10.12.12

Winterwetter

Tauwetter und Minusgrade – Berlin kommt ins Schlittern

Schnee + Tauwetter + Frost = Glatteisgefahr. Besonders am Morgen kann es rutschig werden – S-Bahn-Fahrgäste erlebten "Schwarzen Montag".

Foto: dapd

Der Schnee vom Wochenende verwandelte sich am Montag in Matsch. Nachts sollte es aber frieren. Es drohte Glatteis.
Der Schnee vom Wochenende verwandelte sich am Montag in Matsch. Nachts sollte es aber frieren. Es drohte Glatteis.

Autofahrer müssen am Dienstagmorgen mit Glatteis auf Berlins Straßen rechnen. Bereits am Montagnachmittag hatte überfrierende Nässe für Verkehrsbehinderungen gesorgt, im Berufsverkehr ereigneten sich viele Unfälle. So kam es zwischen 15 bis 16 Uhr zu 53 Zusammenstößen, zwischen 16 und 17 Uhr waren es laut Polizei sogar 97 Unfälle, die meist glimpflich abliefen. Bis 18 Uhr kamen 72, bis 19 Uhr weitere 39 Unfälle hinzu.

Der Grund für die glatten Straßen und Gehwege: Die Temperaturen kletterten tagsüber auf knapp über null Grad, am Nachmittag fielen sie dann aber wieder unter den Gefrierpunkt.

Diese Wetterlage wird auch am Dienstag anhalten. Denn aus dem Osten kommt wieder kalte Luft nach Deutschland. "Fußgänger und Autofahrer müssen sich in Berlin und Brandenburg vor überfrierender Nässe in Acht nehmen", sagt Wolfgang Harno, Meteorologe des Deutschen Wetterdiensts in Potsdam. Grund ist ein Tiefdruckgebiet, das langsam von Sachsen in Richtung Riesengebirge zieht. Dadurch kann wieder kalte Luft aus Polen zu uns gelangen.

Für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch erwartet der Wetterdienst leichten Schneefall. "Das ist zwar nicht so schlimm wie Eisregen, sorgt aber für zusätzliche Glätte", sagt Harno. In den kommenden Tagen bleibt es winterlich. Frühestens am Donnerstag, möglicherweise auch erst am Freitag könnte es erneut zu leichtem Tauwetter kommen.

Weniger Verletzte als vergangene Woche in Berlin

Im Berliner Unfallkrankenhaus in Marzahn wurden über den Tag verteilt zehn Patienten behandelt, die sich wegen der Glätte verletzt hatten. Das ist deutlich weniger als vergangene Woche, als es zum ersten Mal richtig glatt auf Berlins Straßen wurde. Damals wurden von Donnerstag bis Freitag Nachmittag rund 60 Patienten behandelt.

"Das ist typisch, denn die erste Glätte der Saison ist immer die schlimmste", sagt Angela Kijewski, Sprecherin des Krankenhauses. "Danach haben sich die Leute besser daran gewöhnt und ziehen feste Schuhe an." Typische Verletzungen sind Kopfplatzwunden, Gehirnerschütterungen, Rückenprellungen und Gelenkbrüche.

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat angesichts der Wetterlage den Beginn des Frühräumdienstes am Dienstag um drei Stunden von 6 Uhr auf 3 Uhr vorgezogen. Besonders wichtig sei das Räumen der Haltestellenbereiche, um den Busverkehr aufrecht zu erhalten, sagte BSR-Sprecherin Sabine Thümler.

Am Montagabend war die Straßenreinigung in der Spätschicht bis 22 Uhr mit 480 Fahrzeugen im Einsatz gewesen. Die Unfalllage am Montag hatte keine größere Auswirkung auf den Rettungsdienst der Feuerwehr. In der Leitstelle war von einer "normalen Einsatzlage" die Rede. Vermutlich sei die große Mehrzahl der Unfälle ohne Personenschäden verlaufen, hieß es weiter.

