

Klaus Kandt: Ich bin bei einzelnen Vorkommnissen immer vorsichtig. Die Zahlen antisemitischer Übergriffe sind seit Jahren konstant. Jeder antisemitische Angriff ist einer zu viel, und es gibt in dieser Stadt antisemitisches Potenzial, auch unter der arabischstämmigen Bevölkerung. Diese Form der Gewalt stellt aber keinen herausragenden Schwerpunkt dar.

Morgenpost Online: Die Einbruchszahlen sind in diesem Jahr stark gestiegen, in den Innenstadt-Bezirken, aber auch in Einfamilienhäuser in den Außenbezirken. Innensenator Frank Henkel hat die Bekämpfung dieses Delikts zu einem seiner Schwerpunkte erklärt. Richtig so?

Klaus Kandt: Die große Zahl der Einbrüche ist in jedem Fall ein Problem und eine schreckliche Erfahrung für jeden Betroffenen. Deswegen wird in Berlin beispielsweise die kriminalpolizeiliche Beratung wieder als kostenloser Service angeboten. Zu taktischen Konzepten kann ich Ihnen an meinem ersten Arbeitstag aber noch nichts mitteilen, haben Sie bitte Verständnis dafür.

Morgenpost Online: In den vergangenen Jahren haben die Rocker-Clubs die Polizei auf Trab gehalten.

Klaus Kandt: Die Wege zur Bekämpfung dieser Kriminalitätsform sind vorgezeichnet. Verbote wurden umgesetzt, weitere sind in Vorbereitung. Die Sicherheitsbehörden in Berlin und Brandenburg arbeiten eng zusammen, weil diese Gruppierungen länderübergreifend agieren. Rocker sind ernst zu nehmende Gegner, denen man sich in den Weg stellen muss.

Morgenpost Online: Warum haben die Rockerbanden starken Zustrom? In Brandenburg hat sich beispielsweise die Zahl der Mitglieder von Rockerclubs verdoppelt.

Klaus Kandt: Irgendwie scheinen die von diesen Personen zelebrierten Eigenschaften wie Geschlossenheit, Stärke und Dominanz einen starken Reiz auszuüben. Zudem haben sich die Rockerclubs geöffnet, so werden seit einigen Jahren auch Migranten aufgenommen. Andere wiederum haben eine Nähe zu rechten Organisationen. Ich habe bereits in meiner Zeit bei der Polizei in Frankfurt (Oder) diesen Kriminellen den Kampf angesagt. Das wird auch so bleiben.

Morgenpost Online: In diesem Jahr wurde im Zusammenhang mit dem NSU-Terrortrio Kritik am Berliner Landeskriminalamt laut, weil eine von dort geführte V-Person Informationen zu diesen Terroristen geliefert haben soll, die zunächst nicht bekannt geworden sind. Überprüfen Sie jetzt alle V-Leute der Berliner Polizei?

Klaus Kandt: Der Fall wird intern untersucht, und ich werde ihn mehr sehr genau anschauen. Ich habe mich mit den Vorwürfen zu den Ermittlungspannen im Zusammenhang mit dem NSU und zur Koordination zwischen den einzelnen Sicherheitsbehörden bislang aber nicht befasst. Nach allem, was ich weiß, sind Kommunikationsverbesserungen zwischen den Sicherheitsbehörden wohl möglich.

Morgenpost Online: Die Gewerkschaften sprechen von massiven personellen Engpässen Ihrer neuen Behörde. Haben sie recht?

Klaus Kandt: Die Berliner Polizei ist zusammengespart worden. Es sind Neueinstellungen beschlossen worden, bei allem Verständnis für die Probleme muss die Polizei aber immer noch bezahlbar sein. Das ist also auch eine politische Frage.

Morgenpost Online: Bleibt Margarete Koppers Ihre Stellvertreterin?

Klaus Kandt: Ja.

Morgenpost Online: Kürzlich haben Sie gesagt, dass Sie Berlin so sehr mögen. Was denn genau?

Klaus Kandt: In Berlin ist alles sehr lebendig, und hier wird Geschichte geschrieben. Ich war beim Mauerfall dabei. Ein großartiges Erlebnis. Heute kann man zum Vietnamesenmarkt nach Lichtenberg fahren, aber auch in die Staatsoper gehen. Das ist spannend. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und ich könnte nie mehr zurück.

Morgenpost Online: Wird sich Ihr Leben durch den neuen Job verändern?

Klaus Kandt: Ich muss einen neuen Rhythmus finden, aber das wird mir gelingen. Ich muss mich allerdings erst daran gewöhnen, dass mich die Menschen auf der Straße erkennen.

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