16.12.2012, 07:34

Vorschulkinder Sprachtest verweigert - Senatorin droht Eltern mit Bußgeld


In Berlin hat jeder fünfte Schulanfänger Probleme mit der Sprache

Foto: Marion Hunger

In Berlin hat jeder fünfte Schulanfänger Probleme mit der Sprache Foto: Marion Hunger

Von Regina Köhler

Für den Schulerfolg sind Sprachkenntnisse unerlässlich. Viele Kinder treten aber gar nicht zum Test an. Die Behörde plant Zwangsmaßnahmen.

In Berlin müssen alle Vierjährigen, die keine Kindertagesstätte besuchen, an einem Sprachtest teilnehmen – doch 70 bis 80 Prozent dieser Kinder werden von ihren Eltern nicht für den Test angemeldet, obwohl dieser seit 2008 verpflichtend ist. Möglicher Förderbedarf bleibt so unentdeckt. In den vergangenen Jahren hatte etwa die Hälfte der betroffenen Kinder Sprachprobleme.

Das geht aus der Beantwortung einer Kleinen Anfrage des Schulpolitikers Özcan Mutlu (Grüne) hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Demnach sind in diesem Jahr von 2122 Vierjährigen, die nicht in einer Kita betreut worden sind und deshalb den Sprachtest hätten absolvieren müssen, lediglich 633 von ihren Eltern zur Sprachstandserhebung vorgestellt worden (29,8 Prozent).

Zehn Prozent der Grundschüler können schlecht lesen

Mutlu fordert die Bildungsverwaltung auf, endlich zu handeln. "Frühkindliche Bildung ist entscheidend für den späteren Schulerfolg", sagte er. Zuletzt hätten die Ergebnisse der Iglu-Lesestudie gezeigt, dass in Deutschland mehr als zehn Prozent der Grundschüler so schlecht lesen können, dass sie auf einer weiterführenden Schule nicht mitkommen werden. "Dieses Ergebnis hat natürlich auch mit einer mangelhaften frühkindlichen Betreuung zu tun", sagte Mutlu.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat das Problem offenbar erkannt. Sie plant eine Änderung des Schulgesetzes. Mit Bußgeld will sie die Eltern zwingen, ihre Kinder zum Test zu bringen. "Es ist nicht zu akzeptieren, dass Eltern ihre Kinder nicht an dem Sprachtest teilnehmen lassen", sagt sie der Morgenpost. Dadurch würden ihnen Perspektiven verbaut, ein Jahr vor der Schule Förderung zu erfahren. Zwar dürfen die Schulämter auch jetzt schon Mahnungen versenden und Zwangsgelder verhängen, wenn Eltern mit ihren Kindern nicht zum Test erscheinen. Offensichtlich hat das aber nicht dazu geführt, dass mehr Eltern dieser Pflicht nachgekommen sind.

40 Prozent der Kinder in Neukölln hat Sprachdefizite

Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin in Neukölln, hält das geplante Vorgehen von Bildungssenatorin Scheeres für unbedingt erforderlich. "Das ist ganz im Sinne der Kinder", sagt sie. In Nord-Neukölln würden noch immer 40 Prozent der Kinder mit großen Sprachdefiziten eingeschult. Der größte Teil dieser Kinder sei zumindest in den ersten drei Lebensjahren nicht in der Kita gewesen. Viele von ihnen würden auch nicht an dem verpflichtenden Sprachtest teilnehmen.

"Die Eltern müssen rechtzeitig angeschrieben werden", sagt Özcan Mutlu und schlägt vor, die regelmäßig fällig werdenden Vorsorgeuntersuchungen zu nutzen, um die Eltern zum Sprachtest einzuladen. Bisher werden Eltern, deren Kinder keine Kita besuchen, bis zum 1. März im Jahr vor dem Schuleintritt ihrer Kinder aufgefordert, diese zur Sprachstandserhebung vorzustellen.

Die Tests finden dann vom 15. April bis 31. Mai des Jahres statt. Das Testergebnis wird dem Schulamt mitgeteilt. Kinder, die Förderbedarf haben, müssen anschließend einen Halbtagsplatz in der Kita belegen. Bisher reichten drei Stunden täglich. Seit Kurzem müssen es fünf Stunden sein.

Eltern verweigern sich

Die Gründe dafür, dass Eltern die Sprachtests für ihre Kinder nicht wahrnehmen, sind verschieden. Laut Bildungsverwaltung verweigern etliche Eltern die Teilnahme ihrer Kinder am Test grundsätzlich. Viele Einladungen sind auch nicht zustellbar. Hinzu kommt, dass etliche Kinder ihren Lebensmittelpunkt gar nicht in Berlin haben, sondern bis zum Schuleintritt bei der Oma in der Türkei leben.

Scheeres will den Druck auf die Eltern auch deshalb erhöhen, weil in Berlin jeder fünfte Schulanfänger Probleme mit der Sprache hat. Das zeigte die Auswertung der Einschulungsuntersuchungen von rund 27.000 Kindern im Jahr 2011.

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