"Schwarzer Montag" für S-Bahn-Fahrgäste

Bei der Berliner S-Bahn kam es zum Wochenstart erneut zu Ausfällen und Verspätungen. Vor allem auf den Ringbahnlinien S41 und S42 lief im Berufsverkehr am Montagmorgen zeitweise fast nichts mehr. Grund war ein liegengebliebener Zug im Bahnhof Westhafen. Zunächst meldete die S-Bahn nur eine "technische Störung" an dem Fahrzeug. Stunden später kam heraus, dass Rauchentwicklung am Zug zunächst einen Feueralarm und in der Folge die erheblichen Einschränkungen im Ringbahn-Verkehr ausgelöst hatte.

Erneut traf es einen Zug der Baureihe 480. Bei S-Bahn-Insidern sind die 480er als "Toaster" bekannt – nicht nur, weil sie so heißen wie der bekannte Siemens-Brotröster "BR 480"aus den 50er-Jahren, sondern auch wegen einer auffälligen Häufung von Brandvorfällen. In der Vergangenheit hatte es bei Zügen dieses Typs mindestens sieben Störfälle durch Brände oder Rauchentwicklung gegeben.

Der folgenschwerste Unfall ereignete sich im August 2004. Im unterirdischen Anhalter Bahnhof brannte ein Zug der Linie S25 nach einem Kurzschluss völlig aus. Verletzt wurde zwar niemand, doch weil Rauch den gesamten Bahnhof vergiftet hatte, musste die Station vier Monate komplett gesperrt werden.

Schaden an der Elektrik gilt als Ursache

Auch bei dem Feueralarm am Montagmorgen gilt ein Schaden an der Elektrik als wahrscheinliche Ursache. Gegen 5.40 Uhr bemerkte der Triebfahrzeugführer, dass aus einem der an der Unterseite des Zuges montierten Fahrmotoren Rauch aufstieg. Noch bevor die alarmierte Feuerwehr eintraf, löschten S-Bahn-Mitarbeiter den Brand. Der Zug wurde vorsorglich evakuiert, wie ein S-Bahnsprecher bestätigte. Er blieb zunächst im Bahnhof stehen und blockierte eines der beiden Gleise.

Weil zeitgleich ein Notarzteinsatz am Bahnhof Wedding für Sperrungen sorgte, war das Chaos auf dem Ring perfekt. Erst nach etwa zwei Stunden konnte der beschädigte Zug aus eigener Kraft in die Werkstatt weiterfahren. Bis in den späten Vormittag kam es deshalb noch zu Verspätungen und Ausfällen.

Die genaue Ursache für die Rauchentwicklung an dem Motor soll nun eine Untersuchung in der Werkstatt ergeben, wie ein Sprecher betonte. Das Eisenbahn-Bundesamt will sich nach Angaben einer Sprecherin vom Ergebnis der Untersuchung informieren lassen. Zuletzt hatte ein Kurzschluss in einem offenbar überhitzten 480er-Fahrmotor im Februar 2010 in Pankow für Feueralarm gesorgt.

Winterwetter macht der S-Bahn erneut zu schaffen

Am Montag sorgte aber nicht nur der Feueralarm am Westhafen für Einschränkungen bei der S-Bahn. Auch das winterliche Wetter machte dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn erneut zu schaffen, wie ein Sprecher bestätigte.

So habe es mehrere Antriebsstörungen an Zügen der noch zu DDR-Zeiten entwickelten Baureihe 485 gegeben. An anderen Fahrzeugen waren Türen durch Splitt, Schnee und Eis derart blockiert, dass sie in Handarbeit wieder gängig gemacht werden mussten. Auf der Linie S2 (Bernau–Blankenburg) kam es zu Verspätungen, weil ein Zug zwischenzeitlich nur noch maximal 60 Stundenkilometer schnell fahren durfte. Grund: Die Besandungsanlage – eine Art ABS für Züge – war nicht mehr gefüllt.

Noch größere Einschränkungen gab es für die Fahrgäste der S7 (Potsdam–Wartenberg). Nach einer Weichenstörung im Grunewald fuhren die Züge auf der vor allem von vielen Berufspendlern genutzten Linie zwischen den Stationen Potsdam Hauptbahnhof und Westkreuz noch am Nachmittag nur alle 20 Minuten, statt wie gewohnt im 10-Minuten-Takt.

Bombenfund und Tunnelsperrung

Und das war noch nicht das Ende des "schwarzen Montags" für die Nutzer der S-Bahn. Am Vormittag führte ein Bombenfund zu einer Vollsperrung der Linie S3 zwischen den Bahnhöfen Friedrichshagen und Erkner. Bei einer geplanten Suche in einem Waldgebiet zwischen der Fürstenwalder Allee und der Bahntrasse war gegen 10.20 Uhr eine 50-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden.

Sprengstoffexperten der Polizei kamen zu der Fundstelle, um zu entscheiden, ob kontrolliert gesprengt oder entschärft werden sollte, sagte eine Polizeisprecherin. Die Bahntrasse wurde vorsorglich gesperrt. Betroffen war auch der Fern- und Regionalverkehr in Richtung Frankfurt (Oder). Um 13.15 Uhr meldete die Polizei schließlich, der Zünder sei erfolgreich entfernt worden. Der Verkehr auf den Schienen konnte wieder anlaufen.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) gab es am Montagmorgen ebenfalls Ausfälle und Verspätungen. Betroffen war die U-Bahnlinie U7 (Rathaus Spandau–Rudow). Um 8.17 Uhr hatte ein Triebfahrzeugführer in einer Tunnelnische nahe dem Bahnhof Zitadelle eine Person bemerkt. Der BVG-Mitarbeiter alarmierte die Leitstelle.

Der Verkehr wurde unterbrochen, weil für die Suche nach der Frau der Strom abgestellt werden musste. Als die BVG-Mitarbeiter sie fanden, habe die Frau sich aber geweigert die Nische zu verlassen, sagte ein BVG-Sprecher. Die Polizei musste anrücken. Erst nachdem der ungebetene Gast im Tunnel schließlich abgeführt wurde, konnte der Verkehr auf der U7 wieder planmäßig rollen. Nach Polizeiangaben wurde die offenbar geistig verwirrte Frau in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung gebracht.

Kaum Unfälle am Morgen auf den Straßen

Auf den Straßen war vor allem auf viel befahrenen Strecken der Schnee am frühen Morgen zum größten Teil schon wieder weggetaut. Die Zahl der Einsätze sei normal gewesen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch die Polizei sprach von einem ruhigen Morgen. Zwischen Mitternacht und 9 Uhr seien 75 Unfälle verzeichnet worden. Im Lauf des Tages normalisierte sich die Lage weiter. Autofahrer kamen nur auf nicht geräumten Straßen langsamer voran als sonst.

Auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld streikte am Montagmorgen das Sicherheitspersonal kurz. Der Warnstreik führte ebenso wie der feuchte Schnee zu Verspätungen.

Schwierigkeiten auf Straßen und Schienen am Wochenende

Nennenswerte Behinderungen für die Schifffahrt habe es noch nicht gegeben, teilte das Wasser- und Schifffahrtsamt mit. Die Eisbrecher hätten bisher nicht eingreifen müssen.

Am Wochenende hatte starker Schneefall zu größeren Schwierigkeiten auf Straßen und Schienen geführt. In Berlin fielen bis zu zehn Zentimeter Schnee. Die Minusgrade könnten zudem den ersten Kältetoten gefordert haben: Am Sonnabend war ein Mann leblos in einem Kreuzberger Hinterhof gefunden worden. Ob er wirklich erfroren ist, stehe aber noch nicht fest, sagte ein Sprecher der Polizei.

Für die kommenden Tage erwarten die Meteorologen wieder frostige Temperaturen. Bis Donnerstag bleiben die Werte unter Null. Erst zum Wochenende soll es wieder wärmer werden.

Quelle: dapd/alu
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